Eigentlich probiere ich oft, dass die Blogeinträge nicht zu lang werden, damit man sie bei einer Tasse Kaffee auf jeden Fall schafft zu lesen. Jedoch wird dieser Eintrag etwas anders werden, weil ich über etwas schreibe, was mich schon die gesamte Zeit hier in Costa Rica begleitet und mich sehr berührt.
Es geht um eine Frau aus Transforma (meinem Projekt), die ich aus Datenschutzgründen einfach mal Sofia nenne. Sofia ist 29 Jahre alt, alleinerziehend und hat vier Kinder. Eine 10- und eine 7-jährige Tochter, einen 4-jährigen Sohn und ein 1 Jahr altes Baby. Sie sind seit ca. 4 Monaten in Transforma. Zu Beginn wusste ich nicht viel über diese Familie, nur dass es immer in einer Katastrophe endete, wenn Sofia mit ihren Kindern kam, denn vor allem bei dem kleinen Sohn, wusste keiner, wie man mit ihm umgehen sollte. Er schlug die Kinder, spuckte, verhielt sich generell aggressiv und gleichzeitig unfassbar intelligent für ein vier Jahre altes Kind. Auch das Baby schrie viel, war unruhig und nicht grade pflegeleicht. Die älteren Töchter erzählten, dass sie zu Hause nichts wirklich zu Essen hätten, was die Unmengen an Essen, die sie in Transforma aßen, erklärte.
Als ich ca. 3 Wochen im Projekt war, hieß es, dass Sofia wohl umziehen sollte. Also fuhren Katharina und ich mit unserer Chefin und ihrem Mann in das Armenviertel, wo Sofia lebte. Es war das erste Mal, dass ich in einem Armenviertel war und ich wusste nicht wirklich was mich erwartet. Dennoch war ich unglaublich dankbar für diese Chance eine „andere Welt“ zu sehen, denn ich wollte unbedingt wissen, wo die Frauen, die täglich ins Projekt kommen, leben. Wir fuhren zunächst zu dem neuen Haus von Sofia, dass sich zwar auch in einem Armenviertel befand, aber deutlich sicherer sein sollte. Aus dem Fenster schauend sah ich unzählige zottelige Straßenhunde, spielende Kinder, Nachbarn, die redend und lachend vor den Häusern standen. Nach ein paar Minuten parkten wir dann das Auto und klingelten an einer Tür, die scheinbar zu Sofias neuem Haus gehörte. Obwohl es neun Uhr morgens und unter der Woche war, öffnete Sofia uns verschlafen die Tür und vier kleine Kinder lugten hinter ihrem Rücken hervor. Sie waren geweckt worden von der Klingel. Dass die beiden Mädchen in der Schule sein müssten und der kleine Junge im Kindergarten, war allen Beteiligten klar.
Wir traten ins Haus ein, dass aus drei Räumen bestand. Ein Kinderzimmer, ein Badezimmer und ein etwas größerer Raum, der gleichzeitig Wohnzimmer, Küche, Esszimmer und ein kleinen Schlafbereich für die Mutter und das Baby darstellte. Das Haus hatte richtige Wände und einen Fußboden, was ein wesentlicher Fortschritt zum alten Haus war. Dennoch sah man eine Schimmelschicht, die sämtliche Türen überzog und auch die Möbel hatten definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Was mich jedoch am meisten beunruhigte, war Sofias Zustand. Sie wirkte abgekämpft, überfordert und vielleicht sogar teilweise gleichgültig (dazu muss man erklären, dass sie Probleme mit Depressionen hat und es schon Schwierigkeiten in der Vergangenheit gab, da sie sich aufgrund dieser Krankheit nicht mehr um die Kinder gekümmert hat).
Nach einem kurzen Gespräch mit Sofia, fuhren wir mit ihr zu ihrem alten Haus, das in einem anderen Armenviertel liegt. Dies heißt Sinaí und sehr viele Frauen aus Transforma kommen aus diesem Armenviertel, das nur 200 Meter von unserem Arbeitsplatz entfernt liegt. Als wir durch die Straßen von Sinaí liefen, war ich zugegebenermaßen verblüfft, denn so hatte ich mir das Armenviertel nicht vorgestellt: Es schienen auf den ersten Blick normale costa-ricanische Häuser zu sein, Menschen verkauften, wie überall, Essen auf der Straße, dass sie grade auf dem Grill daneben zubereiteten. Jedoch wurde mir schnell klar, dass der Schein trog. Denn von der Hauptstraße führten unzählige kleine Wege ab, die zu Wellblech-„Häusern“ führten. Diese Blechhütten sind oft nicht mehr als ein Zimmer für eine Großfamilie. Das heißt, dass auf 4 Quadratmetern schon einmal gut 9 Leute leben können, die dafür auch noch viel Geld bezahlen. Denn das Armenviertel befindet sich nahe San Josés, wo man am ehesten Arbeit finden kann, und deswegen ist es sehr begehrt.
Wir gingen also einen dieser Pfade hinunter, der sich durch den Regen in Schlamm verwandelt hatte. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie es war, dort täglich mit vier kleinen Kindern runter zu stolpern. Am Ende des Pfades angekommen, erreichten wir Sofias Haus und was uns dort erwartete, war unbeschreiblich. Es herrschte ein Riesenchaos: Überall lagen Essensreste, dreckige Klamotten, tausende Kakerlaken kreuzten deine Wege und eine Maus hauste im Badezimmer. Sofia hatte hier nur einen Monat gewohnt, wie war dies geschehen? Für viele Fragen blieb jedoch keine Zeit, denn es war notwendig, dass wir es an einem Tag schafften, das ganze Haus auszuräumen. Denn wenn der Vermieter dieses Chaos sehen sollte, wären Sofias Kinder am nächsten Tag im Waisenhaus. Jedoch befanden wir uns auch im Zwiespalt, denn sollten die Kinder in so einem Umfeld aufwachsen?
Die Zweifel beiseitegeschoben, begannen wir mit der Arbeit. Wir schmissen sehr viele Sachen weg, die nicht mehr zu gebrauchen waren und unmöglich alle in das neue Haus mitkonnten. Es schien so, als ob Sofia nie Wäsche gewaschen hätte, sondern einfach den Kindern immer neue Kleidung angezogen hätte, die sie durch Spenden bekommen hat. Das ist oft ein Zeichen von Armut, dass Anhäufen von Dingen. Denn die Menschen sammeln Unmengen von allem Möglichen an, damit sie sich nicht arm fühlen, da sie ja dann etwas haben, womit sie sich schützen können. Dies zeigt, dass es nichts bringt, einfach Ressourcen an in Armut lebende Menschen zu geben, um Armut zu bekämpfen. Viel entscheidender ist es, Fähigkeiten (wie beispielsweise, dass Organisieren des Haushaltes) beizubringen um nachhaltig einen Unterschied zu bewirken (über das Thema Armut werde ich wahrscheinlich auch nochmal irgendwann ein paar Gedanken aufschreiben).
Es wurde schon dunkel, als wir endlich fertig waren und nach Hause fuhren. Sehr müde fielen wir ins Bett, gleichzeitig aber auch gespannt, was sich wohl für Änderungen in den nächsten Wochen zeigen würden. Denn diese waren nun wichtig, denn der „Kinderservice“ von der Regierung war aufmerksam auf Sofias Situation geworden und die Gefahr, dass die Kinder von Sofia getrennt werden könnten, war allgegenwärtig.
Dies ist nun schon einen Monat her, und eine Menge hat sich verändert. Es ist noch immer unklar, wie sich die Situation nun wirklich entwickeln wird, aber man spürt deutliche Verbesserungen. Die zwei Mädchen gehen nun in die Schule und tragen weitgehend saubere Kleidung. Das neue Haus ist sehr viel organisierter (wir haben in den letzten Wochen sämtliche Kleidung der Kinder gewaschen und sortiert). Doch der deutlichste Unterschied ist am Verhalten der ganzen Familie wahrzunehmen. Sofia wirkt nicht mehr so gefangen in ihren Depressionen, die beiden Mädels kommen jedes Mal freudestrahlend auf mich zugelaufen und umarmen mich. Sogar der kleine vier-jährige Rabauke hat sich grundlegend verändert. Natürlich gibt es noch ab und zu Schwierigkeiten mit ihm, aber nun bittet er einen sogar, mit ihm zu spielen oder ihm vorzulesen, was früher undenkbar gewesen wäre. Ich glaube, er hat verstanden, dass er nicht nur durch Aggressivität Aufmerksamkeit bekommen kann.
Zwar steht der Familie noch viel Arbeit bevor, jedoch bin ich jeden Tag unfassbar dankbar, Fortschritte zu sehen. Jedes Lächeln der Kinder oder von Sofia, macht mich unbeschreiblich glücklich und vor allem die größte Tochter ist zu meinem Sonnenschein auf der Arbeit geworden. Ich hoffe sehr, dass sich die Situation sich weiterhin so positiv entwickelt und freue mich, Sofia und ihre Kinder dieses Jahr mitbegleiten zu dürfen.
Sofia ist nicht in Armut geboren. Sofias Eltern waren Ingenieure. Sofia kann Englisch sprechen und hat eine gute Schulbildung genossen. Mit 17 wurde sie schwanger, ihre Eltern unterstützten sie. Jedoch starb ihr Vater, als sie 19 Jahre alt war, und ihre Mutter zwei Wochen später. Dies riss sie in tiefe Depressionen und führte sie in die Armut. Armut ist nicht ungreifbar, sondern kann jeden von uns betreffen. Ob in Deutschland oder Costa Rica, wenn wir unsere Augen etwas öffnen, könnten wir sie dann vielleicht sogar sehen?
Ankunft in der Dorfgemeinschaft
Ein kleines Dorf, bestehend aus einigen Holzhäusern, einem kleinen Laden und einer Schule. Als wir ankommen, ist niemand zu sehen. Kein Wunder – denn es regnet. Wir halten vor dem kleinem Laden, steigen aus und werden von zwei Männern begrüßt, einer von ihnen ist der Dorfvorsteher, Juan*. Ich bin mit Mundi, meinem Kollegen, und Richard, unserem Fahrer, unterwegs. Wir betreten den kleinen Laden und begrüßen eine ältere Frau, um die 60, die typische bunt gewebte Kleidung trägt und eine junge, schwangere Frau, die ein kleines Mädchen bei sich hat. Sie ist vielleicht 2 Jahre alt. Das kleine Mädchen trägt eine kleine Tüte mit Knabberzeug bei sich und isst immer mal wieder ein Stück daraus. Als sie mich sieht, kreischt sie kurz auf, eilt in die andere Ecke des Raumes und versteckt sich. Sie hat in ihrem Leben wahrscheinlich noch nicht sehr viele Gringos (Bez. für Menschen mit weißer Haut) gesehen. Es muss für sie schon sehr komisch, sogar etwas beängstigend sein, eine junge Frau wie mich mit heller Haut, hellbraunen Haaren und blauen Augen zu sehen.
Wir betreten das Gemeinschaftshaus, ein einfaches Holzhaus mit Wellblechdach, der Boden besteht aus einfachem Erdboden. Es riecht nach altem Holz und Erde. Vorne befindet sich eine Tafel und zwei alte Pulte aus einfachem Holz, an einem von ihnen sitzt Juan*.
Workshops zum Thema Bienenzucht
Im hinteren Teil des Gebäudes werden Holzbretter gelagert. In der Mitte des Raumes sitzen schon einige Leute aus dem Dorf auf teilweise kaputten Plastikstühlen. Heute hält Mundi hier einen Taller (Workshop) über Bienenzucht. Meine Aufgabe dabei ist, Fotos vom Taller zu machen.
Während die Leute darauf warten, dass der Taller beginnt, diskutiert eine Frau laut mit Juan*. Ich verstehe nicht so viel, höre nur immer mal wieder das Wort Gringos.
Der Taller beginnt und Mundi fängt an mit einem Vergleich der Volk Israels aus der Bibel und den Inkas. Viele der Dorfbewohner bzw. deren Vorfahren kommen aus der Gegend um Cusco, einer früheren Hochburg der Inkas. Mit dem Vergleich will Mundi zum einen einen Bezug zu ihren Wurzeln herstellen, sie zum anderen auch auf ihrer Ebene abholen, denn sie sind sehr gläubig. Nachdem Mundi so eine Verbindung zu den Menschen aufgebaut hat, fängt er mit dem eigentlichen Taller an. Er macht ihnen deutlich, was für faszinierende Tiere die Bienen sind, schließlich sind sie die einzigen Tiere, durch deren Bestäubung eine Pflanze wachsen kann. Somit sind eigentlich alle Lebewesen auf die Bienen angewiesen. Denn durch ihre Arbeit schaffen sie Leben.
Außerdem erklärt er einige Dinge über die Bienenzucht an sich und welche Möglichkeiten sich dadurch für die Menschen im Dorf erschließen. Zum Beispiel, dass nur das „Gelee Royal“ eine Königin heranwachsen lässt. Deshalb ist es wesentlich wertvoller und kann für mehr Geld verkauft werden, als normaler Bienenhonig. Wenn die Dorfgemeinschaft tatsächlich mit der Bienenzucht anfangen würde, könnte sich diese als guter Nebenverdienst für die Menschen etablieren. Und es hätte auch sehr positive Auswirkungen auf die Natur und die Pflanzen im Dorf und darum herum – unter anderem auch in der Regenwaldkonzession unserer Organisation.
Die Regenwaldkonzession von Atiycuy
Die Regenwaldkonzession ist ein 18.000 Hektar großes Stück Regenwald, welches meiner Organisation Atiycuy von der Forstbehörde zur Verwaltung übertragen wurde. Atiycuy schützt und erhält dieses Stück – das Bienenprojekt wäre somit ein Gewinn für die Dorfbewohner und die Natur.
Mundi erklärt außerdem auch, dass Atiycuy neben der Entwicklung des Dorfes auch das Wohl der Konzession wichtig ist und auch, wie wir arbeiten. Z.B. auch, dass unsere Organisation niemanden unter Vertrag nehmen und zu etwas verpflichten will. So wie ich das bisher mitbekommen habe, ist das in Perú eine Seltenheit. Es gibt hier viele Organisationen, die sich als NGO ausgeben und anscheinend den Leuten helfen wollen, dafür aber im Gegenzug aber auch etwas von den Menschen fordern, denen sie „helfen“, sei es Geld oder irgendetwas anderes.
Zudem wissen die Dorfbewohner auch, dass Atiycuy die deutsche Seite, Chance e.V., hat und das macht sie umso misstrauischer. Hier in Perú und besonders auch in unserer Region haben die Menschen keine besonders guten Erfahrungen mit „Weißen“ gemacht. Die Weißen waren es, die in ihr Land eingefallen sind und es ihnen geraubt haben, die ihnen eine andere Sprache, Religion und Kultur aufgezwungen und ihnen dabei auch ihre eigene genommen haben. Nach der Unabhängigkeit Perús hörte das nicht auf, bis heute kaufen amerikanische und europäische Unternehmen Gold, Kupfer und Früchte zum Spottpreis aus Perú – und tragen somit unter Anderem dazu bei, dass hier in unserer Region Regenwald zerstört wird.
Die Angst vor den Gringos
Als Mundi über Atiycuy erzählt, meldet sich die Frau, die am Anfang schon laut mit Juan* diskutiert hat, zu Wort. Sie erklärt selbstbewusst und mit lauter Stimme, dass sie genau wissen will, was sie mit der Zusammenarbeit mit Atiycuy eingeht und für was sie unterschreibt. Sie sagt, dass Gringos Kleinbauern wie sie früher immer dazu gedrängt haben, etwas zu unterschreiben. Letztendlich war das Papier eine Erklärung, dass diese ihre Chacra (kleine Farm) in den Besitz des Gringos übertrugen. Bei all diesen schlechten Erfahrung mit Gringos erstaunt es mich überhaupt nicht, dass die Leute in diesen Dörfern sehr misstrauisch gegenüber Weißen sind. Dazu kommt noch, dass Mythen über sog. Pishtacos kursieren. Diese stammen aus der Zeit der spanischen Invasion Südamerikas. Laut diesen Erzählungen sind Pishtacos monsterartige Menschen, meist Weiße, die Einheimische töten, um am Ende deren Körperfett zu verkaufen oder zu essen. Eine sehr krasse Vorstellung…
Manche Leute in diesen Dörfern glauben das, weil sie oftmals nicht so gut aufgeklärt sind und nicht so gute Möglichkeiten haben, sich zu bilden und ihr Wissen zu erweitern. Dazu kommt noch, dass sie weit draußen in ihren Dörfern auch keinen oder nur sehr wenigen Gringos begegnen, keine persönlichen Erfahrungen mit diesen machen und ansonsten durch Erzählungen auch weitere negativen Geschichten über Gringos hören. So erhalten sich natürlich die Mythen und Vorurteile gegenüber Weißen aufrecht.
Das erinnert mich ein wenig an die Einstellung mancher Menschen in Deutschland gegenüber Flüchtlingen. Viele haben keine gute Meinung über diese, da sie viele schlechte Geschichten über sie gehört haben. Die mögen teilweise ja stimmen, nur wird dabei vergessen, dass es in jeder Menschengruppe unterschiedliche Menschen gibt, schlechte und gute. Dass nicht alle die schlechten Dinge tun, über die man so hört. Und meistens haben die Menschen, die die schlechteste Meinung über sie haben, keine oder kaum persönliche Erfahrungen mit ihnen gemacht. So etwas ist natürlich nicht gut und deshalb ist es mir umso wichtiger, den Menschen im Dorf mit großem Respekt, sehr viel Verständnis und Vorsicht zu begegnen, da ich gut verstehen kann, dass sie mit ihren Erfahrungen gegenüber Gringos und somit auch gegenüber mir skeptisch sind. Außerdem will ich ihnen zeigen, dass ich keine schlechten Absichten habe, sondern sie zusammen mit Atiycuy begleiten will. Auch über unsere Organisation gibt es Gerüchte, die weniger extrem und schlimm sind, als die Pishtaco Mythen, aber trotzdem unsere Zusammenarbeit mit dem Dorf erschweren, da sie natürlich Misstrauen schüren.
Mundi erklärt der Frau, dass Atiycuy keine Verträge mit den Menschen, denen wir helfen, abschließt. Das Einzige, wo sie ihren Namen eintragen und unterschreiben ist die Teilnehmerliste, die wir in jedem Taller rumgehen lassen. Sie dient alleine zur Dokumentation und zum Nachweis dafür, dass dieser Taller auch wirklich durchgeführt wurde. Mit seiner Erklärung und seiner Art, in der es ihm gelingt, die Sorgen der Menschen wahrzunehmen und auf diese einzugehen, schafft Mundi es auch, die Frau zu besänftigen. Es macht fast den Eindruck, als hätte er sie vom Gegenteil ihrer gerade geäußerten Meinung überzeugt.
Am Ende des Tallers äußert Mundi die Idee, dass eine Gruppe von Dorfbewohnern in einem Kombi für einen Tag nach Villa Rica ins Casa Atiycuy reisen könnte, um unsere Organisation und das Team vor Ort besser kennenzulernen. Eine Maßnahme, die den Dorfbewohnern die Möglichkeit geben soll, sich ein eigenes Bild von unserer Organisation zu machen und somit auch mehr Vertrauen zu schaffen.
Am Ende des Talleres mache ich wie immer ein Gruppenbild von allen Teilnehmern und Mundi. Mundi unterhält sich noch kurz mit Juan*. Ein junger Mann, der auch am Taller teilgenommen hat, fragt mich, ob seine Tochter mit mir ein Bild machen könnte. Ich finde das ein bisschen befremdlich, sage aber ja. Er holt seine Tochter und macht mit seinem Smartphone ein Foto von uns beiden.
Nach einem kurzen Snack in dem kleinen Laden verabschieden wir uns – immerhin müssen wir wieder knapp 4 Stunden im Auto nach Villa Rica fahren. Bei der Verabschiedung fragt mich die ältere Frau: „Gringa, wirst du wieder in unser Dorf kommen?“. Etwas verwundert aufgrund der Anrede, bejahe ich ihre Frage und sie scheint leicht erfreut darüber.
Später, als wir im Auto auf schmalen Straßen, die sich den Berg hinauf- und hinabschlängeln und durch Bäche und kleine Flüsse führen, wieder zurück fahren, erzähle ich Mundi von meinen Begegnungen mit den Dorfbewohnern nach dem Taller. Er scheint zufrieden zu sein und meint, dass diese ein gutes Zeichen sind. Die Menschen scheinen mich zu akzeptieren und langsam etwas Vertrauen zu fassen. Das freut mich wirklich sehr und ich bin sehr gespannt darauf, wie sich die Beziehung zwischen den Dorfbewohnern und mir im Laufe dieses Jahres weiter entwickeln wird.
*Name geändert
Wenn ihr mehr über meine Erfahrungen in Perú lesen wollt, dann schaut doch mal in meinem Blog vorbei!
https://yvonnewehle.wixsite.com/loslassen-wachsen
Eure Yvonne
300 Kinder und 60 Mitarbeiter – das hört sich nach viel an. Aber in Wahrheit ist das Centro Educacion Especial Turrialba eine große Familie und man lernt ganz schnell alle kennen. Von der Chefin Doña Xinia über Professoren und Helfer, Köchinnen und Putzpersonal bis hin zu Don Giovanni, dem Türsteher grüßen sich alle täglich und fragen nach dem Wohlbefinden. Mehrmals am Tag trinken die Angestellten Kaffee zusammen und man kann sich dazusetzen, immer gibt es was zu reden – sei es das Wetter, die Unterschiede zwischen Costa Rica und Deutschland oder warum in Costa Rica alle schon Mitte November die Weihnachtsdekorationen rausholen. Auch im CEET wird nämlich schon fleißig dekoriert.
Auch mit den Professoren kann man sich super unterhalten – jeder erklärt gerne seine Arbeit und die ganzen Unterschiede zu den regulären Schulen in Costa Rica. Im CEET wird zum Beispiel keine Anwesenheit gezählt, und Noten gibt es auch nicht. In fast allen Schulen in Costa Rica kommt in den letzten Wochen keiner mehr, alle haben ihre Noten und bleiben deshalb zuhause. Im CEET, auf freiwilliger Basis, kommen die meisten Schüler bis zum letzten Tag. Das mag daran liegen, dass die Schüler hier mehr machen als nur Zahlen und Buchstaben lernen – im Colegio dürfen sich die 18- bis 22-jährigen praktisch austoben, und sich Fähigkeiten aneignen, mit denen sie später ihre Familie finanziell unterstützen können. Eine Gruppe zum Beispiel baut Salat an, eine Gruppe stellt Armbänder und anderen Schmuck her, eine andere arbeitet mit Holz und verarbeitet es zu verschiedenen Gegenständen. Einmal im Monat stehen dann Salat, Schmuck und Holzkisten oder ähnliche Sachen zum Verkauf.
Zwei der Professoren versuchen auch, ein bisschen Deutsch zu lernen, und zwar mit zwei sehr verschiedenen Ansätzen. Oskar, einer der Sportlehrer, versucht jeden Tag einen weiteren Satz einer Konversation zu lernen “Guten Morgen”, “Wie geht’s?”, “Gut, und dir?”, “Wie hast du geschlafen?” , und so weiter und so fort. Wir schreiben ihm auch immer alles schön auf, er schreibt die Aussprache darunter und dann wird jeden Tag “abgefragt”. David, ein Lehrer im Colegio, der mit den ungefähr 15- bis 18-jährigen arbeitet, kommt auf einen von uns zu, hält seine Hand vor unser Gesicht und sagt “Piña”. Dann erwartet er die deutsche Übersetzung “Ananas” und das nächste mal, wenn man ihn sieht, hält er einem wieder die Hand vor das Gesicht und sagt “Ananas”. So geht das mit ein paar Wörtern, aber Ananas ist definitiv sein Favorit. David ist wie ein Onkel für uns beide, unglaublich lustig und wir haben ihn jetzt schon sehr lieb – mit ihm kann man keine schlechte Laune haben.
Ein typischer Arbeitstag beginnt für uns um 7 Uhr. Der öffentliche Bus “Santa Rosa” hält direkt vor der Schule, Don Giovanni öffnet uns das Tor und fragt wie fast jeden Tag, ob wir denn schon das Guayabo Nationalmonument besucht haben, er hat da nämlich eine Finca, ein Landhaus, in der Nähe. Je nachdem, in welcher Gruppe wir gerade arbeiten (wir dürfen nämlich ganz frei Gruppen wechseln, um alle Bereiche der Schule kennenzulernen) beginnt der Tag fast immer gleich: Zuerst wird klargestellt, welches Datum und welchen Wochentag man hat, wie das Wetter ist und was heute auf dem Plan steht. Das geht von Sport-, Spanisch- und Musikunterricht bis Sprachtherapie. Durch die freie Gruppenwahl haben wir Freiwillige im Projekt viele verschiedene Möglichkeiten, mitzuhelfen. Im Kindergarten die Kleinen hüten und gleichzeitig durch die unzähligen Kinderlieder unseren Spanischwortschatz erweitern, in den “Talleres” im Colegio Tische bemalen, ein Bingo zu organisieren, im Garten neue Salatdünger kennenlernen, in der Küche typisch costa-ricanische Gerichte zubereiten, oder aber auch mit den Grundschülern den ganzen Tag Weihnachtsdeko zu basteln, von der es schließlich nie genug geben kann. Gegen 8:30 gibt es “Merienda”, die erste Pause – hier wird etwas kleines gegessen und Saft oder Milch getrunken. Dann geht der Unterricht weiter bis zum Mittagessen zwischen 11:30 und 12:00 Uhr, wo uns die tägliche Dosis Reis und Bohnen erwarten – dazu gibt es Fleisch, Salat und Als Getränk Wasser. Zum Nachtisch gibt es Früchte. Oft werden die Bohnen auch durch Gemüse ersetzt, ab und zu gibt es Suppe. Danach wird weiter gearbeitet, es gibt eine zweite Merienda und dann gehen die Schüler langsam. Manche treten schon um 13:00 oder 14:20 Uhr den Weg nach Hause an, manche erst um 15:30, so wie wir Freiwilligen.
An bestimmten Tagen, wie zum Beispiel in der “Semana de Educacion Especial”, im Monat September und zum Weihnachtsanfang, gibt es “Acto civicos” – die ganze Schule kommt zusammen, die Direktorin hält eine Rede und die Schüler präsentieren Tänze und Choreographien, die sie wochenlang geübt haben. Zusätzlich wird die Schule passend zum Thema dekoriert und die Schüler kommen in Kostümen zur Schule, meist nur für die 1-2 Stunden, die die Aktivitäten andauern.
An diesen Tagen, wenn dei ganze Familie des CEET zusammen kommt, ist das Gemeinschaftsgefühl besonders groß. Alle sind stolz auf das, was sie zusammen auf die Beine gestellt haben, stolz auf die Kinder und auf die Jugendlichen, stolz auf ihre Institution und atolz auf das, wofür sie steht. Por una Costa Rica más equitativa – Für ein Costa Rica mit mehr Gleichberechtigung.
Seit fast vier Monaten lebe ich jetzt hier in diesem kleinen Städtchen mit den staubigen Sandstraßen und den kleinen halbverfallenen Häusern, zwischen denen auf Kopfhöhe Stromkabel hängen und Hunde vor kleinen Gemüse- und „Krimskrams“- Läden schlummern. Fast vier Monate… Mir kommt es gleichzeitig vor als würde ich wenige Wochen oder aber bereits ein Jahr hier leben und jede Woche über holprige Straßen in die indigenen Gemeinden (Comunidades) fahren, um dort mit den Yaneshagemeinschaften zu arbeiten, in Villa Rica Klimamärsche oder ein interkulturelles Camp mit allen Kindern des Kinderpatenprogramms, aus den Comunidades und aus Villa Rica, organisieren, oder an einem Seminar zur Erarbeitung einer Yaneshaverfassung teilnehmen. Wir vier Freiwilligen, Lisa, Yuki, Yvonne und Ich wurden auf die vier Teilbereiche unseres Projektes verteilt, um schwerpunktmäßig in verschiedenen Bereichen, die aber in einander greifen, zu arbeiten. So ist Yvonne Teil des Programms „COBIO“, dem Programm, das sich dem Schutz des Atiycuy- Naturschutzgebietes widmet, Yuki dagegen arbeitet mit Mundi in der Begleitung der Yaneshagemeinschaften in ihrem Organisationsprozess (dazu gehört unter anderem auch das Entwerfen einer Verfassung oder verschiedene Workshops zu indigenen Rechten) und Lisa arbeitet im Umweltbildungsprogramm, das zum Beispiel Workshops mit den Jugendlichen aus Villa Rica oder mit den Kindern aus den indigenen Gemeinschaften zu einheimischer Flora und Fauna oder zum Naturschutz veranstaltet.
Ich dagegen unterstütze Angelika und Henry im Kinderpatenprogramm, wo wir sowohl mit den Kindern aus Villa Rica, als auch aus den indigenen Gemeinschaften („Comunidades“) arbeiten. Mit den Kindern machen wir verschiedenste Übungen zur Förderung ihrer persönlichen Entwicklung, und zumindest in den Comunidades auch zur Stärkung ihrer kulturellen Identität. So wie letzte Woche, als wir zum Beispiel Yaneshamuster malten, oder die Kinder zum Jahresabschluss traditionelle Tänze aufführten, die sie in der Schule gelernt haben. Ich liebe es nach den Workshops mit den Kindern im Fluss zu schwimmen oder ihnen ein paar Worte Englisch bei zu bringen, nach denen sie mich mit unglaublicher Neugier fragen, fast so sehr wie das Strahlen in ihren Augen zu sehen, wenn sie auf Yanesha ein Lied vorsingen, oder mir versuchen bei zu bringen, wie man Carachamas (Panzerwelse) im kristallklaren Fluss fängt.Beinahe vier Monate leben und arbeiten wir jetzt hier, und langsam habe ich das Gefühl, das dieses Städtchen zwischen Kaffeplantagen und Bergregenwäldern fast zu einem zweiten Zuhause für mich geworden ist.Und dennoch gibt es immer wieder diese kurzen Momente, in denen ich auf einmal bemerke, wie anders doch alles ist. Ich gehe durch die staubigen Sträßchen, vorbei an ausgemergelten Straßenhunden, die vor kleinen Holzschuppen schlafen, vorbei an klappernden Mototaxis und mit Lautsprechern durch die Stadt fahrenden Churrosverkäufern. Am Straßenrand sitzen einige alte Damen in ausgeblichener andiner Tracht, vor ihnen mehrere Töpfe aus denen sie „Masamora“ und Milchreis schöpfen, um irgendwie etwas Geld zu verdienen.
Eine alte Frau spricht mich an, bettelt um ein paar Soles und ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Ich biege ab. Plötzlich bin ich in einer kleinen Seitenstraße. Kinder in löchrigen, dünnen Kleidern spielen im Staub zwischen den kleinen Hütten. Ein paar von Ihnen kenne ich aus den Mittwochsworkshops. Was diese Kinder alles erleben mussten. Der Vater im Gefängnis, weil er die große Schwester vergewaltigt hat, die Mutter krank, kann nicht arbeiten. Eine Großmutter, die ihr Essen den Kleinen gibt, weil das Geld nicht reicht, um Reis zu kaufen. Die Eltern Tagelöhner auf den Feldern. Kinder, die Obst bei den Nachbarn klauen, sich mit Waschmittel waschen, weil das Shampoo zu teuer ist. Wir können uns nicht vorstellen, wie es ist so zu leben. Abends mit knurrenden Mägen ins Bett zu gehen, von anderen diskriminiert zu werden, weil man alte Klamotten trägt oder sich Schulmaterialien nicht leisten kann. Wir können es uns nicht vorstellen und zu oft verschließen wir die Augen, aus Hilflosigkeit, aus Ignoranz, aus Egoismus. Ich weiß es nicht. Ich selbst merke, wie schwer es mir fällt mich in ihre Lage zu versetzen, zu handeln und nicht wie so oft weg zu sehen, die Augen zu verschließen, vor dem Leid der Anderen. Es ist 5.30 und wir fahren in eine der Comunidades. Auf dem Weg dorthin fällt mir immer wieder auf, wie viel Müll hier am Straßenrand liegt. Was für ein Kontrast zu der Lebensweise der Yanesha, die traditionell zusammen mit und in der Natur leben. Nach einer Stunde Wanderung kommen wir komplett verschwitzt in diesem kleinen Dorf an, und ich fühle mich für einen Augenblick wie in der Zeit zurückversetzt, wie in einer anderen Welt. Genauso wie ich mich fühlte, als die Yanesha an ihrem Jubiläum um das Lagerfeuer tanzten begleitet von Panflötenmusik und traditionellen Gesängen oder, wenn die Kinder einem am Fluss versuchen beizubringen, wie man mit den Händen Carachamas (Panzerwelse) fängt. Doch diese Momente sind nur noch Ausnahmen, selbst in den sehr besonderen Gemeinschaften, mit denen wir arbeiten, die im Gegensatz zu vielen ihre Kultur noch nicht aufgegeben haben. Doch auch hier verlieren die Leute immer mehr ihre Traditionen, ihre Sprache, ihre Kultur, die bald auszusterben droht. Mein Blick streift über die kleinen Hütten mit Palm- oder Wellblechdächern, zwischen denen Hühner im Staub scharren und Kinder von den Bäumen Früchte pflücken. Ein kleines Mädchen, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, kommt auf mich zu. Auf ihrem Arm trägt sie ihren gerade mal zwei Jahre alten Bruder. Die Eltern sind Kleinbauern oder arbeiten im nächsten Dorf, um ein paar Soles zu verdienen, während ihre kleinen Kinder zuhause bleiben, um auf ihre kleinen Geschwister aufzupassen. Wie kümmert sich ein sechs jähriges Kind um seinen zwei jährigen Bruder, wenn es doch zur Schule gehen soll? Was passiert mit einer Familie, wenn die alleinerziehende Mutter plötzlich nicht mehr als Tagelöhnerin auf der Plantage arbeiten kann, kein Geld mehr verdient, um Lebensmittel oder Medikamente zu kaufen? Viele Familien ziehen in die Städte, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, irgendwann. Sie leben in der Stadt, um dort Arbeit zu finden, oder, damit ihre Kinder studieren können, doch mit dem Umzug in die Stadt verlieren viele ihre Kultur. Sie kommen nach Lima, Huancayo oder Villa Rica und werden statt mit offenen Armen mit Beleidigungen begrüßt. Sie wären „chunchos“ (das heißt so viel wie „Wilde“), könnten nichts, wären niemand. Kinder, die in Kushmas (die traditionellen Gewänder der Yanesha) zur Schule kommen, werden als Hexe bezeichnet, ausgelacht, ausgegrenzt. Kein Wunder, dass viele Familien ihre Kultur nicht mehr weitergeben.Hier in Villa Rica liegt die Kolonialisierung nicht lange zurück. Die Dorfältesten haben noch miterlebt, wie die deutschen Siedler kamen, um ihnen alles zu nehmen. Doch bis heute sind sie Opfer von Diskriminierung, der Ausbeutung, dem Landraub. Was früher Kautschuk war ist heute Erdöl, das mit großen Tanklasterkarawanen aus dem Regenwald transportiert wird.
Schaut man sich die Situation der Menschen hier an, wird klar warum die Arbeit so vielseitig ist. Es muss nicht nur mit den Kindern gearbeitet, sondern auch mit Behörden verhandelt werden, die Yaneshagemeinschaften müssen aufgeklärt, organisiert und unterstützt werden, um illegalen Landraub zu verhindern, und den Regenwald vor dem Absterben zu bewahren. 3500 Jahre. So lange hat die faszinierende Kultur der Yanesha überlebt, doch wer weiß wie lange es sie noch geben wird. Ich beobachte die Kinder, wie sie ihre Geschwister über die Felder tragen. Denke an die Familien, mit denen wir hier arbeiten, an Familien, die abends kein Essen auf den Tisch bringen können, während wir in Deutschland massenweise Lebensmittel wegwerfen. Wie kann es sein, dass Menschen noch immer aufgrund ihrer ethnischen Herkunft diskriminiert werden, im Krankenhaus heimgeschickt werden, ihre Kultur verleugnen, nur weil sie anders sind? Wie kann es sein, dass Gemeinschaften ihr Land geraubt wird, um Öl aus dem Boden zu holen, Holz zu schlagen oder Ananasfelder zu schaffen, ohne nur einmal die Betroffenen zu fragen? Was ist unsere Rolle in all diesen Dingen? Sind es nicht auch wir, die billige Früchte wollen, die immer mehr Erdöl fordern, um unser Leben im Luxus zu ermöglichen? Viel zu oft verzetteln wir uns in den Problemen unserer kleinen Alltagswelt, unseres Staates, unseres eigenen kleinen Tellerrandes, ohne auch nur ansatzweise zu schätzen zu wissen, wie gut wir es eigentlich haben. Dankbar zu sein, dafür in einem Staat zu leben, ohne Politiker, die reihenweise hinter Gittern sitzen, wegen Korruptionsvorwürfen. Dankbar zu sein, dass wir eine Krankenversicherung haben, durch die wir im Notfall eine ärztliche Behandlung erhalten können, und nicht aus Geldmangel in Lebensgefahr schweben. Dankbar zu sein, für die Möglichkeit entscheiden zu können, was wir essen, sogar so sehr im Überfluss zu leben, dass reihenweise Lebensmittel in der Tonne landen. Haben diese drei Monate meine Sicht auf die Welt geändert? Mich zu einem anderen Menschen gemacht? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht sind es diese Augenblicke, die einen für einen kleinen Moment die Welt durch andere Augen sehen lassen, die uns ermöglichen eine andere Perspektive einzunehmen. Eindrücke, die Fragen aufwerfen, Zweifel, an der Art wie wir leben, was wir tun, oder eben gerade nicht tun. Augenblicke und Erfahrungen, die uns begleiten werden, uns bewusster werden lassen, und hoffentlich auch langfristig unser Handeln beeinflussen. Denn wir leben eben nicht in anderen Welten, so unterschiedlich die Kultur, das Zusammenleben, die Lebenssituation auch sein mag, sondern teilen einen Planeten, eine Welt.
Feliz Navidad!
Ein kurzes Update vom anderen Ende der Welt.
Ach, wer kennt es nicht: die Luft wird langsam kälter, die ersten Weihnachtslieder laufen im Radio – es beginnt die ruhige, besinnliche Zeit im Jahr. Die Familie kommt zusammen und genießt die Zeit im Advent, die Vorfreude auf Heiligabend wächst mit jedem Tag. Nun ja – hier, in Costa Rica läuft das alles ein wenig anders. Schon wenige Wochen nachdem ich in hier in Quepos angekommen bin (und das war Mitte September), haben die ersten Läden bereits ihre Weihnachtsdeko im Schaufenster präsentiert. Von kleinen, glitzernden Schleifen bis bunten Lichterketten konnte sich also jeder schon gute zwei Monate vor der Adventszeit eindecken.
Aber das geht sogar den meisten Menschen hier zu weit. Nein, geschmückt wird Mitte bis Ende November – dann aber auch gleich so richtig. Meine Gastfamilie und ich waren bereits vor ein paar Wochen in Alajuela, einer der Großstädte im Herzen Costa Ricas. Geplant waren ein paar kleine Ausflüge, ein Familienbesuch (selbstverständlich) und ein kurzer Shopping-Trip. Es war eine super Zeit und in den Bergen ist es so kalt, da fühlt man sich fast schon wie im eisigen Deutschland. Für einen kleinen Moment bin ich ja fast schon melancholisch geworden, als ich daran dachte, dass mein Weihnachtsfest dieses Jahr wahrscheinlich bei 35 Grad im Schatten stattfindet – ich glaube die Hoffnung auf weiße Weihnachten kann ich dieses Jahr erstmal aufgeben…
Aber das ist halb so wild – immerhin hat Weihnachten am Strand auch was. Ich hätte es zwar bevorzugt, wenn wir eine Palme anstelle dieses Plastikweihnachtsbaums in unserem Vorgarten geschmückt hätten – aber man kann ja nicht alles haben. Dafür waren wir nach dem Wochenende in Alajuela ungefähr 45 Meter Lichterkette reicher. Und sehr viele glitzernde Sachen haben es auch noch in unseren Korb geschafft – wirklich seeehhhhr viele. Für deutsche Augen würde ich den Dekogeschmack der Ticos vorsichtig als extravagant beschreiben. Unser Haus blinkt in allen Farben – bevorzugt grelle Neontöne – und auch unser Baum hat eine dieser begehrten, bunten Ketten abgegriffen. Dazu schmücken ihn grelle Kugeln in Neonpink und -grün, sowie glitzernde Gold- und Silbertöne. Selbstverständlich haben auch noch ein paar Schleifen darauf Platz gefunden, einige große Schmetterlinge und auf der Spitze sitzt eine – nach meinem Geschmack – absolut hässliche Weihnachtsmütze. Wenigstens der Baum selbst ist grün – und nein, das ist absolut nicht selbstverständlich.
Mir wurden also schon Ende November mindestens zwei Dinge klar. Erstens: „Besinnlich“ ist Weihnachten hier eher nicht. Es ist ein richtiges Fest. Die Musik ist laut, die Leute tanzen. Die Deko ist alles andere als schüchtern oder dezent gewählt. Zweitens: Epileptikern empfehle ich zu Hause zu bleiben… es blinkt fast jeder Quadratmeter im dunkeln! Auch in den Schulen liefen die Vorbereitungen schon seit Ewigkeiten auf Hochtouren. In jedem Klassenraum wurde gesungen oder getanzt, unsere Gastschwester hat Tag und Nacht die neuen Melodien auf ihrer Lira für die Schulband geübt und Paula und ich haben mit den Kindern Weihnachtskarten gemalt.
Letzte Woche war es dann endlich so weit – das große Weihnachtsfest stand bevor. Alle Kleinen (und Großen) waren in Kostümen unterwegs oder hatten zumindest eine dieser roten Zipfelmützen auf. Es wurde gesungen und getanzt, einige Kinder haben sogar ein kleines Stück vorgespielt. Paula und ich haben dann noch ein deutsches Weihnachtslied zum besten gegeben – es wollen ja alle ihren Beitrag dazu leisten (;
Eines meiner persönlichen Highlights war der, eigens aus den USA engagierte, Santa Claus, der die Kinder zumindest mit ein paar coolen Tanzeinlagen und einer Fotostunde begeistern konnte. Dadurch, dass er nur Englisch gesprochen hat, kamen die Mahnungen und guten Wünsche allerdings nicht so eindeutig rüber. Aber das war sowieso eher nebensächlich. Und wenn etwas auf einer guten Weihnachtsfeier (abgesehen von dem Englischsprechenden Santa Claus) nicht fehlen darf, dann ist es wohl gutes Essen.
Hier in Costa Rica bedeutet das Tamales – wie bitte? Tamales! Das ist faktisch ein kleines, päckchenförmiges Mittagessen und wir haben am Tag vor der großen Feier ca. 300 Stück davon zubereitet. Zuerst wird Maismehl zu einem mehr oder weniger flüssigen Brei verarbeitet (schmeckt besser als es klingt, trust me). Davon kommt ein großer Klecks auf ein Stück Bananenblatt. Anschließend Gemüse und Fleisch nach belieben hinzufügen. Päckchen binden, kochen – fertig. Super einfach! Mein persönliches Lieblingsessen wird es zwar dennoch eher nicht, aber hier findet es auf jeden Fall viele Fans. Viel besser finde ich das Getränk, das es für die Kinder gibt. Ich bin mir zwar unsicher was genau es ist, aber es ist eine extrem gesüßte warme Milch mit einem Hauch Zimt – schmeckt ein wenig nach Weihnachten.
Also, ich glaube es ist offensichtlich, wie unterschiedlich Weihnachten auf der Welt gefeiert wird. Aber damit habe ich schon gerechnet als ich hierher gekommen bin und ich muss sagen, ich habe mich riesig darauf gefreut und bin immer noch froh, das miterleben zu dürfen. Es ist super aufregend.
Da war mir allerdings noch nicht klar, dass es weder einen Adventskalender, noch einen Nikolaustag gibt. Diese armen Kinder! Sie mussten noch nie Schuhe putzen, um dann am nächsten Morgen mit Süßigkeiten dafür belohnt zu werden. Sie mussten noch nie voller Ungeduld auf den nächsten Tag warten, um endlich das nächste Türchen suchen zu dürfen.
Und – noch schlimmer (ja das geht) – hier werden keine Plätzchen zu Weihnachten gebacken!!! Aber, keine Sorge – wir haben schon für den nötigen Kulturaustausch gesorgt – pünktlich zum 30. November haben wir unseren selbstgemachten Kalender aufgehängt, gefüllt mit allerlei Kleinigkeiten, wie zum Beispiel einem Rezept für Bratäpfel, Anleitungen für Fröbelsterne, einem eigens gebastelten Mensch-ärgere-dich-nicht und selbstverständlich super vielen Süßigkeiten. Für den Nikolaustag werden wir auch noch etwas vorbereiten – und wir haben auch schon drei mal gebacken, auch wenn das hier eine ziemliche Herausforderung darstellt. Jap, ich würde sagen wir haben einen bleiben (Weihnachts-)Eindruck hinterlassen.
Aber natürlich ist nicht alles unterschiedlich. Weihnachten ist immer noch Weihnachten. Die Familie spielt eine super wichtige Rolle. Alle kommen zusammen, verbringe die Zeit miteinander. Es wird überlegt wie man dem Anderen eine Freude machen kann. Beide Länder haben ihre typischen Weihnachtsessen und kleine Traditionen. Überall wird zu Weihnachten die Wohnung geschmückt – auch wenn die Deko recht unterschiedlich ausfallen kann. In den Kirchen wird gesungen, in den Schulen finden Konzerte statt – alle freuen sich auf den heiligen Abend
Wenn ich bis jetzt eines gelernt habe, dann, dass es die kleinen Dinge sind, auf die es ankommt. Ich vermisse viele dieser kleinen Traditionen aus Deutschland, besonders in der Weihnachtszeit. Also – genießt die kalte Luft die euch um die Nase weht, freut euch über die ruhige Musik die im Radio läuft (ja, selbst wenn es schon wieder nur „Last Christmas“ ist), über die ganzen Kerzen und Lichterketten die zwar nur einfarbig, aber doch irgendwie beruhigend leuchten, darüber dass ihr jeden Tag ein Türchen suchen dürft, backt fleißig Weihnachtsplätzchen und wenn ihr über den Weihnachtsmarkt lauft – gönnt euch ein paar gebrannte Mandeln und trinkt bitte einen Glühwein für mich mit (;
Weihnachtliche Grüße vom anderen Ende der Welt!Lena
Der Wecker klingelt. Ich stehe auf, frühstücke, ziehe mich an und putze mir die Zähne. Ich schlüpfe in meine Birkis und mache mich auf den Weg zur Schule. An der Schule angekommen, stehe ich vor verschlossener Tür. Ich schreibe meiner Chefin. Schnell bekomme ich eine Antwort: „Heute findet eine Lehrerkonferenz statt, weshalb die Schule den ganzen Tag geschlossen bleibt.“ Also laufe ich die 2 Minuten Fußweg zurück und erinnere mich an Deutschland zurück. Waren die Schulkonferenzen nicht immer nach der Schule? Na klar, damit auch ja keine Unterrichtsminute verschwendet wird. Doch hier in Costa Rica ticken die Uhren einfach anders. Dass die Schule aufgrund verschiedener, interessanter Gründe ausfällt, ist keine Seltenheit. Das ist Teil des Pura Vidas. Gewöhnt habe ich mich daran schnell – schwer fiel es mir nicht. Abstrus finde ich es allerdings, dass die Kinder nie Bescheid wissen, wieso die Schule ausfällt und erst recht nicht wann die Ferien beginnen.
Zuhause angekommen überlege ich, wie ich meine freie Zeit nun nutzen kann. Arbeit gibt es immer. Wer mich kennt, weiß dass ich schlecht mit Langeweile und Nichtstun umgehen kann. Ja, ich weiß, dass die Ruhe der Langweile und des Nichtstun wichtig ist, aber ich befinde mich noch im Lernprozess. Glaubt mir, Costa Rica ist der perfekte Ort, um das zu lernen. Dennoch bin ich hier zum Arbeiten. Schließlich will ich meine Zeit als Freiwillige nutzen. Ich freue mich über die gewonnene Zeit und schalte meinen Laptop an. Im Internet suche ich angestrengt nach Basteleien und potenziellem Content für Englischunterricht und Konzentrationsübungen. Ich will vorbereitet sein und durchdachte Aufgaben finden, die den Kindern Spaß machen. Vorbereitung ist gut, Spontaneität ist manchmal besser. Aufgrund der Sprachbarriere muss ich gestehen, dass ich momentan noch die Vorbereitung der Spontanität vorziehe. Anschließend kann ich an meinen Aufgaben für VISIONEERS arbeiten – oder doch lieber einen Blog schreiben und meine Betterplace-Kampagne auf den neusten Stand bringen? Wie zuvor gesagt, Arbeit gibt es immer!
Nach einem kurzen Einblick in mein Arbeitsleben folgt ein etwas informativerer Einblick:
Morgens arbeiten Lina und ich abwechselnd im Kindergarten der Schule oder im Cen-Cinai. Im Kindergarten in der Schule sind die Kinder meist zwischen 4 und 6 Jahre alt. Fokussiert wird sich auf die schulische Vorbereitung der Kinder. Das bedeutet, dass fleißig gebastelt wird, das Alphabet und Zahlen gelernt sowie bereits vereinzelte Englischvokabeln beigebracht werden. Eine Pause, in der sich die Kinder austoben dürfen, gibt es auch. Ich unterstütze die Lehrerin und helfe den Kindern bei ihren Aufgaben. Ebenfalls darf ich Eigeninitiative beweisen, in dem ich beispielsweise eine Englischklasse leite, Bastelideen und verschiedene Aufgaben mitbringe.
Der Cen-Cinai ist eher vergleichbar mit einer Krabbelgruppe, als einem Kindergarten. Die meisten Kinder sind 2-4 Jahre alt. Hier bekommen die Kinder Frühstück und Mittagessen und sollen dabei lernen, wie richtig mit Messer und Gabel gegessen wird. Wobei, eigentlich gibt es nur einen Löffel für die Kinder. Nicht alle Mahlzeiten lassen sich leicht mit einem Löffel essen…. Nach der Mahlzeit wird natürlich das Zähneputzen nicht vergessen. Im Vordergrund stehen Spiel und Spaß. Es wird gesungen, getanzt und die Kinder können sich mit Spielzeugen beschäftigen. Im Innenbereich stehen den Kindern vor allem lernerische Spielzeuge zur Verfügung. Im Außenbereich gibt es Spielzeugfahrzeuge, Bälle, Schaukeln ein Trampolin und noch vieles mehr. Ich bin begeistert von der riesigen Ausstattung, die der Cen-Cinai besitzt.
Ebenfalls finde ich es toll, dass das Thema Nachhaltig im Cen-Cinai eine Rolle spielt. Dazu muss man wissen, dass ausgenommen vom Ökostrom die Costa-Ricaner kaum ein Gefühl für Nachhaltigkeit haben. Ein Meer an Plastiktüten sehe ich jedes Mal beim Einkaufen, und das, obwohl Plastiktüten in Costa Rica eigentlich verboten sind. Trotzdem kommt es nicht selten vor, dass die Menschen mit 20 Plastiktüten aus dem Supermarkt laufen. Produkte im Glas gibt es hier kaum. Alles ist in Plastik verpackt und gefühlt alle Produkte im Regal gehören zu Nestlé. Definitiv gewöhnungsbedürftig für mich. Im Cen-Cinai gehen wir jeden Freitag mit den Kindern an den Strand und sammeln den Müll der Touristen ein. Eine tolle Aktion. Ebenfalls basteln Lina und ich fleißig mit recycelten Materialien. Diese dienen meist als Dekoration. So haben wir beispielsweise aus Klopapierrollen und Flaschenenden Weihnachtsdekoration gebastelt. Generell unterstützen wir die Kindergärtnerin beim Aufpassen und Bespaßen der Kinder sowie beim Aufräumen. Der Küchenmitarbeiterin helfen wir bei der Essensausgabe und beim Abwaschen.
Nach einer Mittagspause geht es mit der Arbeit weiter. Unser eigentliches Projekt „Uno+“ ruft. Es findet vorwiegend nachmittags an 3 Tagen in der Woche und Mittwoch morgens statt. An den übrigen 2 Tagen erledigen wir nachmittags Aufgaben für unsere Organisation VISIONEERS. Meine Aufgabe ist es, einen Newsletter zu verfassen. Mit Uno+ arbeiten wir an drei Standorten. Die Kinder kommen nach der Schule oder zwischen ihren Pausen, um gemeinsam Zeit zu verbringen, Spaß zu haben, zu basteln und zu lernen. Mit dem Projekt wollen wir es den Kindern ermöglichen, eine Beschäftigung abseits von Drogen und Kriminalität, außerhalb der Schulzeit zu haben. Ebenfalls wollen wir Familien entlasten, die aufgrund ihrer Arbeit oder anderweitigen Gründen nur wenig Zeit für ihre Kinder aufbringen sowie nur geringe Unterstützung leisten können.
Da Uno+ mit Hilfe der Kirche in das Leben gerufen wurde, spielt diese eine wesentliche Rolle. Es wird gemeinsam gebetet und durch Bastelaufgaben über die Bibel und Gott gelehrt. Ich bin dankbar, dass die Mitarbeiter für solche Aufgaben verantwortlich sind. Ich würde mich nicht in der Lage fühlen, die Kinder über die Kirche aufzuklären und über die Bibel zu lehren – nicht auf Spanisch, nicht auf Deutsch. Die Beziehung der Menschen in Costa Rica zur Kirche und zu Gott ist anders, als ich es kenne bzw. gewohnt bin. Sie ist stärker, intensiver und abhängiger. Ich habe das Gefühl, dass wir in Deutschland schlicht und einfach lockerer sind. Vielleicht durch die zahlreichen Möglichkeiten und den starken westlichen Einfluss, sowie die freieren Denkweisen, die uns zur Verfügung stehen. Wir hinterfragen mehr und schwören nicht auf alles Gedruckte. Die Traditionen schwinden; wir verändern uns mit der Welt, die sich ständig weiterentwickelt. Hier fühlt es sich manchmal an, als würde die Welt stehen bleiben.
Nichtsdestotrotz können wir die Mitarbeiter tatkräftig unterstützen. Da der Altersunterschied recht groß ist (6-14 Jahre), können wir vor allem den jüngeren Kindern unter die Arme greifen; sei es beim Ausschneiden, Auffädeln oder Aufkleben. Auch unsere eigenen (Bastel-)Ideen können wir einbeziehen und durchführen. Mir fällt auf, dass umso geringer die Sprachbarriere ist, desto wohler ich mich fühle, meine eignen Ideen wahrzunehmen und einzubringen. Gelegentlich geben wir Englischunterricht – diesen leiten wir selbst, da die Mitarbeiter kein Englisch sprechen können. Basteln steht eigentlich immer auf dem Plan. Ob Traumfänger, etliche Weihnachtsbäume, Weihnachtskarten, Weihnachtssterne, Basteln bereitet den Kindern immer eine Freude. Obwohl viele Materialien fehlen (manchmal sogar nur einfache, bunte Blätter), versuchen wir kreativ zu werden und so viele Ideen wie möglich umzusetzen. Bewegungsspiele, die sogenannten „dinámicas“, zaubern den Kindern immer ein Lächeln in das Gesicht. Zudem gehen wir mit den Kindern in den Park und spielen Fußball. Die Costa-Ricaner sind Fußballfanatiker! Auch bieten wir den Kindern an, dass sie ihre Hausaufgaben mitbringen und wir sie dabei unterstützen. Themen wie Liebe, Freundschaft, Familie und Mobbing beziehen wir ebenfalls in das Uno+-Programm ein. Ein paar Kekse oder Bananen und ein Getränk gibt es für die Kinder meistens am Ende. Noch wichtig zu wissen ist, dass wir Freiwilligen als Unterstützung zur Verfügung stehen und keine Arbeitsplätze ersetzen dürfen. Kurz vor Beginn der Weihnachtsferien organisieren wir ein großes Weihnachtsfest für alle Kinder aus den verschiedenen Standorten. Wir hoffen, dass wir den Kindern damit eine große Freude bereiten können.
Nach dem eher informativeren Überblick folgt nun die etwas emotionalere Ebene:
Ich fühle mich sehr wohl mit meiner Arbeit. Ich bin dankbar, dass meine Arbeit durch die verschiedenen Standorte und Einrichtungen abwechslungsreich gestaltet ist. Selbstverständlich gibt es langweilige und spannende Tage. Mein Wunsch war es, dass ich eigene Ideen mit einbringen und verwirklichen kann – dieser Wunsch wurde erfüllt. Ich selbst bin dafür verantwortlich, wie interessant und spaßig meine Arbeit gestaltet ist. Um so mehr Ideen und Eigeninitiative ich einbringe, desto mehr Spaß habe ich an meiner Arbeit und lerne gleichzeitig besser Spanisch. Davon profitieren gleich drei Parteien – die Kinder, meine Kollegen und ich.
Ich hatte bereits viele positive Erfahrungen, aber auch einige schlechte. Ich beginne mit den Schlechten und ende mit den Guten. Ich musste bereits in meiner ersten Woche 2 Stunden lang alleine eine Englischklasse unterrichten. 20 Kinder und eine noch fremde Person vor ihnen. Da war es selbstverständlich, dass sie mir kaum Respekt zeigten. Zudem die zu Beginn noch riesige Sprachbarriere. Erlaubt ist es ebenfalls nicht, dass die Freiwilligen alleine gelassen werden. Lauter schreiende Kinder auf einem Haufen, echt nervig – aber eine Erfahrung wert, aus der man nur lernen kann. Ein Schock für mich war ein Erlebnis im Kindergarten. Auf einem Blatt Papier ein Mädchen und ein Junge. Das Mädchen, ganz klischeehaft, lange Haare, am Fuß die Stöckelschühchen und trägt ein Kleid. Der Junge, ganz klischeehaft, kurze Haare, trägt ein T-Shirt und eine Hose. Die Lehrerin fragt, was der Junge und das Mädchen auf dem Bild tragen und wie sie aussehen. Die Kinder antworten. Danach wird gefragt, ob die Kinder Mädchen oder Jungs seien. Die Kinder antworten. Ein Junge traut sich nicht zu antworten. Daraufhin fragt die Lehrerin, ob er ein Mädchen sei. Es kommt keine Antwort. Das Kind völlig eingeschüchtert. Die Lehrerin fragt schließlich mich, ob ich eine Frau sei. Ich bekomme nur ein leises „sí“ heraus. Dann dreht die Lehrerin sich erneut zum Jungen und fragt, ob er ein Mädchen sei. Die anderen Kinder beginnen zu lachen. Daraufhin antwortet der Junge, dass er ein Junge sei. Mir fehlen die Worte. Wow, da hat die Lehrerin wohl ihr Ziel erreicht. Anschließend wurden die 4-6 Jährigen Kinder über die Geschlechtsorgane aufgeklärt. Jeder Junge und jedes Mädchen haben ein bestimmtes Geschlechtsorgan, so hieß es.
Das alles anzusehen war schrecklich für mich. Noch schlimmer war es, dass ich mich dem nicht entgegensetzten konnte. Alles was ich machen konnte war, in meinem Stuhl zu versinken. Ich fühlte mich angespannt, frustriert. In mir ein riesen Kloß. Ich fühlte mich machtlos, musste das Geschehene geschehen lassen. Ich hätte so gerne Einwand erhoben, Beispiele aus der europäischen Kultur genannt. Leider musste ich mich zurückhalten, denn ich bin Gast in einer fremden Kultur. Trotz alledem, wie schrecklich ich mich in der Situation gefühlt habe, war diese ein wichtiger Teil meiner Erfahrungen, mich auf eine neue Kultur und eine andere Gesellschaft einzulassen. Die Kultur in Costa Rica beruht eben auf traditionellen und meiner Meinung nach veralteten Denkweisen – so schwer es mir auch fällt, muss ich das akzeptieren. Es ist schwer, eine Balance aus Akzeptanz und Intervention zu finden.
Trotz einiger negativer Erfahrungen, gab es zahlreiche wunderschöne und positive Momente. Sei es die Aufgeschlossenheit und Redebegeisterung der Kinder. Es scheint als würden sie interessierter und wissbegieriger an meiner Kultur und meiner Person sein, als jeder Erwachsener. Oder die Energie der Kinder, die an mir abfärbt – von Müdigkeit und Erschöpfung zu Motivation und Freude. Allein das Lächeln der Kinder wenn man sie lobt, ist unbezahlbar. Ein unbeschreiblich schöner Tag war ein Ausflug in den Park. Wir spielten zahlreiche Spiele. Die Kinder lachten ausgelassen. Sie schienen glücklich, fernab von Problemen zu Hause oder in der Schule. Ein Mädchen umklammerte mich gefühlt den ganzen Nachmittag. Ständig fragte sie mich, ob ich sie auf den Arm nehmen könne. Dann gab sie mir eine feste Umarmung und ließ mich nicht mehr los. Ein unbeschreiblich schöner Moment, in dem ich so viel Liebe und Wärme von so einem kleinen Mädchen spürte. Ebenfalls ist es toll zu sehen, wenn die Kinder nach langem Erklären und vereinzelten Tiefphasen, die Matheaufgaben verstehen und sich verbessern. Nicht nur sie sind dann stolz, auch ich bin unheimlich stolz auf sie. Dieser Moment, indem man das Gefühl hat, dass man etwas bewirken kann, ist unbeschreiblich schön. Irgendwie kann ich dann nie aufhören zu lächeln.
Der etwas andere Arbeitstag ist vorüber. Geschafft und erschöpft von der Hitze hole ich mir ein Erdnusseis bei meiner Abuela. Ich werfe mich auf das Sofa, streichle unsere Katze und lese ein wenig in einem Kinderbuch auf Spanisch. Es handelt von einem Hund – eine herzzerreißende Geschichte. Einige Augenblicke später kochen Lina und ich uns etwas Leckeres zum Abendessen und gucken eine Folge „The Hundreds“ – auf Englisch mit spanischem Untertitel. Nach dem Abwaschen und, wie immer, einer kalten Dusche lege ich mich zufrieden in mein Bett. Ich denke darüber nach wie froh ich bin, dass ich die Kinder auf ihren Wegen unterstützen kann und bin gespannt auf die nächsten Monate. Von Tag zu Tag schließe ich sie immer mehr in mein Herz. Eine Sache geht mir leider ständig durch den Kopf und hindert mich am Schlafen: Leider ist bald die Weihnachtszeit vorbei und ich muss mir neue Themen für Bastelideen ausdenken…. Hoffentlich fällt mir da etwas ein!
Meinen ersten Blogartikel vom Beginn meiner Arbeit findet ihr hier:
https://www.visioneers.berlin/single-post/2019/10/26/Weiter-gehts-beim-Kantinenbau
Seitdem ist wieder ein riesen Schritt zur Fertigstellung der Kantine gemacht worden. Weiter ging es auf dem Bau zunächst mit der Anbringung der abgehängten Decke und der Installation der Elektrik. Dafür wurde extra personelle Verstärkung aus San José von Pastor Julio eingefahren. Mit laut dröhnender Musik im Auto, die durch die ganze Nachbarschaft schallte, kam der Trupp am späten Vormittag an. Dieser bestand aus „Papa“ Osvaldo, den Brüdern Miguel und Pablo sowie Julian. Nach kurzer Verschnaufpause von der langen Fahrt begann die Arbeit, begleitet von der mitgebrachten Musikbox aus der fortan die nächsten Tage christliche Pop-Songs den Raum erfüllten.
Zunächst wurden diverse Rohre an der Dachkonstruktion angebracht, durch die dann später die Kabel zu den Lichtschaltern, Steckdosen und Lampen gelegt wurden. Dort durfte auch ich mich als Elektrik-Azubi beweisen. Währenddessen wurde auch mit der Anbringung der Randleisten der abgehängten Decke begonnen und schließlich auch die Platten eingehängt. Weiterhin wurde festgestellt, dass das Loch für die WC-Tür doch etwas zu schmal war und auch eine Elektroleitung in der Wand fehlt und so musste wieder ein Teil aufgeklopft werden.
Die Arbeit ging schnell voran und es wurde teilweise von früh morgens bis spät abends geschuftet, damit die Arbeit so schnell wie möglich fertig werden konnte. Kleinere Verzögerungen gab es nur, wenn der Elektro-Azubi nicht ganz bedacht hatte, dass die Leiter etwas zu hoch für den Raum mit abgehängter Decke war. Das Loch und der Austausch der Lamelle kostete mich dann eine Runde Eis. Auch verzweifelte Osvaldo beim späteren Test der Lichtschalter, da einige Drähte falsch verknüpft worden waren. Daher mussten er und Julian in der Dachkonstruktion herumklettern und den Fehler beheben. Schlussendlich wurden die offenen Stellen in der Fassade mit Gitterstäben und Metallplatten verschlossen, um die Diebstahlsicherheit zu gewährleisten.
Jedoch kam der Spaß dabei auch nicht zu kurz. Es wurden während einiger Pausen in und vor der Kantine Fußball gespielt oder gehört und gejubelt, wenn La Liga wieder ein Golaaaaaazoooooo erzielt hatte. Lauthals wurde mitgesungen, wenn mal wieder der Lieblingssong lief, auf dem Boden und auf den Leitern zu der Musik getanzt und natürlich hin und wieder ein Nickerchen von Papa Osvaldo eingelegt. Ich brachte ihnen deutsche Wörter bei und ich lernte neue Tico-Wörter. Dabei kam auch einer meiner neuen Spitznamen zustande: Chanboa – Eine Kombination aus Chancho = Schwein und Boa Schlange, gefolgt mit der Aussage: Du isst so viel wie ein Schwein und schläfst so viel wie eine Schlange!
Dazu kam dann ein kleiner Ausflug mit einem Boot aufs offene Meer, um mit der Truppe angeln zu gehen. Um die doch eher weniger erfolgreiche Session meinerseits etwas aufzupeppen, wagte ich es mit einem Sprung im tiefen Wasser baden zu gehen! Angsterfüllt wurde ich vom Captain jedoch zurückgerufen, da die bösen Barrakudas angreifen könnten…
Nach 5 Tagen war die Arbeit der Jungs aus San José beendet und sie machten sich auf den Heimweg. Dabei strahlte die Kantine zum Abschied in ihrer neuen Beleuchtung.
Dann kehrte wieder Ruhe in die sonst so stille Kantinenbaustelle ein. Felipe und ich arbeiteten an diversen Stellen weiter. So wurden zunächst die Schalungen der Küchenarbeitsplatten vorbereitet, Bewehrungseisen eingefügt und schließlich mit Beton aufgefüllt. Das getrocknete Gebilde wurde dann schließlich abgeschliffen und von innen verputzt, die Oberflächen außen mit Fliesen verlegt und verfugt.
Kurze Zeit später folgte die komplette Verfliesung der Küche, des Lagerraums und des WC.
Wichtig war natürlich auch der Anschluss an fließendes Wasser. Dafür mussten in der Küche Löcher nach außen gebohrt werden, der Rest des Anschlusses war schnell gelegt. So konnten mit der funktionsfähigen Küche und der Anbringung der Sanitäranlagen im WC die ersten Teile des Innenraums fertig gestellt werden.
Um den ersten Erfolg zu feiern, wurde bald darauf eine Tamales -Verkaufsaktion gestartet. Von früh morgens bis nachmittags standen wir (einige Frauen der Kirchengemeinde, Pastor Julio und seine Frau sowie eine Profi-Tamales-Köchin) in der Küche und manschten und schnürten Tamalespakete, die allesamt verkauft wurden. Damit sollte noch mehr Geld für den weiteren Bau eingenommen werden. Diese Aktion wurde zwei Wochenenden später wiederholt und wird wahrscheinlich noch öfters folgen. Die Motivation, den Bau auch ohne weitere Spendengelder aus Deutschland fertig zu stellen, ist bei allen beteiligten riesengroß!
In den nächsten Tagen muss noch eine Außenwand verputzt werden, um das Eindringen des Regens in die Konstruktion zu verhindern, das Material ist aber bereits vorhanden. Je nachdem wie viel Geld durch weitere Verkäufe von Tamales eingenommen wird, kann vor Weihnachten der Essenssaal verfliest und die Wände gestrichen werden und somit der Bau der Kantine komplett abschließen.
Für mich bedeutet das, dass sich mein Freiwilligeneinsatz in Limón 2000 bereits dem Ende entgegen neigt, weiter geht es bei mir jedoch in San José bei der Organisation „Habitat for Humanity“. Jedoch werde immer wieder versuchen, nach Limón zu düsen, wenn Not am Mann ist.
Großen Dank geht an dieser Stelle an unsere Unterstützer aus Deutschland, ohne deren Hilfe der Bau nicht möglich gewesen wäre. Dabei geht der Dank sowohl an die finanzielle Förderung der Süd-Nord-Brücken Stiftung, den Arbeitskreis für Entwicklungspolitik und Selbstbesteuerung e. V., sowie auch an alle Personen, die durch ihre Spenden geholfen haben. Danke ebenfalls an die Organisation Coalition Ministry, der Asociación Comunidad Familiar Misionera, allen freiwilligen Helfern der Gemeinde und den Arbeitern auf der Baustelle, die hier in Costa Rica alles gegeben haben und sensationelle Arbeit geleistet haben.
Ich verabschiede mich damit aus der Karibik und ziehe Mitte Januar weiter nach San José.
Beste Grüße, Pura Vida! Philipp
Dieses Projekt war nur möglich Dank der EZ-Kleinförderung der Stiftung Nord-Süd Brücken und AES
Mittlerweile ist zwar der Oktober schon lange vorbei, aber dennoch möchte ich etwas über diesen Monat schreiben. Dazu gibt es vor allem zwei Dinge zu sagen:
Zum Einen ist er dafür bekannt, dass es verhäuft zu Regenstürmen kommt. Wenn es einmal anfängt zu regnen, kommt man nicht trocken nach Hause – egal wie weit man laufen muss. Die Straßen verwandeln sich in Flüsse und von den Häusern schießt das Wasser runter. Es ist also garantiert, dass man komplett nass wird und die Schuhe, wenn sie nicht richtig trocknen, schön anfangen zu stinken. Deshalb veranlasst der Regen teilweise zu drastischen Maßnahmen. Zum Beispiel kommt es dann öfter vor, dass man zu 7. oder 8. in einem 5-Sitzer unterkommt. Ansonsten sorgt der Regen auch dafür, dass Stromleitungen kaputt gehen und es für ein paar Stunden keinen Strom gibt. Aber das Licht in meinem Zimmer funktioniert auch ohne Regen nur wahlweise. Oder, dass beispielsweise die Schule meiner Gastschwester unter Wasser steht. In unserem Bad gibt es keine Fenster, das heißt, wenn Strom und warmes Wasser ausfallen, dass ich von einer Sekunde auf die andere im stockdunklen Bad unter einer eiskalten Dusche stehe.
Zum Anderen steht der Oktober unter dem Motto der „Maskeraden“. Das bedeutet, dass am Wochenende immer große Paraden stattfinden, die sowohl aus Trommlern, als auch eben aus „Maskeraden“ bestehen. Alle paar Stunden findet dann ein Rennen statt, bei dem die „Maskeraden“ den ganzen Jugendlichen hinterher rennen und versuchen sie mit ihren Köpfen zu schlagen.
Der Guard vorne an dem Tor von unserer „Gated Community“ kennt mich inzwischen auch schon. Ich habe nie großartig mit ihm geredet, aber er ist wohl zum Schluss gekommen, dass ich als Deutsche hier wahrscheinlich am besten Englisch kann, weshalb er mich seit Neustem, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, immer nach der Aussprache von irgendwelchen englischen Wörtern fragt, die ich in meinem Leben noch nie gehört habe.
Ich war mit meiner Familie letztens zum ersten Mal einkaufen. Was hier ein normaler Supermarkt ist, ist bei uns in Berlin die Metro. So groß wie dieser Supermarkt ist, so groß sind auch alle Verpackungen, die man dort kaufen kann. Nächstes Mal dann wieder in zwei Wochen.
Auf dem Weg zur Arbeit lauern jetzt nicht mehr nur die Hunde hinter den Zäunen, sondern mittlerweile fährt ab und zu ein riesiger roter Laster morgens an mir vorbei, der eine Hupe hat, die man durch die ganze Nachbarschaft hört. Und der Fahrer ziert sich nicht, diese jedesmal wenn er mich sieht beherzt zu bedienen, was bedeutet, dass ich mich unglaublich erschrecke, wenn die Hupe auf einmal neben mir ertönt und er sich doppelt amüsiert.
Meine Arbeit im Projekt hat sich nach den ersten Wochen etwas verändert. Auf einmal sollte ich jeden Tag im Garten arbeiten, was, wenn man Stunden bei praller Sonne arbeiten muss, echt anstrengend sein kann. Irgendwann war ich dann sogar froh, wenn es ab mittags wieder geregnet hat. Eine Alternative, um sich zu erfrischen, waren auch Wasserschlachten, die ein oder zweimal im Garten stattfanden. Als es an einem Nachmittag geregnet hat und es nichts anderes zu tun gab, sind Laura und ich zu den Malern gegangen. Dort durften wir dann einen Baum bemalen, bis der eine Maler entschieden hat, dass wir jetzt den Boden putzen sollen. Da war dann die Arbeit bei den Malern auch nicht mehr so attraktiv. Mittlerweile ist meine Woche so eingeteilt, dass ich jeden Tag jemand anderem helfen soll, wodurch ich einen Tag habe wo ich zu den Kindern in die Klassen darf. Mal sehen ob sich das aber tatsächlich ermöglichen lässt, da ich keinen Tag habe, wo kein Sport- Englisch- oder Deutschunterricht stattfindet. Es ist nun mal ungünstig immer mal wieder für nur eine halbe Stunde in die Klassen zu schauen.
Mit dem Ende des Oktobers hat hier die Weihnachtszeit angefangen. Jetzt stehen hier zwischen Palmen in der Sonne prall geschmückte Tannenbäume und überall im Projekt hängen Lichterketten, Schneeflocken wurden an die Fenster gemalt und an jeder Ecke läuft Weihnachtsmusik.
(Shirley, Hannes und Laura – wie wir den künstlichen Tannenbaum aufstellen)
Hier mussten wir jeden Zweig einzeln so zurechtbiegen, dass er gut aussah. Shirley hat die einzelnen Zweige an einem Ast aber immer so angeordnet, dass sie wie ein Stern in alle möglichen Himmelsrichtungen abstanden und nicht annähernd echt aussahen. Da habe ich mich ernsthaft gefragt, ob sie sich eigentlich mal einen Tannenbaum genauer angeschaut hat.
Auch meine Familie hier hat letztes Wochenende endlich den Tannenbaum aufgestellt und mit 7 Lichterketten versehen. Da es hier so etwas wie einen Adventskalender nicht gibt, dachte ich mir, bringe ich mal etwas gute deutsche Kultur hierher und bastle meinen Gastgeschwistern einen. Ich mag es eigentlich, dass man sich hier so viel Zeit für Weihnachten nimmt und das so auslebt, ich bin aber leider selber noch nicht richtig in Weihnachtsstimmung. Das kommt dann hoffentlich im Dezember.
Die Wochenenden habe ich bisher unterschiedlich verbracht. Einmal war ich in La Fortuna beim Vulkan Arenal, einem Wasserfall und einem Fluss, der durch oder an dem Vulkan vorbei geht, und somit natürlich warm ist. Hier hatten wir eine Führung mit einem Guide, der im Dschungel als Kind gewohnt hat und uns diesen als seinen Garten vorgestellt hat. Er hatte auch ein sehr gutes Auge für Tiere, die man so ohne weiteres nicht einfach gesehen hätte. So habe ich an diesem Wochenende zum ersten Mal Affen in freier Wildbahn gesehen.
Ein anderes Mal war ich in Atenas bei Sophie, wo angeblich das beste Wetter der Welt sein soll. War auch tatsächlich ganz angenehm da. Als ich zu Sophie gefahren bin, war es das erste Mal, dass ich hier komplett alleine unterwegs war. Ich muss sagen es ist machbar, aber ich war fast die ganz Zeit angespannt, vor allem, als der Busfahrer spontan entschieden hat, eine andere Route einzulegen. Man kann sich hier kaum auf die Pläne verlassen, zumal es auch sein kann, dass es eben 3 verschiedene Fahrpläne gibt.
(Atenas ist ein Dorf in Alajuela, westlich von San José. Hier lebt Sophie zusammen mit riesen Hühnern.)
In den letzten Monaten ist mir aufgefallen, wie viele junge Mütter es hier gibt. Vor etwa einem Monat habe ich noch erzählt, wie Sofia, die Gastschwester (18 Jahre) von Laura, diverse Freunde hat, die eine Baby Shower schmeißen, oder sogar schon Kinder haben. (Für alle, die es nicht wissen: Eine Baby Shower ist eine Feier, die die schwangere Mutter veranstaltet und dort dann Geschenke für ihr Baby bekommt.) Diese besagte Gastschwester, wer hätte es gedacht, weiß seit einer Woche nun auch, dass sie schwanger ist – zur Trauer ihrer Mutter und Tante. Zu Laura, die etwas überfordert mit dieser Nachricht gefragt hat, ob sie denn glücklich damit sei, antwortete Sofia: „Aber Laura, hast du dir denn nie ein Baby gewünscht?“
Ansonsten habe ich noch nicht viel von Costa Rica gesehen, aber mich hat beeindruckt, dass neben Palmen Nadelbäume stehen. Und, dass man neben dem Strand direkt einen Vulkan hat und daneben Dschungel. Costa Rica ist einfach so vielfältig – leider aber auch echt teuer. Dafür, dass der Lebensstandard so niedrig ist, sind die Lebenshaltungskosten echt hoch.
Freunde habe ich bisher eigentlich nur aus dem Projekt. Sie sind entweder über 21 oder 15 Jahre alt. Es ist aber auch nach wie vor schwierig mit Gruppen unterwegs zu sein, weil ich die Unterhaltungen in Gruppen schlecht verstehe. Einer, Christian, geht übrigens davon aus, dass ich gar nichts verstehe und redet dann immer mit Laura und fragt sie Dinge über mich. Da muss ich noch ein bisschen an meinem Image arbeiten. Ansonsten läuft’s aber gut.
Was für mich noch etwas gewöhnungsbedürftig ist, ist dass man ständig von diversen Menschen gewarnt wird, alleine raus zugehen, vor allem im Dunkeln. Und, dass man des Öfteren von Schießereien erzählt bekommt, die an der Bushaltestelle, in der Mall oder unter der Brücke, Orte an denen ich mich durchaus aufhalte, stattgefunden haben. Beruhigt wird man aber immer damit, dass das alles Personen aus dem, hier unterschwellig herrschenden, Narcos-Krieg sind und ich deshalb davon nicht betroffen sein werde.
(Hannes’ Baby-Katze „Lucky“ – Laura und (Meine Gastmutter Natalia und ich
ich fanden den Namen Mathio besser) auf dem Weg zur „Isla Tortuga“)
Naja, Lieben Gruß!
Als wir vor sechs Wochen in Villa Rica aus dem Bus aus Lima stiegen, hatten wir keine Vorstellungen, was uns erwarten würde. Wir kannten die Beschreibungen von früheren Freiwilligen, von Visioneers und vom Skype-Gespräch mit Eli, unserer Chefin, doch so genau war uns nicht klar, wie hier alles aussehen und laufen sollte. Inzwischen fühlt es sich an, als wären wir gleichzeitig schon ein Jahr und erst einen Tag hier. Das Team Atiycuy hat uns sofort in seine kleine Familie aufgenommen und die Arbeit ist inzwischen zum Alltag geworden.
Da wir vier Freiwillige sind, wurden wir auf die vier verschiedenen Programme aufgeteilt. Alisa arbeitet bei ANNA, dem Programm für Kinder und Jugendliche. Yuki arbeitet mit Mundy bei CCNN, dem Programm, das mit den Yanesha zusammenarbeitet und diese im Prozess der Selbstverwaltung unterstützt. Yvonne wurde in Projekt Nummer drei, COBIO, untergebracht. Dieses arbeitet in der Concesión, einem 18.000 ha großen Gebiet Primärregenwald und dessen Dörfer. Das letzte Programm ist GEA, in dem ich arbeite. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Umweltbildung der Jugendlichen aus Villa Rica, aber auch der Comunidades. Außerdem organisieren wir immer wieder größere Projekte. So zum Beispiel am 27. September unseren Fridays-For-Future-Marsch durch Villa Rica, an dem fast 80 Leute teilgenommen haben, darunter viele Schulen und Vertreter der Stadt.
Atiycuy Perú arbeitet mit fünf verschiedenen Comunidades, den Yanesha-Dörfern, zusammen. Wenn wir in die Comunidades fahren, treffen wir jedes Mal beeindruckende Menschen, die uns herzlich empfangen und stolz auf ihre Kultur sind. Besonders inspirierend empfinde ich die Selbstlosigkeit der Yanesha. Als wir vor einer Woche plötzlich mitten im Regenwald im Platzregen standen und nicht mehr zum Auto laufen konnten, winkte uns sofort eine Yanesha-Mutter mit zwei kleinen Kindern in ihr Ein-Zimmer-Haus und schenkte uns ihr Mittagessen, damit wir uns anschließend trocken und gesättigt auf den Heimweg machen konnten. Schöne und sehr besondere Momente erleben wir immer wieder, wenn die Yanesha ihren Stolz für ihre Kultur zeigen. Ob sie ihr Kunsthandwerk anfertigen und an kleinen Ständen auf dem Wochenmarkt in Villa Rica verkaufen, die Kinder traditionelle Tänze tanzen oder ob uns ältere Damen zeigen, wie man Schmuck für das Cushma, das traditionelle Gewand, anfertigt, immer wieder wird uns klar, dass die Yanesha einen einzigartigen kulturellen Schatz besitzen.
Die Arbeit mit den Yanesha ist vielseitig und unterscheidet sich je nach Programm. Während Alisa mit den Kindern über die Yanesha-Identität, Persönlichkeitsempfinden und das Kulturgut der Yanesha spricht, liegt der Fokus bei Yukis Programm auf den Menschen- und Indigenenrechten sowie auf der Organisation der Comunidades untereinander. Der Schwerpunkt bei GEA, meinem Programm, wurde auf die lokale Flora- und Fauna, Nachhaltigkeit und Ökotourismus gelegt. Und alle Programme vereint spiegeln den ganzheitlichen Ansatz Atiycuy Perús wider.
Während die Comunidades, mit denen wir zusammenarbeiten, sonst nicht viel mit Nicht-Yanesha zu tun haben, gibt es hier jedoch auch Comunidades, die im starken Kontrast dazu stehen. Letztes Wochenende fuhren wir für zwei Tage zu unserem Mentor und seiner Familie. Lercio und seine Tochter besuchten dann am Samstag mit uns eine Ashaninka-Comunidad. Und wir waren mehr als schockiert, als wir uns inmitten eines Touristenzentrums wiederfanden. Dem Touri wird das traditionelle Gewand angezogen, bevor er zum Tanzen mit, man kann es schon so bezeichnen, traditionell bemalten Strippern und zum Kaufen von angeblich dort hergestellten Andenken geschickt wird. Wir fühlten uns, als hätten wir unsere Yanesha-Freunde mit diesem Besuch verraten. Die Ashaninka-Comunidad war bereits im Grundriss darauf aufgebaut, dass der Tourist an möglichst vielen Ständen vorbeilaufen muss, um das Programm anschließend mit einer Gruppe anderer Touristen zu erleben. Wir hatten jedoch nicht das Gefühl, dass sich die Ashaninka überhaupt mit ihrer Kultur identifizieren können. Alles wirkte viel zu bunt, die Tänze und Gesänge für den Touristen angepasst. Nicht nur die Stripper schreckten uns ab, auch der Fakt, dass danach jedem Touristen ein Kind an die Hand gegeben wurde, das und zu den Marktständen führte, war befremdlich. Die Kinder vermeiden persönliche Antworten, weichen Fragen nach Arbeit und Wohlbefinden aus und lenken schnell ab, sollten sie doch einmal zu ehrlich gewesen sein. Schlussendlich waren wir froh, endlich wieder in Lercios Auto steigen zu können und wegzufahren.
Doch ein schlechter Nachgeschmack bleibt: Zwar ist uns natürlich bewusst, dass hier die Kultur wie Bananen verkauft wurde, wir kennen den Gegensatz dazu aus den Yanesha-Comunidades. Aber mit uns waren dort neben Familien auch Schulklassen, die wohl nun nur dieses Bild von Indigenen Gemeinschaften haben. Das ganze Konzept ist also höchst fraglich. Obwohl – das muss man dazu sagen – die Ashaninka natürlich Geld damit verdienen, sich selbst versorgen können und nicht auf Plantagenarbeit angewiesen sind.
Die Ökonomie der Yanesha-Comunidades basiert auf der lokalen Landwirtschaft. Sie bauen Yuca und Kakao an, verkaufen Eier und sind deshalb nicht abhängig von Tourismus. Zusammen mit den Comunidades-Bewohnern arbeiten wir daran, neue Wirtschaftszweige für sie zu erschließen. Ökotourismus und Kunsthandwerk sollen dabei eine große Rolle spielen. Wir werden sehen, wie sich das ganze entwickeln wird!
– Saludos nach Deutschland schicken Alisa, Yvonne & Yuki!
Bereits seit 4 Jahren wird das Projekt in Limon 2000 von Visoneers unterstützt. Mit dem Bau einer (Berufs-)Schule begann die Arbeit einiger Freiwilligen in einer der ärmsten Regionen Costa Ricas. Der Bau sollte den Grundstein für die Schaffung neuer Perspektiven für die Menschen vor Ort bilden. Seit diesem Jahr ist der Bau einer Kantine für die Schule voll im Gange. Ich bin Philipp, 23 Jahre alt, ursprünglich aus dem Allgäu und habe dieses Jahr meinen Bachelorabschluss in energieeffizientem Planen und Bauen in Augsburg abgeschlossen. Um möglichst viele internationale Erfahrungen im Bauwesen zu sammeln, war es für mich wichtig ein Freiwilligenprojekt diesbezüglich zu absolvieren. Durch Zufall und mit sehr kurzer Vorbereitungszeit bin ich nun in Costa Rica angekommen, um den Bau voranzutreiben und bei der Arbeit zu helfen, um den Bau baldmöglichst abzuschließen.
Startschwierigkeiten
Nach einer einwöchigen Eingewöhungsphase mit den anderen Freiwilligen in San José hieß es für mich ab nach Limon. Ab an die Küste. Ab in die unglaublich heiße und feuchte Karibik. Um ein Saunagefühl zu bekommen fehlte für mich in den ersten Tagen lediglich der Duft nach Latschenkiefer Citro-Orange auf Teebaumölbasis. Nach dem Duschen wusste ich meistens nicht, ob ich noch nass von der Dusche oder schon wieder nass vom Schweiß war. Ich wurde herzlich von Pastor Julio, dem Leiter des Projektes vor Ort, am Busbahnhof begrüßt und wir fuhren gemeinsam zu ihm nach Hause. Dort wurde mir erstmal erklärt, dass die Familie, in der ich eigentlich unterkommen sollte, neben drei pubertierenden Kindern, nicht noch mehr Chaos durch einen deutschen Freiwilligen aufnehmen kann. Also blieb ich erstmal bei Julio und die Suche nach einer neuen Bleibe nahm die nächsten Tage in Anspruch. Mit Pastora Aydita wurden wir fündig und so wohne ich seit nun 6 Wochen in Limon 2000, drei Minuten Fußweg zu Baustelle.
Die ersten beiden Wochen fehlte das Geld aus Deutschland, weshalb der Bau nicht fortgesetzt werden konnte. Mir blieb dabei nichts anderes übrig, als die erste Geduldsprobe auf mich zu nehmen.
Dann ging der Bau aber los und wir, das waren der Maestro de Obra Felipe, Martin, ein weiterer Arbeiter und ich, begannen zu schuften. Da die Grundmauern schon fast komplett standen und das Dach fast geschlossen war begannen wir als erstes mit der Aufschüttung und Angleichung des Bodens mit Erde und Kies um noch mehr Erde und Kies und dann noch viel mehr Erde und Kies in das Gebäude rein zuschütten. Das war die Vorbereitung für das Gießen der Bodenplatte. Da man in Deutschland meistens mit genau diesem Teil eines Gebäudes anfängt, war ich anfangs doch etwas verwundert.
Bauen auf Costa-Ricanisch
Dann wurde der Betonmischer aufgefahren, vier weitere Arbeitskräfte motiviert und inklusive Pastor Julio konnte das muntere Bodenplattengießen beginnen. Drei Eimer Kies, eineinhalb Eimer Wasser. 50 Kg Zement. Drei Eimer Sand. Vier Eimer Kies. Vier Eimer Sand. Zwischendurch immer mal wieder Wasser. Zwei Tage am Stück in der prallen Sonne. Wenn dabei beim ersten Mal Sand einfüllen vier anstatt drei Eimer vermischt wurden, konnte doch etwas Verwirrung bei den Versammelten entstehen. Schubkarren für Schubkarren wurde der Beton ins Gebäude gekarrt und per Hand sauber verteilt. Die zwischenzeitliche neue Zementlieferung wurde natürlich nicht gleich neben dem Betonmischer abgeladen. Lieber zuerst in die Hütte tragen und dann von dort wieder zurück zum Betonmischer. Warum einfach wenn‘s auch kompliziert geht?! Nach 12 m³ Beton (je drei Tonnen Kies, Sand und Zement!!!) war der Boden schließlich fertig gegossen und ein großer Schritt zur Fertigstellung getan.
Weiter ging es mit dem Einbau der Abflussrohre für Küche und Toilette. Da die Küche auf der einen und das Bad auf der andren Gebäudeseite entstehen sollten, mussten anstatt einem, zwei tiefe Gräben ausgehoben werden. Wir gruben uns erst durch Erde und dann durch den festen, schweren Lehmboden. Schaufel für Schaufel. Schubkarren für Schubkarren wurde der Schnodder abtransportiert. Nach viel Schweiß und schwerer Arbeit sind die Rohre verlegt, Überlaufsiphons à la Tico Style integriert und die Gräben wieder gefüllt. Warum der Beton für die Siphons ausgerechnet im Gebäude auf der fertig gegossenen Bodenplatte vermischt werden musste, bleibt für mich dabei jedoch ein Rätsel.
Währenddessen wurden auch die fehlenden Wände mit der ersten Lage Putz verputzt und abgeschliffen. Das Aufbringen der zweiten Lage ist momentan die Aufgabe und sollte in den nächsten Tagen abgeschlossen werden.
Das Arbeiten macht Spaß, ist teilweise doch sehr anstrengend und ein Wechselbad der Gefühle. Freude kommt auf; wenn etwas wie die Bodenplatte, das Dach oder die Abflussrohre fertig gebaut worden sind. Belustigung, wenn Felipe auch beim hundertsten Versuch mich Feliz, anstatt Filip, genannt hat. Aber auch Verzweiflung, wenn man den vorherige Woche geschlossenen und verdichteten Graben wieder aufschaufeln muss, da der Feuchteschutz-Betonstreifen an der Außenwand noch fehlt und drangeschmiert werden musste. Jedoch muss hier eine Tico-Weisheit angebracht werden:
„Hätte man letzte Woche dran gedacht, hättest du heute keine Arbeit!“ – Felipe, Maestro de Obra
In den nächsten Wochen soll der Küchenbereich fertig gestellt und die Fliesen verlegt werden. Dafür müssen diverse Küchenplatten neu gegossen werden. Für das Bad fehlen noch Waschbecken und das WC. Der Wasseranschluss für das Gebäude muss ebenfalls noch vervollständigt werden und die Elektrik und die abgehängte Decke noch integriert werden.
Es bleibt auf jeden Fall spannend und einiges an Arbeit übrig! Bis zum nächsten Beitrag und viele Grüße!
Pura Vida!
– Feliz Philipp
Dieses Projekt war nur möglich Dank der EZ-Kleinförderung der Stiftung Nord-Süd Brücken (finanziert durch das BMZ) und AES.