Wertschätzung

3. Juni 2020

Wertschätzung lässt Verbundenheit und Vertrauen wachsen. Es ist der Treibstoff für die Straße des Lebens, den wir täglich brauchen“ (Jeanette Holdingausen).

Wieso beginnen wir also erst die Dinge wertzuschätzen, wenn wir sie nicht mehr haben oder sie nicht mehr greifbar sind? Vielleicht fühlen wir uns deshalb an so vielen Tagen träge, schlapp und ohne Motivation. All das, weil wir nicht jeden Tag wertschätzen, nicht die kleinen, positiven Dinge zu schätzen wissen? Hätten wir mit mehr Wertschätzung den nötigen Treibstoff, den wir bräuchten, um jeden Tag unsere Straße des Lebens energievoll zu bestreiten? Warum haben die negativen Dinge so viel Gewicht, sodass die positiven Dinge in Vergessenheit geraten?

Wertschätzung bedeutet das Schätzen von einzelnen oder mehreren messbaren Eigenschaften einer Sache oder von Individuen. Was würde passieren, wenn wir einzelne Sachen oder Personen mehr wertschätzen würden? Würden wir dann positiver, glücklicher und zufriedener durch das Leben ziehen? Eigentlich ist die Antwort ganz einfach – ja würden wir! Wieso also nicht gleich mit mehr Wertschätzung beginnen? Deshalb appelliere ich an die Leser dieses Blogeintrages, für einen kurzen Moment in sich zu gehen und die Augen zu schließen. Denkt an Personen und Sachen, die ihr in eurem Leben schätzt. Denkt an den heutigen Tag und jedes noch so kleine, positive Ereignis, dass ihr noch nicht wertgeschätzt habt. Ich bin der Meinung, dass mit mehr Wertschätzung die Menschheit präsenter wäre und mehr im Moment leben würde.

Mit diesem Blogeintrag will ich mich genauer mit den Dingen befassen, die ich an meinem Jahr in Costa Rica wertschätze. Ich will nicht erst damit anfangen, wenn ich wieder in Deutschland bin und die Personen und Sachen so weit weg oder ungreifbar sind. Ich möchte über die Dinge nachdenken, die ich hier liebe, für die ich dankbar bin, die ich anerkenne. Ich möchte mehr Treibstoff für meine Straße des Lebens sammeln. Ich will nicht enttäuscht in Deutschland sitzen, weil ich gewisse Momente und Personen nicht wertgeschätzt habe und sie deshalb in Vergessenheit geraten sind.

German, unser Nachbar

Ein schon etwas älterer Mann mit einem großen Herz für Mensch und Tier. German ist einer der herzlichsten Menschen, die ich kenne. Ich habe großen Respekt vor ihm. ich schätze und achte ihn sehr. German arbeitet als Security nachts vor einer Bar. Das ganze 12 Stunden und 6 Tage die Woche. Meistens sind es sogar deutlich mehr als 12 Stunden, da er in der letzten Zeit häufig viel später als normal von der Arbeit zurück gekommen ist. Heute beispielsweise kam er erst um 8 Uhr morgens zurück, obwohl seine Schicht eigentlich um 6 Uhr zu Ende ist. Von 18 Uhr abends bis 8 Uhr morgens arbeiten – das sind 14 Stunden! Für mich unvorstellbar. Und ob er die Überstunden bezahlt bekommt? Wohl eher nicht. Dazu kommt, dass er bei seinem Job kaum Geld verdient. Wie wenig er verdient, weiß ich leider nicht und kann somit nur vermuten. Der Mindestlohn in Costa Rica liegt bei ca. 500$ pro Monat. Das bedeutet, dass German bei 72 Stunden pro Woche und 288 Stunden pro Monat rund 1,70$ pro Stunde verdienen würde. Dabei muss beachtet werden, dass Costa Rica ähnlich teuer wie Deutschland ist. Dass German wenig Geld hat, ist deutlich erkennbar an seinen Lebensverhältnissen.

Er lebt in einer Wohnung mit nur einem kleinen Zimmer, in dem alles steht, und einem winzigen Bad. Eine Küche besitzt er nicht, weshalb unsere Vermieterin immer für ihn kocht. Seine Kinder leben in der Hauptstadt San José. Doch oft fehlt das Geld für den Bus, um seine Kinder zu besuchen oder Sachen in der Hauptstadt zu erledigen. Trotz alledem kauft er regelmäßig Futter für unsere Katze. Er liebt es, unsere Katze zu füttern. Jedes Mal freut er sich aufs Neue wenn er der Katze Futter gibt. Deshalb füttern wir unsere Katze mittlerweile nicht mehr und füllen lediglich die Flasche mit Katzenfutter auf, damit German die Katze füttern kann. Oftmals kommen sogar 3 andere Katzen und betteln um Futter. Obwohl alle Katzen nicht seine (eigentlich auch nicht unsere) Verantwortung sind und er kaum Geld hat, gibt er jedes Mal aufs Neue jeder Katze Futter. Ebenfalls hat er uns bereits des Öfteren auf ein Eis eingeladen. Er klopft an unserer Tür und sagt, dass er Eis für uns hätte. Wir setzten uns mit ihm draußen hin, schlabbern das Eis und unterhalten uns. Er scheint glücklich und zufrieden zu sein. Mein Herz geht auf.

Zudem hatte ich ihm erzählt, dass ich früher viel Flöte gespielt habe. Am nächsten Tag klopfte er an die Tür und schenkte mir seine wunderschöne aus Holz gefertigte, bemalte Flöte, die leider nicht mehr funktioniert. Ich konnte es kaum fassen. Ein Mann, der so wenig Besitz hat, schenkte mir ein Teil seines kleinen Besitzes. Doch genau das macht German glücklich – teilen und geben. Ich werde sein großes Herz in Deutschland sehr vermissen. Es gibt so viele Dinge, die ich an German wertschätze und bewundere. Ich wünschte, dass es mehr Menschen wie German auf dieser Welt geben würde. Ich bin dankbar, dass er unser Nachbar ist und ich ihn kennen lernen durfte. Ich habe bereits viel von German gelernt und durch ihn über viele Dinge nachgedacht.

Estrella

Außerdem schätze ich es sehr, ein Haustier zu haben – unsere Katze Estrella (Stern) – oder Coco? Die ehemaligen Freiwilligen haben uns erzählt, dass sie Coco heiße. Doch German meinte, dass ihr Name Estrella sei. Also nennen Lina und ich sie momentan Estrella. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie sehe. Es ist beruhigend, sie zu streicheln und zu kuscheln. Wie kann ein so kleines und zartes Tier so viel Wärme und Zuneigung schenken?

Eine weitere Sache, die ich wertschätze ist, dass wir auf einem Hof zwischen Ticos leben. Meiner Meinung nach ist das die beste Art und Weise, die Kultur zu erleben und zu entdecken. Um 5 Uhr kräht der Hahn. Um 6 Uhr beginnen die Leute rumzuschreien. Tumult rund um die Uhr. Nicht zu vergessen, die vielen Tiere, die ständig überall rumlaufen. Irgendwie klingt die Beschreibung meines Lebens zwischen Ticos nicht sonderlich schön. Ich kann nicht beschreiben wieso, aber genau das liebe ich alles. Mich stört es nicht, früh aufzustehen bzw. aufzuwachen. Das ist Teil der Kultur und ich bin schließlich hier, um die Kultur hautnah zu erleben.

Anderer Standard

Ebenfalls bin ich dankbar für die Wohnung, in der wir leben. Ich würde sie als eine „Tico-Wohnung“ bezeichnen. Für mich bedeutet das, dass die Wohnung klein und sehr einfach gebaut sowie ausgestattet ist – nicht vergleichbar mit dem „deutschen Standard“, der deutlich höher liegt. Alles wirkt irgendwie dreckig, aufgrund der alten Möbel bzw. Einrichtung und der bröckeligen Wände. Auch aufgrund des Schimmels, der hier keine Seltenheit ist, wirkt alles schmutziger und ungemütlicher.

An das Bad musste ich mich am Meisten gewöhnen. Klein, eng, kein Platz zum Sachen abstellen und so einen „Duschkopf“ gibt es wohl kaum in Deutschland. Abermals klingt meine Beschreibung wenig nach Wertschätzung. Dennoch bin ich unglaublich froh, dass ich in einer Wohnung lebe wie die Ticos. Genau das gehört zu meiner Erfahrung dazu. Sonst wäre es ja langweilig, da hätte ich auch gleich in Deutschland bleiben können. Ein komplett anderer Lebensstandard. Mit weniger zu leben bzw. auszukommen, ein Zimmer teilen, weniger Privatsphäre – fernab von der Konsumgier der westlichen Länder und des Größenwahnsinns. Eine Erfahrung bzw. eine Lektion, aus der ich viel Nutzen ziehen kann.

Im Bett liegen, die Augen zu, und dem Meeresrauschen lauschen – ein kleiner und doch so schöner Moment, den ich wertzuschätzen weiß. Beim Einschlafen das Rauschen der Wellen hören, wie geil ist das denn bitte? Zudem wirkt es sehr entspannend und hilft beim Einschlafen, glaubt mir. Abends das Meeresrauschen und morgens gleich zum Strand. Wie schön es ist, für ein Jahr in einem Dorf direkt am Strand zu wohnen. In der Mittagspause kurz Sonne am Strand tanken oder schnell einmal in das Meer hüpfen. Nach der Arbeit oder am Wochenende das Surfboard schnappen oder stundenlang am Strand entspannen und Ukulele spielen, lesen Musik hören, Karten spielen, die Augen schließen, den angenehmen Wind im Gesicht und dessen salzige Brise des Meeres spüren. Schön lässt`s sich leben. Wertschätzung.

Auch die kleinen Dinge, wie das selbstgemachte Eis meiner Abuela, das als Ersatz für meine dunkle Schokolade wirkt, schätze ich. Schokolade und Erdnussbutter, Schokolade und Banane, Ananas, Kokosnuss, oder doch Schokolade pur? Die Entscheidung fällt mir immer schwer. Obwohl ich meine dunkle Schokolade doch sehr vermisse, bin ich froh, dass ich das Eis meiner Abuela habe.

Bleiben wir gleich beim Thema Essen. Gallo Pinto, das Nationalgericht Costa Ricas. Reis und Bohnen, einfach aber gut. Gibt es immer und überall und dennoch kann ich nicht genug davon bekommen. Zumindestens noch nicht. Wenn Gallo Pinto bei uns in der WG auf dem Tisch kommt, dürfen viel Lizano-Soße und Platanos nicht fehlen! Ich muss gestehen, dass ich es liebe und es sehr in Deutschland vermissen werde. Wie soll ich das bloß in Deutschland nachkochen, ohne die richtigen Bohnen, Kochbananen oder die Lizano-Soße? Vielleicht sollte ich damit anfangen, es jeden Tag zu essen? Wobei lieber nicht, sonst muss ich noch zwei Plätze auf dem Rückflug buchen…..

Meine Freiwilligenarbeit

Ein große Sache, die ich in Costa Rica ebenfalls wertschätze, ist meine Arbeit als Freiwillige. Ich bin dankbar, dass ich ein kleines soziales Projekt hier unterstützen darf. Ich weiß, dass ich die Welt nicht rette oder verändere, aber ich schätze es, dass ich einen kleinen Beitrag für eine bessere Welt leiste. Sei es nur einem Kind, ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Mit den Kindern zu spielen, zu basteln, zu lachen, rumzualbern – eine positive Sache, die nicht nur den Kindern viel Spaß bereitet und Energie schenkt, sondern auch mir. Auch die Kinder zaubern mir oft ein Lächeln in mein Gesicht, indem sie angerannt kommen, meinen Namen schreien, mich umarmen, mir Fragen stellen. So drücken die Kinder auf ihre eigene Art und Weise ihre Dankbarkeit aus. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Eine Erfahrung, aus der ich jeden Tag mehr lerne und mehr Nutzen ziehen kann. Meine Erfahrung, als Freiwillige zu fungieren, werde ich noch lange in Erinnerung behalten.

Das wunderschöne Land Costa Rica

Ich schätze nicht nur meine Erfahrung als Freiwillige, sondern auch, dass ich genug Zeit habe, um Costa Rica zu bereisen und zu entdecken. Costa Rica, ein Land mit einer unbeschreiblich schönen Natur und einer faszinierenden Tierwelt. Das Meer, der Strand, die Palmen, die Berge, die wunderschönen Sonnenaufgänge und -untergänge, die Berge, die Vulkane, Affen, Leguane, Riesenspinnen, Papageien, Faultiere. Einfach nur Wow. Ich bin schon viel gereist, aber eine Landschaft und eine Vielfalt wie in Costa Rica sehe ich zum ersten Mal. Nicht fehlen dürfen bei den Dingen, die ich an meinem Jahr in Costa Rica wertschätze, meine gewonnene Ruhe und Gelassenheit sowie die viele Zeit, die ich für mich habe und die wenigen Verpflichtungen. Einfach mal einen Tag, das tun, was ich will und nicht meinen unendlichen Verpflichtungen hinterherrennen, wie ich es in Deutschland tat. Eine Erfahrung, die mir unglaublich gut tut. Weniger Stress, mehr Ruhe, Gelassenheit, Entspannung und Zeit. Hoffentlich kann ich davon ein großes Stück zurück mit nach Deutschland nehmen.

Es gibt so viele Dinge und Personen, die ich an meinem Jahr in Costa Rica wertschätze, für dich ich dankbar bin, die ich liebe und respektiere. Würde ich noch mehr Sachen aufzählen, noch mehr ins Detaille gehen und die kleinen, winzigen Sachen betrachten, würde dieser Artikel das Maß überschreiten. Wie viel Freude es mir bereitet hat, diesen Blogartikel zu schreiben. Oft mit einem Lächeln im Gesicht, gut gelaunt, zufrieden, glücklich, entspannt, positiv – das Wunder der Wertschätzung.

Innehalten, durchatmen, wertschätzen, Treibstoff tanken.