Visioneers e.V. startet ein neues Patenprogramm:
Corona Nothilfe – Küken-Projekt (proyecto pollito)
Costa Rica, ein wunderschönes Land mit Menschen, die bislang mit ihrem Leben und ihrer Umwelt sehr glücklich und zufrieden waren, ist nun durch Covid-19 in eine existentielle Notlage geraten. Viele Menschen haben dort ihre Jobs verloren, den Familien droht Armut und Hungersnot.
Das Projekt
„Give a man a fish, and you feed him for a day. Teach a man to fish, and you feed him for a lifetime.“(Gib einem Mann einen Fisch und er ist für einen Tag satt. Bring einem Mann bei, wie man fischt und er wird sein Leben lang gesättigt sein).
Unter diesem Motto wurde in Costa Rica das Kükenprojekt ins Laufen gebracht. Dennis Leon, der Pastor im kleinen Dorf Esterillos Oeste, möchte den Familien im Umkreis somit eine Chance geben, sich im kleinen Maße selbst zu versorgen. Die Idee ist also, dass den Familien Materialien für einen Hühnerstall, Hühnerfutter und Küken gegeben werden und diese dann somit die Aufgabe bekommen, sich um die Küken zu kümmern. Auch im eigenen Interesse natürlich, die Küken sollen ja später auch mal Eier legen.
Das Haushuhn gilt als das häufigste Haustier des Menschen. Es ist pflegeleicht und anhänglich. Mit seinem Kikeriki erfreut es viele Herzen. Es versorgt die Familien täglich mit köstlichen und frischen Eiern. Die Hühnerhaltung hilft vor allem auch Kindern Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln und die Pflege von Tieren zu erlernen. Auch macht es den Kindern großen Spaß, jeden Morgen frische Eier einzusammeln.
Aber natürlich muss auch dieses Projekt irgendwie finanziert werden.
Da wir bei Visioneers durch den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst weltwärts schon lange Kontakt zu dem Dorf in Costa Rica haben, möchten wir dort so gut es geht Unterstützung leisten und auch Euch informieren und hoffentlich anregen, auch Unterstützung leisten zu wollen.
Werde Pate einer Kükenfamilie
Damit das aber nicht nur so anonym und unpersönlich geschieht, möchten wir eine Patenschaft anbieten. Deutsche/europäische Familien übernehmen eine Küken-Patenschaft für eine costa-ricanische Familie. Mit einer einmaligen Spende von nur 60 Euro kann eine Familie in Costa-Rica einen Hühnerstall bauen und die ersten Küken kaufen. So ist der Grundstein für eine Hühnerzucht gelegt.
Außerdem ist so auch der Grundstein für neue Freundschaften gelegt. Dank der noch funktionierenden Digitalisierung wird sich Visioneers e.V. bemühen, Kontakte zwischen den Familien herzustellen. Die Familien aus Costa Rica können mit Wort und Bildern von ihren neuen Haustieren berichten. Und wer weiß? Vielleicht ergibt sich später, nach Coronazeiten, auch mal die Möglichkeit eines Besuchs…
Möchtet Ihr mitmachen? Dann schreibt uns gerne an: ntepass@visioneers.io
Costa Rica
Mitten in Lateinamerika liegt Costa Rica, ein wunderschönes Land mit eindrucksvollen Naturlandschaften, Regenwäldern, einer atemberaubenden Tierwelt und paradiesischen Stränden an der Karibik sowie dem Pazifik. Wie viele Länder des globalen Südens ist es als Schwellenland klassifiziert.
Bestimmt habt auch Ihr in letzter Zeit mal darüber nachgedacht, in Costa Rica Urlaub zu machen, denn Tourismus ist der Hauptgrund dafür, dass Costa Rica über die letzten Jahre wachsen und sich weiterentwickeln konnte. Aufgrund des steigenden Tourismus wurden immer mehr Arbeitsplätze geschaffen und mittlerweile arbeitet 60% der Bevölkerung direkt oder indirekt im Tourismus. Daher ist die Existenz vieler Costa-Ricaner durch COVID-19 gefährdet. Viele Hotels und Restaurants müssen schließen, denn die Touristen bleiben aus. Dennoch geben die Menschen dort nicht auf, sondern erwecken viele neue Hilfsprojekte zum leben. Wie z.B. das Kükenprojekt.
Sie möchten eine Kükenpatenschaft übernehmen?
VISIONEERS e. V.
Berliner Sparkasse
IBAN: DE11 1005 0000 0190 4435 45
BIC: BELADEBEXXX
Betrag: 60,00 Euro
Betreff: Kükenprojekt, Name + Adresse des Spenders
Das Projekt wird zum Großteil von dem EZ-Kleinprojektfond der Süd-Nord-Brücken Stiftung finanziert.
„Wertschätzung lässt Verbundenheit und Vertrauen wachsen. Es ist der Treibstoff für die Straße des Lebens, den wir täglich brauchen“ (Jeanette Holdingausen).
Wieso beginnen wir also erst die Dinge wertzuschätzen, wenn wir sie nicht mehr haben oder sie nicht mehr greifbar sind? Vielleicht fühlen wir uns deshalb an so vielen Tagen träge, schlapp und ohne Motivation. All das, weil wir nicht jeden Tag wertschätzen, nicht die kleinen, positiven Dinge zu schätzen wissen? Hätten wir mit mehr Wertschätzung den nötigen Treibstoff, den wir bräuchten, um jeden Tag unsere Straße des Lebens energievoll zu bestreiten? Warum haben die negativen Dinge so viel Gewicht, sodass die positiven Dinge in Vergessenheit geraten?
Wertschätzung bedeutet das Schätzen von einzelnen oder mehreren messbaren Eigenschaften einer Sache oder von Individuen. Was würde passieren, wenn wir einzelne Sachen oder Personen mehr wertschätzen würden? Würden wir dann positiver, glücklicher und zufriedener durch das Leben ziehen? Eigentlich ist die Antwort ganz einfach – ja würden wir! Wieso also nicht gleich mit mehr Wertschätzung beginnen? Deshalb appelliere ich an die Leser dieses Blogeintrages, für einen kurzen Moment in sich zu gehen und die Augen zu schließen. Denkt an Personen und Sachen, die ihr in eurem Leben schätzt. Denkt an den heutigen Tag und jedes noch so kleine, positive Ereignis, dass ihr noch nicht wertgeschätzt habt. Ich bin der Meinung, dass mit mehr Wertschätzung die Menschheit präsenter wäre und mehr im Moment leben würde.
Mit diesem Blogeintrag will ich mich genauer mit den Dingen befassen, die ich an meinem Jahr in Costa Rica wertschätze. Ich will nicht erst damit anfangen, wenn ich wieder in Deutschland bin und die Personen und Sachen so weit weg oder ungreifbar sind. Ich möchte über die Dinge nachdenken, die ich hier liebe, für die ich dankbar bin, die ich anerkenne. Ich möchte mehr Treibstoff für meine Straße des Lebens sammeln. Ich will nicht enttäuscht in Deutschland sitzen, weil ich gewisse Momente und Personen nicht wertgeschätzt habe und sie deshalb in Vergessenheit geraten sind.
German, unser Nachbar
Ein schon etwas älterer Mann mit einem großen Herz für Mensch und Tier. German ist einer der herzlichsten Menschen, die ich kenne. Ich habe großen Respekt vor ihm. ich schätze und achte ihn sehr. German arbeitet als Security nachts vor einer Bar. Das ganze 12 Stunden und 6 Tage die Woche. Meistens sind es sogar deutlich mehr als 12 Stunden, da er in der letzten Zeit häufig viel später als normal von der Arbeit zurück gekommen ist. Heute beispielsweise kam er erst um 8 Uhr morgens zurück, obwohl seine Schicht eigentlich um 6 Uhr zu Ende ist. Von 18 Uhr abends bis 8 Uhr morgens arbeiten – das sind 14 Stunden! Für mich unvorstellbar. Und ob er die Überstunden bezahlt bekommt? Wohl eher nicht. Dazu kommt, dass er bei seinem Job kaum Geld verdient. Wie wenig er verdient, weiß ich leider nicht und kann somit nur vermuten. Der Mindestlohn in Costa Rica liegt bei ca. 500$ pro Monat. Das bedeutet, dass German bei 72 Stunden pro Woche und 288 Stunden pro Monat rund 1,70$ pro Stunde verdienen würde. Dabei muss beachtet werden, dass Costa Rica ähnlich teuer wie Deutschland ist. Dass German wenig Geld hat, ist deutlich erkennbar an seinen Lebensverhältnissen.
Er lebt in einer Wohnung mit nur einem kleinen Zimmer, in dem alles steht, und einem winzigen Bad. Eine Küche besitzt er nicht, weshalb unsere Vermieterin immer für ihn kocht. Seine Kinder leben in der Hauptstadt San José. Doch oft fehlt das Geld für den Bus, um seine Kinder zu besuchen oder Sachen in der Hauptstadt zu erledigen. Trotz alledem kauft er regelmäßig Futter für unsere Katze. Er liebt es, unsere Katze zu füttern. Jedes Mal freut er sich aufs Neue wenn er der Katze Futter gibt. Deshalb füttern wir unsere Katze mittlerweile nicht mehr und füllen lediglich die Flasche mit Katzenfutter auf, damit German die Katze füttern kann. Oftmals kommen sogar 3 andere Katzen und betteln um Futter. Obwohl alle Katzen nicht seine (eigentlich auch nicht unsere) Verantwortung sind und er kaum Geld hat, gibt er jedes Mal aufs Neue jeder Katze Futter. Ebenfalls hat er uns bereits des Öfteren auf ein Eis eingeladen. Er klopft an unserer Tür und sagt, dass er Eis für uns hätte. Wir setzten uns mit ihm draußen hin, schlabbern das Eis und unterhalten uns. Er scheint glücklich und zufrieden zu sein. Mein Herz geht auf.
Zudem hatte ich ihm erzählt, dass ich früher viel Flöte gespielt habe. Am nächsten Tag klopfte er an die Tür und schenkte mir seine wunderschöne aus Holz gefertigte, bemalte Flöte, die leider nicht mehr funktioniert. Ich konnte es kaum fassen. Ein Mann, der so wenig Besitz hat, schenkte mir ein Teil seines kleinen Besitzes. Doch genau das macht German glücklich – teilen und geben. Ich werde sein großes Herz in Deutschland sehr vermissen. Es gibt so viele Dinge, die ich an German wertschätze und bewundere. Ich wünschte, dass es mehr Menschen wie German auf dieser Welt geben würde. Ich bin dankbar, dass er unser Nachbar ist und ich ihn kennen lernen durfte. Ich habe bereits viel von German gelernt und durch ihn über viele Dinge nachgedacht.
Estrella
Außerdem schätze ich es sehr, ein Haustier zu haben – unsere Katze Estrella (Stern) – oder Coco? Die ehemaligen Freiwilligen haben uns erzählt, dass sie Coco heiße. Doch German meinte, dass ihr Name Estrella sei. Also nennen Lina und ich sie momentan Estrella. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie sehe. Es ist beruhigend, sie zu streicheln und zu kuscheln. Wie kann ein so kleines und zartes Tier so viel Wärme und Zuneigung schenken?
Eine weitere Sache, die ich wertschätze ist, dass wir auf einem Hof zwischen Ticos leben. Meiner Meinung nach ist das die beste Art und Weise, die Kultur zu erleben und zu entdecken. Um 5 Uhr kräht der Hahn. Um 6 Uhr beginnen die Leute rumzuschreien. Tumult rund um die Uhr. Nicht zu vergessen, die vielen Tiere, die ständig überall rumlaufen. Irgendwie klingt die Beschreibung meines Lebens zwischen Ticos nicht sonderlich schön. Ich kann nicht beschreiben wieso, aber genau das liebe ich alles. Mich stört es nicht, früh aufzustehen bzw. aufzuwachen. Das ist Teil der Kultur und ich bin schließlich hier, um die Kultur hautnah zu erleben.
Anderer Standard
Ebenfalls bin ich dankbar für die Wohnung, in der wir leben. Ich würde sie als eine „Tico-Wohnung“ bezeichnen. Für mich bedeutet das, dass die Wohnung klein und sehr einfach gebaut sowie ausgestattet ist – nicht vergleichbar mit dem „deutschen Standard“, der deutlich höher liegt. Alles wirkt irgendwie dreckig, aufgrund der alten Möbel bzw. Einrichtung und der bröckeligen Wände. Auch aufgrund des Schimmels, der hier keine Seltenheit ist, wirkt alles schmutziger und ungemütlicher.
An das Bad musste ich mich am Meisten gewöhnen. Klein, eng, kein Platz zum Sachen abstellen und so einen „Duschkopf“ gibt es wohl kaum in Deutschland. Abermals klingt meine Beschreibung wenig nach Wertschätzung. Dennoch bin ich unglaublich froh, dass ich in einer Wohnung lebe wie die Ticos. Genau das gehört zu meiner Erfahrung dazu. Sonst wäre es ja langweilig, da hätte ich auch gleich in Deutschland bleiben können. Ein komplett anderer Lebensstandard. Mit weniger zu leben bzw. auszukommen, ein Zimmer teilen, weniger Privatsphäre – fernab von der Konsumgier der westlichen Länder und des Größenwahnsinns. Eine Erfahrung bzw. eine Lektion, aus der ich viel Nutzen ziehen kann.
Im Bett liegen, die Augen zu, und dem Meeresrauschen lauschen – ein kleiner und doch so schöner Moment, den ich wertzuschätzen weiß. Beim Einschlafen das Rauschen der Wellen hören, wie geil ist das denn bitte? Zudem wirkt es sehr entspannend und hilft beim Einschlafen, glaubt mir. Abends das Meeresrauschen und morgens gleich zum Strand. Wie schön es ist, für ein Jahr in einem Dorf direkt am Strand zu wohnen. In der Mittagspause kurz Sonne am Strand tanken oder schnell einmal in das Meer hüpfen. Nach der Arbeit oder am Wochenende das Surfboard schnappen oder stundenlang am Strand entspannen und Ukulele spielen, lesen Musik hören, Karten spielen, die Augen schließen, den angenehmen Wind im Gesicht und dessen salzige Brise des Meeres spüren. Schön lässt`s sich leben. Wertschätzung.
Auch die kleinen Dinge, wie das selbstgemachte Eis meiner Abuela, das als Ersatz für meine dunkle Schokolade wirkt, schätze ich. Schokolade und Erdnussbutter, Schokolade und Banane, Ananas, Kokosnuss, oder doch Schokolade pur? Die Entscheidung fällt mir immer schwer. Obwohl ich meine dunkle Schokolade doch sehr vermisse, bin ich froh, dass ich das Eis meiner Abuela habe.
Bleiben wir gleich beim Thema Essen. Gallo Pinto, das Nationalgericht Costa Ricas. Reis und Bohnen, einfach aber gut. Gibt es immer und überall und dennoch kann ich nicht genug davon bekommen. Zumindestens noch nicht. Wenn Gallo Pinto bei uns in der WG auf dem Tisch kommt, dürfen viel Lizano-Soße und Platanos nicht fehlen! Ich muss gestehen, dass ich es liebe und es sehr in Deutschland vermissen werde. Wie soll ich das bloß in Deutschland nachkochen, ohne die richtigen Bohnen, Kochbananen oder die Lizano-Soße? Vielleicht sollte ich damit anfangen, es jeden Tag zu essen? Wobei lieber nicht, sonst muss ich noch zwei Plätze auf dem Rückflug buchen…..
Meine Freiwilligenarbeit
Ein große Sache, die ich in Costa Rica ebenfalls wertschätze, ist meine Arbeit als Freiwillige. Ich bin dankbar, dass ich ein kleines soziales Projekt hier unterstützen darf. Ich weiß, dass ich die Welt nicht rette oder verändere, aber ich schätze es, dass ich einen kleinen Beitrag für eine bessere Welt leiste. Sei es nur einem Kind, ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Mit den Kindern zu spielen, zu basteln, zu lachen, rumzualbern – eine positive Sache, die nicht nur den Kindern viel Spaß bereitet und Energie schenkt, sondern auch mir. Auch die Kinder zaubern mir oft ein Lächeln in mein Gesicht, indem sie angerannt kommen, meinen Namen schreien, mich umarmen, mir Fragen stellen. So drücken die Kinder auf ihre eigene Art und Weise ihre Dankbarkeit aus. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Eine Erfahrung, aus der ich jeden Tag mehr lerne und mehr Nutzen ziehen kann. Meine Erfahrung, als Freiwillige zu fungieren, werde ich noch lange in Erinnerung behalten.
Das wunderschöne Land Costa Rica
Ich schätze nicht nur meine Erfahrung als Freiwillige, sondern auch, dass ich genug Zeit habe, um Costa Rica zu bereisen und zu entdecken. Costa Rica, ein Land mit einer unbeschreiblich schönen Natur und einer faszinierenden Tierwelt. Das Meer, der Strand, die Palmen, die Berge, die wunderschönen Sonnenaufgänge und -untergänge, die Berge, die Vulkane, Affen, Leguane, Riesenspinnen, Papageien, Faultiere. Einfach nur Wow. Ich bin schon viel gereist, aber eine Landschaft und eine Vielfalt wie in Costa Rica sehe ich zum ersten Mal. Nicht fehlen dürfen bei den Dingen, die ich an meinem Jahr in Costa Rica wertschätze, meine gewonnene Ruhe und Gelassenheit sowie die viele Zeit, die ich für mich habe und die wenigen Verpflichtungen. Einfach mal einen Tag, das tun, was ich will und nicht meinen unendlichen Verpflichtungen hinterherrennen, wie ich es in Deutschland tat. Eine Erfahrung, die mir unglaublich gut tut. Weniger Stress, mehr Ruhe, Gelassenheit, Entspannung und Zeit. Hoffentlich kann ich davon ein großes Stück zurück mit nach Deutschland nehmen.
Es gibt so viele Dinge und Personen, die ich an meinem Jahr in Costa Rica wertschätze, für dich ich dankbar bin, die ich liebe und respektiere. Würde ich noch mehr Sachen aufzählen, noch mehr ins Detaille gehen und die kleinen, winzigen Sachen betrachten, würde dieser Artikel das Maß überschreiten. Wie viel Freude es mir bereitet hat, diesen Blogartikel zu schreiben. Oft mit einem Lächeln im Gesicht, gut gelaunt, zufrieden, glücklich, entspannt, positiv – das Wunder der Wertschätzung.
Innehalten, durchatmen, wertschätzen, Treibstoff tanken.
Ich steige aus dem Bus aus, welcher mich von Turrialba – einem Städtchen im wunderschönen Costa Rica – in ein kleines Nachbardorf gebracht hat. Ich biege in einen Kiesweg ein, welcher einen kleinen Hügel hinauf zu einem Haus führt. Einem Haus, in welchem viel Leben steckt. Das Waisenhaus „Hogar Infantil Turrialba“. Schon von weitem hat mich ein Kind entdeckt, schreit ganz laut: „Vanee“, und noch bevor ich das kaputte Tor geöffnet habe, kommen einige Kinder mit strahlenden Gesichtern angestürmt. Nach vielen Umarmungen, Küsschen und High Fives schaffe ich es dann auch meinen Weg fortzusetzen, durch die Küche, in welcher ich die Tias (so heißen die Mitarbeiter hier) begrüße, bis zu einem kleinen Nebenraum um meinen Rucksack abzustellen.
So beginnen die meisten meiner Arbeitstage hier im Waisenhaus „Hogar Infantil Turrialba“, in welchem zurzeit 15 Kinder von 0-12 Jahren wohnen. Kinder, welche entweder keine Eltern mehr haben, oder -und das kommt viel häufiger vor- misshandelt wurden. Zum Schutz der Kinder werden keine Informationen über ihre Vergangenheit weitergegeben und so wird auch mir, obwohl es mich sehr interessieren würde, wo manche Gewohnheiten der Kinder herkommen, wenig erzählt.
Der Alltag im Waisenhaus
Einige der Kinder gehen entweder in die Schule oder den Kindergarten. Am Nachmittag haben sie dann viel Zeit um zu spielen und sich auszutoben, ja, wie alle Kinder haben auch diese unglaublich viel Energie. Meine Zeit dort fängt meistens mit Haushaltsarbeiten an: Wäsche aufhängen, Fegen, Putzen und was eben sonst noch so alles anfällt. Damit bin ich dann oft auch den ganzen Vormittag beschäftigt. Nach dem Mittagessen, bei welchem manche der Kinder noch gefüttert werden müssen, bleibt mir aber noch sehr viel Zeit um mit den Kindern zu spielen, zu reden oder auch Hausaufgaben mit ihnen zu machen. Dadurch, dass im Waisenhaus relativ wenige Kinder leben, ist es leicht zu jedem eine gute Beziehung aufzubauen und ich habe alle schon sehr ins Herz geschlossen. Noch ein Vorteil ist, dass durch die geringe Anzahl alle (sehr gequetscht) in einen Kleinbus passen und Ausflüge gemacht werden können. Etwa alle zwei bis drei Wochen ist die Freude dann immer groß, wenn Kinder, Tias und Mittagessen in den Kleinbus gepackt werden und einen Ausflug ansteht.
Wenn die leiblichen Eltern der Kinder sich nicht bessern und keine pflegefähigen Verwandten gefunden werden, wird eine Pflegefamilie für die Kinder gesucht. Auch ich habe schon miterlebt, dass Kinder gegangen sind, da eine Familie für sie gefunden wurde. Das ist zwar einerseits traurig, da man nie weiß, ob man die Kinder wiedersehen wird, aber natürlich überwiegt die Freude. Zu sehen, dass die Kinder an liebevolle Eltern übergeben werden, ist einfach überwältigend schön. Auch wenn die Arbeit mit den Kindern sehr anstrengend sein kann, habe ich schon sehr viel gelernt und es gibt sowieso nichts, was eine Umarmung und ein „Du bist toll“ der Kinder nicht wieder gut machen kann.
Eure
Vanessa Einsiedler
Diesen Monat ist es so weit, die Hälfte meines Jahres in Costa Rica ist schon um. Wie schnell vergingen diese 6 Monate…
Was am Anfang noch ungewohnt für mich war, ist nun zum Alltag geworden. Ich habe viel erlebt in den letzten Monaten und viele neue Dinge gelernt. Wenn mir jemand am Anfang des Jahres gesagt hätte, dass ich diese Kinder so sehr lieben werde, hätte ich ihn vermutlich erst mal komisch angeschaut. Mittlerweile schmiede ich allerdings Pläne, wie ich meine Kids, meine Frauen und tonnenweise Pinto mit nach Deutschland schmuggeln kann. Diese Menschen werden mir sehr fehlen! Gerade nach der kurzen Ruhepause, die sich Transforma zu Beginn des Jahres gegönnt hat, sind die Beziehungen zu vielen costa-ricanischen Freiwilligen im Projekt noch enger geworden.
Nähkurse
Jeder von uns hat seine Aufgaben, und durch meine kann ich glücklicherweise sehr eng mit den Schülerinnen des Nähkurses zusammenarbeiten. Was man da alles so an Klatsch und Tratsch mitbekommt, selbst wenn man im Raum nebenan ist, ist echt erstaunlich! Ich bin nun bestens über die Geschehnisse im Barrio informiert und weiß wie es den Mamas, Kindern, Enkeln, Cousins und eigentlich der ganzen Bevölkerung Costa Ricas geht.
Wir haben nun auch viele neue Produkte, die in den nächsten Monaten fleißig verkauft werden können. Ich musste deshalb auch lernen, wie man Naturseifen behandelt, bevor man sie verkaufen kann. Und obwohl ich die Mädels immer streng zum Nähte auftrennen verdonnere, weil wieder irgendetwas falsch zusammengenäht wurde, nehmen die Frauen mich liebevoll in ihre Gruppe auf.
Neues Semester, neue Kurse und neue Frauen und Kinder
Bald startet das neue Semester im Projekt und alle sind schon sehr gespannt. Die neuen Frauen und Kinder werden zwar einiges an Arbeit bedeuten, aber ich freue mich schon sehr. Zwei Kurzzeitkurse haben schon vor Beginn des Semesters gestartet, es wurde aber trotzdem fast ein bisschen langweilig ohne Kindergeschrei im Haus, laut lachende Frauen in der Küche und hektisches Gewusel der Freiwilligen. Die wochenlange Büroarbeit zur Vorbereitung auf die Kurse musste zwar sein, aber trotzdem ist das ganze Team froh, wenn es bald wieder losgeht. Ich bin schon gespannt, welche Frauen vom letzten Semester zurückkommen werden. Am liebsten hätte ich sie alle wieder im Haus.
Mein Highlight des Monats? Definitiv Zabeti. Diese Frau ist mir die letzten Monate sehr wichtig geworden und ans Herz gewachsen. Als sie letzte Woche in einer kleinen Feedbackrunde mit der Projektleiterin auch noch erzählt hat, dass sie Pauline und mich ins Herz geschlossen hat und bei uns spürt, dass sie uns wichtig ist, sind mir fast die Tränen gekommen. Sie erzählte, wir behandeln sie nicht von oben herab, wie das bei einer älteren Dame, die keine Mittel zur Verfügung hat, häufig passiert.
Wie käme jemand bloß auf die Idee, sich über Andere zu stellen, noch dazu aus so banalen Gründen? Mir fällt immer wieder auf, wie wichtig es für diese Frauen und Kinder ist, an einem Ort zu sein, an dem sie geschätzt und gehört werden, an dem sie wichtig sind. Ich freue mich jeden Tag aufs Neue, zu sehen, wie diese Frauen einen Prozess durchlaufen und man zusehen kann, wie sie aktiv ihr Leben verändern und verbessern.
Wenn man hier im Dorf ein bisschen herumläuft, grüßt man JEDEN, auch wenn es nur ein kurzes Hallo oder Tschüss ist und wenn man es dann mal nicht macht, hinterlässt es direkt ein etwas komisches Gefühl. Selbst ich find es schon ein bisschen unhöflich, wenn mich mal jemand nicht grüßt.
Wie es in einem so kleinen Dorf typisch ist, kennt hier jeder jeden. (Wie auch in Deutschland auf dem Land).
Kirchengemeinschaft
Außerdem ist die Gemeinschaft der evangelischen Kirche hier sehr wichtig und der Großteil der Leute hier ist Teil davon. Der Gottesdienst findet in der Turnhalle der Schule statt und besteht zum Großteil aus Singen. Zum Glück wird der Text an die Wand gestrahlt, dann kann man auch gut mitsingen.
Außerdem gibt es hier eine Organisation „TheWay“, die ich persönlich echt klasse finde, da die immer mal Veranstaltungen für Jungendliche/ junge Erwachsene machen. Am Dienstag zum Beispiel gabs Lagerfeuer, die Woche davor eine Gesprächsrunde, die dann aber zur Spielrunde überging, da die Themen leider zu tiefgründig waren. Das Ganze gehört auch zu der „Pura Vida Church“, wie die Kirche hier heißt.
Es gibt auch einige Sportangebote, wie zum Beispiel Boxen, Zumba oder Joggen. Fußball gibts auch, letztens gab es sogar ein recht „großes“ Fußballturnier. Auch Volleyball gibt es manchmal, wo ich aber bis jetzt leider noch nicht war.
„Die Deutschen“
Carlotta und ich versuchen immer sehr viel mit zu machen, damit wir uns irgendwie integrieren können. Aber es ist sehr schwer. Weil kleines Dorf heißt auch sehr fester Kreis und enge Gemeinschaft. Und das heißt nicht, dass sie nicht höflich und nett zu uns sind. Das hat uns einer der Ticos dann mal erklärt, nachdem wir meinten, er solle doch bitte Spanisch mit uns sprechen. Er meinte, wenn ein Tico Gringas oder Europäer sieht, spricht er immer auf Englisch mit ihnen um freundlich zu sein oder einen gewissen Respekt zu zeigen. Vielleicht. Ich kann es nicht genau sagen. Dass wir aber hier sind, um Spanisch zu lernen, mussten wir deutlich erklären.
Da unser beider Spanisch noch nicht ausreicht, um tiefgründige Gespräche zu führen, ist es sehr schwer, neue Freundschaften zu knüpfen. Manchmal frag ich mich aber auch, worüber die Leute hier überhaupt reden. Ich glaube, dass fast nur der Glaube hier Gesprächsthema ist und es für uns beide oft sehr schwierig ist, an diesen Gesprächen teilzuhaben. Wenn wir jemand Neuen kennenlernen, ist die Religion immer eine der ersten Fragen an uns.
Was die Ticos aber auch gut können, ist über ihr Land schwärmen. Das hör ich mir dann aber auch immer sehr gerne an, um vielleicht ein paar gute Ausflugsorte dabei mitzunehmen.
Und das frühe Aufstehen natürlich. Ich wache hier immer spätestens gegen 7 Uhr auf, auch am Wochenende, da man erst von den Hähnen und dann von dem Schreien auf dem Hof geweckt wird. Mich würd wirklich gerne mal interessieren, worüber die da so streiten. Vielleicht sollte ich mal noch früher aufstehen und zuhören?
Esterillos Oeste
Da Esterillos Oeste ja an einem traumhaften Strand liegt, zieht es auch einige Amerikaner an. Hier leben nämlich ziemlich viele Gringos und deswegen wird die Predigt im Gottesdienst z.B. auch immer auf Englisch übersetzt.
Kommen wir mal zu der Sache mit der Pünktlichkeit. Das find ich hier nämlich gar nicht so schlimm, weil an sich sind die Leute hier sogar ziemlich pünktlich. Bei Terminen, die eine feste Uhrzeit haben, ist man hier schon auch zu der Uhrzeit da. Nur wen man sich locker verabredet, ja dann kann es auch mal zwei Stunden später werden.
Nur der Bus, der kommt immer nur dann, wann er will. Pura Vida.
Pura Vida als Lebensmotto
Pura Vida ist ja in ganz Costa Rica das Lebensmotto und man merkt es den Menschen wirklich an.
Bei manchen ist es einfach die ruhige, entspannte und positive Aura, die von Ihnen ausgeht, bei anderen merkt man einfach, wie sie den ganzen Tag eigentlich nur auf der Terasse sitzen und dabei essen.
Aber wenn ich mir das so überlege, mache ich irgendwie nicht viel mehr hier. Nur, dass ich hier natürlich zur Arbeit muss. Aber hätte ich die nicht…
Zusammenfassend gesagt sind Pura Vida und Gott eigentlich hier die Antwort auf alles. Bus verpasst? Pura Vida
Job verloren? Gott wollte es so und hat was besseres für mich geplant. Achso und natürlich auch Pura Vida.
Aber das ist schön und die Leute sind hier glücklich. Ma merkt das auch sehr. Nur wir Deutschen müssen erstmal mit dieser Art von Glücklichsein klarkommen. Denn es ist anders. Um hier glücklich zu sein, braucht es nicht viel, die Menschen haben keine großen Ansprüche
300 Kinder und 60 Mitarbeiter – das hört sich nach viel an. Aber in Wahrheit ist das Centro Educacion Especial Turrialba eine große Familie und man lernt ganz schnell alle kennen. Von der Chefin Doña Xinia über Professoren und Helfer, Köchinnen und Putzpersonal bis hin zu Don Giovanni, dem Türsteher grüßen sich alle täglich und fragen nach dem Wohlbefinden. Mehrmals am Tag trinken die Angestellten Kaffee zusammen und man kann sich dazusetzen, immer gibt es was zu reden – sei es das Wetter, die Unterschiede zwischen Costa Rica und Deutschland oder warum in Costa Rica alle schon Mitte November die Weihnachtsdekorationen rausholen. Auch im CEET wird nämlich schon fleißig dekoriert.
Auch mit den Professoren kann man sich super unterhalten – jeder erklärt gerne seine Arbeit und die ganzen Unterschiede zu den regulären Schulen in Costa Rica. Im CEET wird zum Beispiel keine Anwesenheit gezählt, und Noten gibt es auch nicht. In fast allen Schulen in Costa Rica kommt in den letzten Wochen keiner mehr, alle haben ihre Noten und bleiben deshalb zuhause. Im CEET, auf freiwilliger Basis, kommen die meisten Schüler bis zum letzten Tag. Das mag daran liegen, dass die Schüler hier mehr machen als nur Zahlen und Buchstaben lernen – im Colegio dürfen sich die 18- bis 22-jährigen praktisch austoben, und sich Fähigkeiten aneignen, mit denen sie später ihre Familie finanziell unterstützen können. Eine Gruppe zum Beispiel baut Salat an, eine Gruppe stellt Armbänder und anderen Schmuck her, eine andere arbeitet mit Holz und verarbeitet es zu verschiedenen Gegenständen. Einmal im Monat stehen dann Salat, Schmuck und Holzkisten oder ähnliche Sachen zum Verkauf.
Zwei der Professoren versuchen auch, ein bisschen Deutsch zu lernen, und zwar mit zwei sehr verschiedenen Ansätzen. Oskar, einer der Sportlehrer, versucht jeden Tag einen weiteren Satz einer Konversation zu lernen “Guten Morgen”, “Wie geht’s?”, “Gut, und dir?”, “Wie hast du geschlafen?” , und so weiter und so fort. Wir schreiben ihm auch immer alles schön auf, er schreibt die Aussprache darunter und dann wird jeden Tag “abgefragt”. David, ein Lehrer im Colegio, der mit den ungefähr 15- bis 18-jährigen arbeitet, kommt auf einen von uns zu, hält seine Hand vor unser Gesicht und sagt “Piña”. Dann erwartet er die deutsche Übersetzung “Ananas” und das nächste mal, wenn man ihn sieht, hält er einem wieder die Hand vor das Gesicht und sagt “Ananas”. So geht das mit ein paar Wörtern, aber Ananas ist definitiv sein Favorit. David ist wie ein Onkel für uns beide, unglaublich lustig und wir haben ihn jetzt schon sehr lieb – mit ihm kann man keine schlechte Laune haben.
Ein typischer Arbeitstag beginnt für uns um 7 Uhr. Der öffentliche Bus “Santa Rosa” hält direkt vor der Schule, Don Giovanni öffnet uns das Tor und fragt wie fast jeden Tag, ob wir denn schon das Guayabo Nationalmonument besucht haben, er hat da nämlich eine Finca, ein Landhaus, in der Nähe. Je nachdem, in welcher Gruppe wir gerade arbeiten (wir dürfen nämlich ganz frei Gruppen wechseln, um alle Bereiche der Schule kennenzulernen) beginnt der Tag fast immer gleich: Zuerst wird klargestellt, welches Datum und welchen Wochentag man hat, wie das Wetter ist und was heute auf dem Plan steht. Das geht von Sport-, Spanisch- und Musikunterricht bis Sprachtherapie. Durch die freie Gruppenwahl haben wir Freiwillige im Projekt viele verschiedene Möglichkeiten, mitzuhelfen. Im Kindergarten die Kleinen hüten und gleichzeitig durch die unzähligen Kinderlieder unseren Spanischwortschatz erweitern, in den “Talleres” im Colegio Tische bemalen, ein Bingo zu organisieren, im Garten neue Salatdünger kennenlernen, in der Küche typisch costa-ricanische Gerichte zubereiten, oder aber auch mit den Grundschülern den ganzen Tag Weihnachtsdeko zu basteln, von der es schließlich nie genug geben kann. Gegen 8:30 gibt es “Merienda”, die erste Pause – hier wird etwas kleines gegessen und Saft oder Milch getrunken. Dann geht der Unterricht weiter bis zum Mittagessen zwischen 11:30 und 12:00 Uhr, wo uns die tägliche Dosis Reis und Bohnen erwarten – dazu gibt es Fleisch, Salat und Als Getränk Wasser. Zum Nachtisch gibt es Früchte. Oft werden die Bohnen auch durch Gemüse ersetzt, ab und zu gibt es Suppe. Danach wird weiter gearbeitet, es gibt eine zweite Merienda und dann gehen die Schüler langsam. Manche treten schon um 13:00 oder 14:20 Uhr den Weg nach Hause an, manche erst um 15:30, so wie wir Freiwilligen.
An bestimmten Tagen, wie zum Beispiel in der “Semana de Educacion Especial”, im Monat September und zum Weihnachtsanfang, gibt es “Acto civicos” – die ganze Schule kommt zusammen, die Direktorin hält eine Rede und die Schüler präsentieren Tänze und Choreographien, die sie wochenlang geübt haben. Zusätzlich wird die Schule passend zum Thema dekoriert und die Schüler kommen in Kostümen zur Schule, meist nur für die 1-2 Stunden, die die Aktivitäten andauern.
An diesen Tagen, wenn dei ganze Familie des CEET zusammen kommt, ist das Gemeinschaftsgefühl besonders groß. Alle sind stolz auf das, was sie zusammen auf die Beine gestellt haben, stolz auf die Kinder und auf die Jugendlichen, stolz auf ihre Institution und atolz auf das, wofür sie steht. Por una Costa Rica más equitativa – Für ein Costa Rica mit mehr Gleichberechtigung.
Feliz Navidad!
Ein kurzes Update vom anderen Ende der Welt.
Ach, wer kennt es nicht: die Luft wird langsam kälter, die ersten Weihnachtslieder laufen im Radio – es beginnt die ruhige, besinnliche Zeit im Jahr. Die Familie kommt zusammen und genießt die Zeit im Advent, die Vorfreude auf Heiligabend wächst mit jedem Tag. Nun ja – hier, in Costa Rica läuft das alles ein wenig anders. Schon wenige Wochen nachdem ich in hier in Quepos angekommen bin (und das war Mitte September), haben die ersten Läden bereits ihre Weihnachtsdeko im Schaufenster präsentiert. Von kleinen, glitzernden Schleifen bis bunten Lichterketten konnte sich also jeder schon gute zwei Monate vor der Adventszeit eindecken.
Aber das geht sogar den meisten Menschen hier zu weit. Nein, geschmückt wird Mitte bis Ende November – dann aber auch gleich so richtig. Meine Gastfamilie und ich waren bereits vor ein paar Wochen in Alajuela, einer der Großstädte im Herzen Costa Ricas. Geplant waren ein paar kleine Ausflüge, ein Familienbesuch (selbstverständlich) und ein kurzer Shopping-Trip. Es war eine super Zeit und in den Bergen ist es so kalt, da fühlt man sich fast schon wie im eisigen Deutschland. Für einen kleinen Moment bin ich ja fast schon melancholisch geworden, als ich daran dachte, dass mein Weihnachtsfest dieses Jahr wahrscheinlich bei 35 Grad im Schatten stattfindet – ich glaube die Hoffnung auf weiße Weihnachten kann ich dieses Jahr erstmal aufgeben…
Aber das ist halb so wild – immerhin hat Weihnachten am Strand auch was. Ich hätte es zwar bevorzugt, wenn wir eine Palme anstelle dieses Plastikweihnachtsbaums in unserem Vorgarten geschmückt hätten – aber man kann ja nicht alles haben. Dafür waren wir nach dem Wochenende in Alajuela ungefähr 45 Meter Lichterkette reicher. Und sehr viele glitzernde Sachen haben es auch noch in unseren Korb geschafft – wirklich seeehhhhr viele. Für deutsche Augen würde ich den Dekogeschmack der Ticos vorsichtig als extravagant beschreiben. Unser Haus blinkt in allen Farben – bevorzugt grelle Neontöne – und auch unser Baum hat eine dieser begehrten, bunten Ketten abgegriffen. Dazu schmücken ihn grelle Kugeln in Neonpink und -grün, sowie glitzernde Gold- und Silbertöne. Selbstverständlich haben auch noch ein paar Schleifen darauf Platz gefunden, einige große Schmetterlinge und auf der Spitze sitzt eine – nach meinem Geschmack – absolut hässliche Weihnachtsmütze. Wenigstens der Baum selbst ist grün – und nein, das ist absolut nicht selbstverständlich.
Mir wurden also schon Ende November mindestens zwei Dinge klar. Erstens: „Besinnlich“ ist Weihnachten hier eher nicht. Es ist ein richtiges Fest. Die Musik ist laut, die Leute tanzen. Die Deko ist alles andere als schüchtern oder dezent gewählt. Zweitens: Epileptikern empfehle ich zu Hause zu bleiben… es blinkt fast jeder Quadratmeter im dunkeln! Auch in den Schulen liefen die Vorbereitungen schon seit Ewigkeiten auf Hochtouren. In jedem Klassenraum wurde gesungen oder getanzt, unsere Gastschwester hat Tag und Nacht die neuen Melodien auf ihrer Lira für die Schulband geübt und Paula und ich haben mit den Kindern Weihnachtskarten gemalt.
Letzte Woche war es dann endlich so weit – das große Weihnachtsfest stand bevor. Alle Kleinen (und Großen) waren in Kostümen unterwegs oder hatten zumindest eine dieser roten Zipfelmützen auf. Es wurde gesungen und getanzt, einige Kinder haben sogar ein kleines Stück vorgespielt. Paula und ich haben dann noch ein deutsches Weihnachtslied zum besten gegeben – es wollen ja alle ihren Beitrag dazu leisten (;
Eines meiner persönlichen Highlights war der, eigens aus den USA engagierte, Santa Claus, der die Kinder zumindest mit ein paar coolen Tanzeinlagen und einer Fotostunde begeistern konnte. Dadurch, dass er nur Englisch gesprochen hat, kamen die Mahnungen und guten Wünsche allerdings nicht so eindeutig rüber. Aber das war sowieso eher nebensächlich. Und wenn etwas auf einer guten Weihnachtsfeier (abgesehen von dem Englischsprechenden Santa Claus) nicht fehlen darf, dann ist es wohl gutes Essen.
Hier in Costa Rica bedeutet das Tamales – wie bitte? Tamales! Das ist faktisch ein kleines, päckchenförmiges Mittagessen und wir haben am Tag vor der großen Feier ca. 300 Stück davon zubereitet. Zuerst wird Maismehl zu einem mehr oder weniger flüssigen Brei verarbeitet (schmeckt besser als es klingt, trust me). Davon kommt ein großer Klecks auf ein Stück Bananenblatt. Anschließend Gemüse und Fleisch nach belieben hinzufügen. Päckchen binden, kochen – fertig. Super einfach! Mein persönliches Lieblingsessen wird es zwar dennoch eher nicht, aber hier findet es auf jeden Fall viele Fans. Viel besser finde ich das Getränk, das es für die Kinder gibt. Ich bin mir zwar unsicher was genau es ist, aber es ist eine extrem gesüßte warme Milch mit einem Hauch Zimt – schmeckt ein wenig nach Weihnachten.
Also, ich glaube es ist offensichtlich, wie unterschiedlich Weihnachten auf der Welt gefeiert wird. Aber damit habe ich schon gerechnet als ich hierher gekommen bin und ich muss sagen, ich habe mich riesig darauf gefreut und bin immer noch froh, das miterleben zu dürfen. Es ist super aufregend.
Da war mir allerdings noch nicht klar, dass es weder einen Adventskalender, noch einen Nikolaustag gibt. Diese armen Kinder! Sie mussten noch nie Schuhe putzen, um dann am nächsten Morgen mit Süßigkeiten dafür belohnt zu werden. Sie mussten noch nie voller Ungeduld auf den nächsten Tag warten, um endlich das nächste Türchen suchen zu dürfen.
Und – noch schlimmer (ja das geht) – hier werden keine Plätzchen zu Weihnachten gebacken!!! Aber, keine Sorge – wir haben schon für den nötigen Kulturaustausch gesorgt – pünktlich zum 30. November haben wir unseren selbstgemachten Kalender aufgehängt, gefüllt mit allerlei Kleinigkeiten, wie zum Beispiel einem Rezept für Bratäpfel, Anleitungen für Fröbelsterne, einem eigens gebastelten Mensch-ärgere-dich-nicht und selbstverständlich super vielen Süßigkeiten. Für den Nikolaustag werden wir auch noch etwas vorbereiten – und wir haben auch schon drei mal gebacken, auch wenn das hier eine ziemliche Herausforderung darstellt. Jap, ich würde sagen wir haben einen bleiben (Weihnachts-)Eindruck hinterlassen.
Aber natürlich ist nicht alles unterschiedlich. Weihnachten ist immer noch Weihnachten. Die Familie spielt eine super wichtige Rolle. Alle kommen zusammen, verbringe die Zeit miteinander. Es wird überlegt wie man dem Anderen eine Freude machen kann. Beide Länder haben ihre typischen Weihnachtsessen und kleine Traditionen. Überall wird zu Weihnachten die Wohnung geschmückt – auch wenn die Deko recht unterschiedlich ausfallen kann. In den Kirchen wird gesungen, in den Schulen finden Konzerte statt – alle freuen sich auf den heiligen Abend
Wenn ich bis jetzt eines gelernt habe, dann, dass es die kleinen Dinge sind, auf die es ankommt. Ich vermisse viele dieser kleinen Traditionen aus Deutschland, besonders in der Weihnachtszeit. Also – genießt die kalte Luft die euch um die Nase weht, freut euch über die ruhige Musik die im Radio läuft (ja, selbst wenn es schon wieder nur „Last Christmas“ ist), über die ganzen Kerzen und Lichterketten die zwar nur einfarbig, aber doch irgendwie beruhigend leuchten, darüber dass ihr jeden Tag ein Türchen suchen dürft, backt fleißig Weihnachtsplätzchen und wenn ihr über den Weihnachtsmarkt lauft – gönnt euch ein paar gebrannte Mandeln und trinkt bitte einen Glühwein für mich mit (;
Weihnachtliche Grüße vom anderen Ende der Welt!Lena
Der Wecker klingelt. Ich stehe auf, frühstücke, ziehe mich an und putze mir die Zähne. Ich schlüpfe in meine Birkis und mache mich auf den Weg zur Schule. An der Schule angekommen, stehe ich vor verschlossener Tür. Ich schreibe meiner Chefin. Schnell bekomme ich eine Antwort: „Heute findet eine Lehrerkonferenz statt, weshalb die Schule den ganzen Tag geschlossen bleibt.“ Also laufe ich die 2 Minuten Fußweg zurück und erinnere mich an Deutschland zurück. Waren die Schulkonferenzen nicht immer nach der Schule? Na klar, damit auch ja keine Unterrichtsminute verschwendet wird. Doch hier in Costa Rica ticken die Uhren einfach anders. Dass die Schule aufgrund verschiedener, interessanter Gründe ausfällt, ist keine Seltenheit. Das ist Teil des Pura Vidas. Gewöhnt habe ich mich daran schnell – schwer fiel es mir nicht. Abstrus finde ich es allerdings, dass die Kinder nie Bescheid wissen, wieso die Schule ausfällt und erst recht nicht wann die Ferien beginnen.
Zuhause angekommen überlege ich, wie ich meine freie Zeit nun nutzen kann. Arbeit gibt es immer. Wer mich kennt, weiß dass ich schlecht mit Langeweile und Nichtstun umgehen kann. Ja, ich weiß, dass die Ruhe der Langweile und des Nichtstun wichtig ist, aber ich befinde mich noch im Lernprozess. Glaubt mir, Costa Rica ist der perfekte Ort, um das zu lernen. Dennoch bin ich hier zum Arbeiten. Schließlich will ich meine Zeit als Freiwillige nutzen. Ich freue mich über die gewonnene Zeit und schalte meinen Laptop an. Im Internet suche ich angestrengt nach Basteleien und potenziellem Content für Englischunterricht und Konzentrationsübungen. Ich will vorbereitet sein und durchdachte Aufgaben finden, die den Kindern Spaß machen. Vorbereitung ist gut, Spontaneität ist manchmal besser. Aufgrund der Sprachbarriere muss ich gestehen, dass ich momentan noch die Vorbereitung der Spontanität vorziehe. Anschließend kann ich an meinen Aufgaben für VISIONEERS arbeiten – oder doch lieber einen Blog schreiben und meine Betterplace-Kampagne auf den neusten Stand bringen? Wie zuvor gesagt, Arbeit gibt es immer!
Nach einem kurzen Einblick in mein Arbeitsleben folgt ein etwas informativerer Einblick:
Morgens arbeiten Lina und ich abwechselnd im Kindergarten der Schule oder im Cen-Cinai. Im Kindergarten in der Schule sind die Kinder meist zwischen 4 und 6 Jahre alt. Fokussiert wird sich auf die schulische Vorbereitung der Kinder. Das bedeutet, dass fleißig gebastelt wird, das Alphabet und Zahlen gelernt sowie bereits vereinzelte Englischvokabeln beigebracht werden. Eine Pause, in der sich die Kinder austoben dürfen, gibt es auch. Ich unterstütze die Lehrerin und helfe den Kindern bei ihren Aufgaben. Ebenfalls darf ich Eigeninitiative beweisen, in dem ich beispielsweise eine Englischklasse leite, Bastelideen und verschiedene Aufgaben mitbringe.
Der Cen-Cinai ist eher vergleichbar mit einer Krabbelgruppe, als einem Kindergarten. Die meisten Kinder sind 2-4 Jahre alt. Hier bekommen die Kinder Frühstück und Mittagessen und sollen dabei lernen, wie richtig mit Messer und Gabel gegessen wird. Wobei, eigentlich gibt es nur einen Löffel für die Kinder. Nicht alle Mahlzeiten lassen sich leicht mit einem Löffel essen…. Nach der Mahlzeit wird natürlich das Zähneputzen nicht vergessen. Im Vordergrund stehen Spiel und Spaß. Es wird gesungen, getanzt und die Kinder können sich mit Spielzeugen beschäftigen. Im Innenbereich stehen den Kindern vor allem lernerische Spielzeuge zur Verfügung. Im Außenbereich gibt es Spielzeugfahrzeuge, Bälle, Schaukeln ein Trampolin und noch vieles mehr. Ich bin begeistert von der riesigen Ausstattung, die der Cen-Cinai besitzt.
Ebenfalls finde ich es toll, dass das Thema Nachhaltig im Cen-Cinai eine Rolle spielt. Dazu muss man wissen, dass ausgenommen vom Ökostrom die Costa-Ricaner kaum ein Gefühl für Nachhaltigkeit haben. Ein Meer an Plastiktüten sehe ich jedes Mal beim Einkaufen, und das, obwohl Plastiktüten in Costa Rica eigentlich verboten sind. Trotzdem kommt es nicht selten vor, dass die Menschen mit 20 Plastiktüten aus dem Supermarkt laufen. Produkte im Glas gibt es hier kaum. Alles ist in Plastik verpackt und gefühlt alle Produkte im Regal gehören zu Nestlé. Definitiv gewöhnungsbedürftig für mich. Im Cen-Cinai gehen wir jeden Freitag mit den Kindern an den Strand und sammeln den Müll der Touristen ein. Eine tolle Aktion. Ebenfalls basteln Lina und ich fleißig mit recycelten Materialien. Diese dienen meist als Dekoration. So haben wir beispielsweise aus Klopapierrollen und Flaschenenden Weihnachtsdekoration gebastelt. Generell unterstützen wir die Kindergärtnerin beim Aufpassen und Bespaßen der Kinder sowie beim Aufräumen. Der Küchenmitarbeiterin helfen wir bei der Essensausgabe und beim Abwaschen.
Nach einer Mittagspause geht es mit der Arbeit weiter. Unser eigentliches Projekt „Uno+“ ruft. Es findet vorwiegend nachmittags an 3 Tagen in der Woche und Mittwoch morgens statt. An den übrigen 2 Tagen erledigen wir nachmittags Aufgaben für unsere Organisation VISIONEERS. Meine Aufgabe ist es, einen Newsletter zu verfassen. Mit Uno+ arbeiten wir an drei Standorten. Die Kinder kommen nach der Schule oder zwischen ihren Pausen, um gemeinsam Zeit zu verbringen, Spaß zu haben, zu basteln und zu lernen. Mit dem Projekt wollen wir es den Kindern ermöglichen, eine Beschäftigung abseits von Drogen und Kriminalität, außerhalb der Schulzeit zu haben. Ebenfalls wollen wir Familien entlasten, die aufgrund ihrer Arbeit oder anderweitigen Gründen nur wenig Zeit für ihre Kinder aufbringen sowie nur geringe Unterstützung leisten können.
Da Uno+ mit Hilfe der Kirche in das Leben gerufen wurde, spielt diese eine wesentliche Rolle. Es wird gemeinsam gebetet und durch Bastelaufgaben über die Bibel und Gott gelehrt. Ich bin dankbar, dass die Mitarbeiter für solche Aufgaben verantwortlich sind. Ich würde mich nicht in der Lage fühlen, die Kinder über die Kirche aufzuklären und über die Bibel zu lehren – nicht auf Spanisch, nicht auf Deutsch. Die Beziehung der Menschen in Costa Rica zur Kirche und zu Gott ist anders, als ich es kenne bzw. gewohnt bin. Sie ist stärker, intensiver und abhängiger. Ich habe das Gefühl, dass wir in Deutschland schlicht und einfach lockerer sind. Vielleicht durch die zahlreichen Möglichkeiten und den starken westlichen Einfluss, sowie die freieren Denkweisen, die uns zur Verfügung stehen. Wir hinterfragen mehr und schwören nicht auf alles Gedruckte. Die Traditionen schwinden; wir verändern uns mit der Welt, die sich ständig weiterentwickelt. Hier fühlt es sich manchmal an, als würde die Welt stehen bleiben.
Nichtsdestotrotz können wir die Mitarbeiter tatkräftig unterstützen. Da der Altersunterschied recht groß ist (6-14 Jahre), können wir vor allem den jüngeren Kindern unter die Arme greifen; sei es beim Ausschneiden, Auffädeln oder Aufkleben. Auch unsere eigenen (Bastel-)Ideen können wir einbeziehen und durchführen. Mir fällt auf, dass umso geringer die Sprachbarriere ist, desto wohler ich mich fühle, meine eignen Ideen wahrzunehmen und einzubringen. Gelegentlich geben wir Englischunterricht – diesen leiten wir selbst, da die Mitarbeiter kein Englisch sprechen können. Basteln steht eigentlich immer auf dem Plan. Ob Traumfänger, etliche Weihnachtsbäume, Weihnachtskarten, Weihnachtssterne, Basteln bereitet den Kindern immer eine Freude. Obwohl viele Materialien fehlen (manchmal sogar nur einfache, bunte Blätter), versuchen wir kreativ zu werden und so viele Ideen wie möglich umzusetzen. Bewegungsspiele, die sogenannten „dinámicas“, zaubern den Kindern immer ein Lächeln in das Gesicht. Zudem gehen wir mit den Kindern in den Park und spielen Fußball. Die Costa-Ricaner sind Fußballfanatiker! Auch bieten wir den Kindern an, dass sie ihre Hausaufgaben mitbringen und wir sie dabei unterstützen. Themen wie Liebe, Freundschaft, Familie und Mobbing beziehen wir ebenfalls in das Uno+-Programm ein. Ein paar Kekse oder Bananen und ein Getränk gibt es für die Kinder meistens am Ende. Noch wichtig zu wissen ist, dass wir Freiwilligen als Unterstützung zur Verfügung stehen und keine Arbeitsplätze ersetzen dürfen. Kurz vor Beginn der Weihnachtsferien organisieren wir ein großes Weihnachtsfest für alle Kinder aus den verschiedenen Standorten. Wir hoffen, dass wir den Kindern damit eine große Freude bereiten können.
Nach dem eher informativeren Überblick folgt nun die etwas emotionalere Ebene:
Ich fühle mich sehr wohl mit meiner Arbeit. Ich bin dankbar, dass meine Arbeit durch die verschiedenen Standorte und Einrichtungen abwechslungsreich gestaltet ist. Selbstverständlich gibt es langweilige und spannende Tage. Mein Wunsch war es, dass ich eigene Ideen mit einbringen und verwirklichen kann – dieser Wunsch wurde erfüllt. Ich selbst bin dafür verantwortlich, wie interessant und spaßig meine Arbeit gestaltet ist. Um so mehr Ideen und Eigeninitiative ich einbringe, desto mehr Spaß habe ich an meiner Arbeit und lerne gleichzeitig besser Spanisch. Davon profitieren gleich drei Parteien – die Kinder, meine Kollegen und ich.
Ich hatte bereits viele positive Erfahrungen, aber auch einige schlechte. Ich beginne mit den Schlechten und ende mit den Guten. Ich musste bereits in meiner ersten Woche 2 Stunden lang alleine eine Englischklasse unterrichten. 20 Kinder und eine noch fremde Person vor ihnen. Da war es selbstverständlich, dass sie mir kaum Respekt zeigten. Zudem die zu Beginn noch riesige Sprachbarriere. Erlaubt ist es ebenfalls nicht, dass die Freiwilligen alleine gelassen werden. Lauter schreiende Kinder auf einem Haufen, echt nervig – aber eine Erfahrung wert, aus der man nur lernen kann. Ein Schock für mich war ein Erlebnis im Kindergarten. Auf einem Blatt Papier ein Mädchen und ein Junge. Das Mädchen, ganz klischeehaft, lange Haare, am Fuß die Stöckelschühchen und trägt ein Kleid. Der Junge, ganz klischeehaft, kurze Haare, trägt ein T-Shirt und eine Hose. Die Lehrerin fragt, was der Junge und das Mädchen auf dem Bild tragen und wie sie aussehen. Die Kinder antworten. Danach wird gefragt, ob die Kinder Mädchen oder Jungs seien. Die Kinder antworten. Ein Junge traut sich nicht zu antworten. Daraufhin fragt die Lehrerin, ob er ein Mädchen sei. Es kommt keine Antwort. Das Kind völlig eingeschüchtert. Die Lehrerin fragt schließlich mich, ob ich eine Frau sei. Ich bekomme nur ein leises „sí“ heraus. Dann dreht die Lehrerin sich erneut zum Jungen und fragt, ob er ein Mädchen sei. Die anderen Kinder beginnen zu lachen. Daraufhin antwortet der Junge, dass er ein Junge sei. Mir fehlen die Worte. Wow, da hat die Lehrerin wohl ihr Ziel erreicht. Anschließend wurden die 4-6 Jährigen Kinder über die Geschlechtsorgane aufgeklärt. Jeder Junge und jedes Mädchen haben ein bestimmtes Geschlechtsorgan, so hieß es.
Das alles anzusehen war schrecklich für mich. Noch schlimmer war es, dass ich mich dem nicht entgegensetzten konnte. Alles was ich machen konnte war, in meinem Stuhl zu versinken. Ich fühlte mich angespannt, frustriert. In mir ein riesen Kloß. Ich fühlte mich machtlos, musste das Geschehene geschehen lassen. Ich hätte so gerne Einwand erhoben, Beispiele aus der europäischen Kultur genannt. Leider musste ich mich zurückhalten, denn ich bin Gast in einer fremden Kultur. Trotz alledem, wie schrecklich ich mich in der Situation gefühlt habe, war diese ein wichtiger Teil meiner Erfahrungen, mich auf eine neue Kultur und eine andere Gesellschaft einzulassen. Die Kultur in Costa Rica beruht eben auf traditionellen und meiner Meinung nach veralteten Denkweisen – so schwer es mir auch fällt, muss ich das akzeptieren. Es ist schwer, eine Balance aus Akzeptanz und Intervention zu finden.
Trotz einiger negativer Erfahrungen, gab es zahlreiche wunderschöne und positive Momente. Sei es die Aufgeschlossenheit und Redebegeisterung der Kinder. Es scheint als würden sie interessierter und wissbegieriger an meiner Kultur und meiner Person sein, als jeder Erwachsener. Oder die Energie der Kinder, die an mir abfärbt – von Müdigkeit und Erschöpfung zu Motivation und Freude. Allein das Lächeln der Kinder wenn man sie lobt, ist unbezahlbar. Ein unbeschreiblich schöner Tag war ein Ausflug in den Park. Wir spielten zahlreiche Spiele. Die Kinder lachten ausgelassen. Sie schienen glücklich, fernab von Problemen zu Hause oder in der Schule. Ein Mädchen umklammerte mich gefühlt den ganzen Nachmittag. Ständig fragte sie mich, ob ich sie auf den Arm nehmen könne. Dann gab sie mir eine feste Umarmung und ließ mich nicht mehr los. Ein unbeschreiblich schöner Moment, in dem ich so viel Liebe und Wärme von so einem kleinen Mädchen spürte. Ebenfalls ist es toll zu sehen, wenn die Kinder nach langem Erklären und vereinzelten Tiefphasen, die Matheaufgaben verstehen und sich verbessern. Nicht nur sie sind dann stolz, auch ich bin unheimlich stolz auf sie. Dieser Moment, indem man das Gefühl hat, dass man etwas bewirken kann, ist unbeschreiblich schön. Irgendwie kann ich dann nie aufhören zu lächeln.
Der etwas andere Arbeitstag ist vorüber. Geschafft und erschöpft von der Hitze hole ich mir ein Erdnusseis bei meiner Abuela. Ich werfe mich auf das Sofa, streichle unsere Katze und lese ein wenig in einem Kinderbuch auf Spanisch. Es handelt von einem Hund – eine herzzerreißende Geschichte. Einige Augenblicke später kochen Lina und ich uns etwas Leckeres zum Abendessen und gucken eine Folge „The Hundreds“ – auf Englisch mit spanischem Untertitel. Nach dem Abwaschen und, wie immer, einer kalten Dusche lege ich mich zufrieden in mein Bett. Ich denke darüber nach wie froh ich bin, dass ich die Kinder auf ihren Wegen unterstützen kann und bin gespannt auf die nächsten Monate. Von Tag zu Tag schließe ich sie immer mehr in mein Herz. Eine Sache geht mir leider ständig durch den Kopf und hindert mich am Schlafen: Leider ist bald die Weihnachtszeit vorbei und ich muss mir neue Themen für Bastelideen ausdenken…. Hoffentlich fällt mir da etwas ein!
Meinen ersten Blogartikel vom Beginn meiner Arbeit findet ihr hier:
https://www.visioneers.berlin/single-post/2019/10/26/Weiter-gehts-beim-Kantinenbau
Seitdem ist wieder ein riesen Schritt zur Fertigstellung der Kantine gemacht worden. Weiter ging es auf dem Bau zunächst mit der Anbringung der abgehängten Decke und der Installation der Elektrik. Dafür wurde extra personelle Verstärkung aus San José von Pastor Julio eingefahren. Mit laut dröhnender Musik im Auto, die durch die ganze Nachbarschaft schallte, kam der Trupp am späten Vormittag an. Dieser bestand aus „Papa“ Osvaldo, den Brüdern Miguel und Pablo sowie Julian. Nach kurzer Verschnaufpause von der langen Fahrt begann die Arbeit, begleitet von der mitgebrachten Musikbox aus der fortan die nächsten Tage christliche Pop-Songs den Raum erfüllten.
Zunächst wurden diverse Rohre an der Dachkonstruktion angebracht, durch die dann später die Kabel zu den Lichtschaltern, Steckdosen und Lampen gelegt wurden. Dort durfte auch ich mich als Elektrik-Azubi beweisen. Währenddessen wurde auch mit der Anbringung der Randleisten der abgehängten Decke begonnen und schließlich auch die Platten eingehängt. Weiterhin wurde festgestellt, dass das Loch für die WC-Tür doch etwas zu schmal war und auch eine Elektroleitung in der Wand fehlt und so musste wieder ein Teil aufgeklopft werden.
Die Arbeit ging schnell voran und es wurde teilweise von früh morgens bis spät abends geschuftet, damit die Arbeit so schnell wie möglich fertig werden konnte. Kleinere Verzögerungen gab es nur, wenn der Elektro-Azubi nicht ganz bedacht hatte, dass die Leiter etwas zu hoch für den Raum mit abgehängter Decke war. Das Loch und der Austausch der Lamelle kostete mich dann eine Runde Eis. Auch verzweifelte Osvaldo beim späteren Test der Lichtschalter, da einige Drähte falsch verknüpft worden waren. Daher mussten er und Julian in der Dachkonstruktion herumklettern und den Fehler beheben. Schlussendlich wurden die offenen Stellen in der Fassade mit Gitterstäben und Metallplatten verschlossen, um die Diebstahlsicherheit zu gewährleisten.
Jedoch kam der Spaß dabei auch nicht zu kurz. Es wurden während einiger Pausen in und vor der Kantine Fußball gespielt oder gehört und gejubelt, wenn La Liga wieder ein Golaaaaaazoooooo erzielt hatte. Lauthals wurde mitgesungen, wenn mal wieder der Lieblingssong lief, auf dem Boden und auf den Leitern zu der Musik getanzt und natürlich hin und wieder ein Nickerchen von Papa Osvaldo eingelegt. Ich brachte ihnen deutsche Wörter bei und ich lernte neue Tico-Wörter. Dabei kam auch einer meiner neuen Spitznamen zustande: Chanboa – Eine Kombination aus Chancho = Schwein und Boa Schlange, gefolgt mit der Aussage: Du isst so viel wie ein Schwein und schläfst so viel wie eine Schlange!
Dazu kam dann ein kleiner Ausflug mit einem Boot aufs offene Meer, um mit der Truppe angeln zu gehen. Um die doch eher weniger erfolgreiche Session meinerseits etwas aufzupeppen, wagte ich es mit einem Sprung im tiefen Wasser baden zu gehen! Angsterfüllt wurde ich vom Captain jedoch zurückgerufen, da die bösen Barrakudas angreifen könnten…
Nach 5 Tagen war die Arbeit der Jungs aus San José beendet und sie machten sich auf den Heimweg. Dabei strahlte die Kantine zum Abschied in ihrer neuen Beleuchtung.
Dann kehrte wieder Ruhe in die sonst so stille Kantinenbaustelle ein. Felipe und ich arbeiteten an diversen Stellen weiter. So wurden zunächst die Schalungen der Küchenarbeitsplatten vorbereitet, Bewehrungseisen eingefügt und schließlich mit Beton aufgefüllt. Das getrocknete Gebilde wurde dann schließlich abgeschliffen und von innen verputzt, die Oberflächen außen mit Fliesen verlegt und verfugt.
Kurze Zeit später folgte die komplette Verfliesung der Küche, des Lagerraums und des WC.
Wichtig war natürlich auch der Anschluss an fließendes Wasser. Dafür mussten in der Küche Löcher nach außen gebohrt werden, der Rest des Anschlusses war schnell gelegt. So konnten mit der funktionsfähigen Küche und der Anbringung der Sanitäranlagen im WC die ersten Teile des Innenraums fertig gestellt werden.
Um den ersten Erfolg zu feiern, wurde bald darauf eine Tamales -Verkaufsaktion gestartet. Von früh morgens bis nachmittags standen wir (einige Frauen der Kirchengemeinde, Pastor Julio und seine Frau sowie eine Profi-Tamales-Köchin) in der Küche und manschten und schnürten Tamalespakete, die allesamt verkauft wurden. Damit sollte noch mehr Geld für den weiteren Bau eingenommen werden. Diese Aktion wurde zwei Wochenenden später wiederholt und wird wahrscheinlich noch öfters folgen. Die Motivation, den Bau auch ohne weitere Spendengelder aus Deutschland fertig zu stellen, ist bei allen beteiligten riesengroß!
In den nächsten Tagen muss noch eine Außenwand verputzt werden, um das Eindringen des Regens in die Konstruktion zu verhindern, das Material ist aber bereits vorhanden. Je nachdem wie viel Geld durch weitere Verkäufe von Tamales eingenommen wird, kann vor Weihnachten der Essenssaal verfliest und die Wände gestrichen werden und somit der Bau der Kantine komplett abschließen.
Für mich bedeutet das, dass sich mein Freiwilligeneinsatz in Limón 2000 bereits dem Ende entgegen neigt, weiter geht es bei mir jedoch in San José bei der Organisation „Habitat for Humanity“. Jedoch werde immer wieder versuchen, nach Limón zu düsen, wenn Not am Mann ist.
Großen Dank geht an dieser Stelle an unsere Unterstützer aus Deutschland, ohne deren Hilfe der Bau nicht möglich gewesen wäre. Dabei geht der Dank sowohl an die finanzielle Förderung der Süd-Nord-Brücken Stiftung, den Arbeitskreis für Entwicklungspolitik und Selbstbesteuerung e. V., sowie auch an alle Personen, die durch ihre Spenden geholfen haben. Danke ebenfalls an die Organisation Coalition Ministry, der Asociación Comunidad Familiar Misionera, allen freiwilligen Helfern der Gemeinde und den Arbeitern auf der Baustelle, die hier in Costa Rica alles gegeben haben und sensationelle Arbeit geleistet haben.
Ich verabschiede mich damit aus der Karibik und ziehe Mitte Januar weiter nach San José.
Beste Grüße, Pura Vida! Philipp
Dieses Projekt war nur möglich Dank der EZ-Kleinförderung der Stiftung Nord-Süd Brücken und AES
Mittlerweile ist zwar der Oktober schon lange vorbei, aber dennoch möchte ich etwas über diesen Monat schreiben. Dazu gibt es vor allem zwei Dinge zu sagen:
Zum Einen ist er dafür bekannt, dass es verhäuft zu Regenstürmen kommt. Wenn es einmal anfängt zu regnen, kommt man nicht trocken nach Hause – egal wie weit man laufen muss. Die Straßen verwandeln sich in Flüsse und von den Häusern schießt das Wasser runter. Es ist also garantiert, dass man komplett nass wird und die Schuhe, wenn sie nicht richtig trocknen, schön anfangen zu stinken. Deshalb veranlasst der Regen teilweise zu drastischen Maßnahmen. Zum Beispiel kommt es dann öfter vor, dass man zu 7. oder 8. in einem 5-Sitzer unterkommt. Ansonsten sorgt der Regen auch dafür, dass Stromleitungen kaputt gehen und es für ein paar Stunden keinen Strom gibt. Aber das Licht in meinem Zimmer funktioniert auch ohne Regen nur wahlweise. Oder, dass beispielsweise die Schule meiner Gastschwester unter Wasser steht. In unserem Bad gibt es keine Fenster, das heißt, wenn Strom und warmes Wasser ausfallen, dass ich von einer Sekunde auf die andere im stockdunklen Bad unter einer eiskalten Dusche stehe.
Zum Anderen steht der Oktober unter dem Motto der „Maskeraden“. Das bedeutet, dass am Wochenende immer große Paraden stattfinden, die sowohl aus Trommlern, als auch eben aus „Maskeraden“ bestehen. Alle paar Stunden findet dann ein Rennen statt, bei dem die „Maskeraden“ den ganzen Jugendlichen hinterher rennen und versuchen sie mit ihren Köpfen zu schlagen.
Der Guard vorne an dem Tor von unserer „Gated Community“ kennt mich inzwischen auch schon. Ich habe nie großartig mit ihm geredet, aber er ist wohl zum Schluss gekommen, dass ich als Deutsche hier wahrscheinlich am besten Englisch kann, weshalb er mich seit Neustem, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, immer nach der Aussprache von irgendwelchen englischen Wörtern fragt, die ich in meinem Leben noch nie gehört habe.
Ich war mit meiner Familie letztens zum ersten Mal einkaufen. Was hier ein normaler Supermarkt ist, ist bei uns in Berlin die Metro. So groß wie dieser Supermarkt ist, so groß sind auch alle Verpackungen, die man dort kaufen kann. Nächstes Mal dann wieder in zwei Wochen.
Auf dem Weg zur Arbeit lauern jetzt nicht mehr nur die Hunde hinter den Zäunen, sondern mittlerweile fährt ab und zu ein riesiger roter Laster morgens an mir vorbei, der eine Hupe hat, die man durch die ganze Nachbarschaft hört. Und der Fahrer ziert sich nicht, diese jedesmal wenn er mich sieht beherzt zu bedienen, was bedeutet, dass ich mich unglaublich erschrecke, wenn die Hupe auf einmal neben mir ertönt und er sich doppelt amüsiert.
Meine Arbeit im Projekt hat sich nach den ersten Wochen etwas verändert. Auf einmal sollte ich jeden Tag im Garten arbeiten, was, wenn man Stunden bei praller Sonne arbeiten muss, echt anstrengend sein kann. Irgendwann war ich dann sogar froh, wenn es ab mittags wieder geregnet hat. Eine Alternative, um sich zu erfrischen, waren auch Wasserschlachten, die ein oder zweimal im Garten stattfanden. Als es an einem Nachmittag geregnet hat und es nichts anderes zu tun gab, sind Laura und ich zu den Malern gegangen. Dort durften wir dann einen Baum bemalen, bis der eine Maler entschieden hat, dass wir jetzt den Boden putzen sollen. Da war dann die Arbeit bei den Malern auch nicht mehr so attraktiv. Mittlerweile ist meine Woche so eingeteilt, dass ich jeden Tag jemand anderem helfen soll, wodurch ich einen Tag habe wo ich zu den Kindern in die Klassen darf. Mal sehen ob sich das aber tatsächlich ermöglichen lässt, da ich keinen Tag habe, wo kein Sport- Englisch- oder Deutschunterricht stattfindet. Es ist nun mal ungünstig immer mal wieder für nur eine halbe Stunde in die Klassen zu schauen.
Mit dem Ende des Oktobers hat hier die Weihnachtszeit angefangen. Jetzt stehen hier zwischen Palmen in der Sonne prall geschmückte Tannenbäume und überall im Projekt hängen Lichterketten, Schneeflocken wurden an die Fenster gemalt und an jeder Ecke läuft Weihnachtsmusik.
(Shirley, Hannes und Laura – wie wir den künstlichen Tannenbaum aufstellen)
Hier mussten wir jeden Zweig einzeln so zurechtbiegen, dass er gut aussah. Shirley hat die einzelnen Zweige an einem Ast aber immer so angeordnet, dass sie wie ein Stern in alle möglichen Himmelsrichtungen abstanden und nicht annähernd echt aussahen. Da habe ich mich ernsthaft gefragt, ob sie sich eigentlich mal einen Tannenbaum genauer angeschaut hat.
Auch meine Familie hier hat letztes Wochenende endlich den Tannenbaum aufgestellt und mit 7 Lichterketten versehen. Da es hier so etwas wie einen Adventskalender nicht gibt, dachte ich mir, bringe ich mal etwas gute deutsche Kultur hierher und bastle meinen Gastgeschwistern einen. Ich mag es eigentlich, dass man sich hier so viel Zeit für Weihnachten nimmt und das so auslebt, ich bin aber leider selber noch nicht richtig in Weihnachtsstimmung. Das kommt dann hoffentlich im Dezember.
Die Wochenenden habe ich bisher unterschiedlich verbracht. Einmal war ich in La Fortuna beim Vulkan Arenal, einem Wasserfall und einem Fluss, der durch oder an dem Vulkan vorbei geht, und somit natürlich warm ist. Hier hatten wir eine Führung mit einem Guide, der im Dschungel als Kind gewohnt hat und uns diesen als seinen Garten vorgestellt hat. Er hatte auch ein sehr gutes Auge für Tiere, die man so ohne weiteres nicht einfach gesehen hätte. So habe ich an diesem Wochenende zum ersten Mal Affen in freier Wildbahn gesehen.
Ein anderes Mal war ich in Atenas bei Sophie, wo angeblich das beste Wetter der Welt sein soll. War auch tatsächlich ganz angenehm da. Als ich zu Sophie gefahren bin, war es das erste Mal, dass ich hier komplett alleine unterwegs war. Ich muss sagen es ist machbar, aber ich war fast die ganz Zeit angespannt, vor allem, als der Busfahrer spontan entschieden hat, eine andere Route einzulegen. Man kann sich hier kaum auf die Pläne verlassen, zumal es auch sein kann, dass es eben 3 verschiedene Fahrpläne gibt.
(Atenas ist ein Dorf in Alajuela, westlich von San José. Hier lebt Sophie zusammen mit riesen Hühnern.)
In den letzten Monaten ist mir aufgefallen, wie viele junge Mütter es hier gibt. Vor etwa einem Monat habe ich noch erzählt, wie Sofia, die Gastschwester (18 Jahre) von Laura, diverse Freunde hat, die eine Baby Shower schmeißen, oder sogar schon Kinder haben. (Für alle, die es nicht wissen: Eine Baby Shower ist eine Feier, die die schwangere Mutter veranstaltet und dort dann Geschenke für ihr Baby bekommt.) Diese besagte Gastschwester, wer hätte es gedacht, weiß seit einer Woche nun auch, dass sie schwanger ist – zur Trauer ihrer Mutter und Tante. Zu Laura, die etwas überfordert mit dieser Nachricht gefragt hat, ob sie denn glücklich damit sei, antwortete Sofia: „Aber Laura, hast du dir denn nie ein Baby gewünscht?“
Ansonsten habe ich noch nicht viel von Costa Rica gesehen, aber mich hat beeindruckt, dass neben Palmen Nadelbäume stehen. Und, dass man neben dem Strand direkt einen Vulkan hat und daneben Dschungel. Costa Rica ist einfach so vielfältig – leider aber auch echt teuer. Dafür, dass der Lebensstandard so niedrig ist, sind die Lebenshaltungskosten echt hoch.
Freunde habe ich bisher eigentlich nur aus dem Projekt. Sie sind entweder über 21 oder 15 Jahre alt. Es ist aber auch nach wie vor schwierig mit Gruppen unterwegs zu sein, weil ich die Unterhaltungen in Gruppen schlecht verstehe. Einer, Christian, geht übrigens davon aus, dass ich gar nichts verstehe und redet dann immer mit Laura und fragt sie Dinge über mich. Da muss ich noch ein bisschen an meinem Image arbeiten. Ansonsten läuft’s aber gut.
Was für mich noch etwas gewöhnungsbedürftig ist, ist dass man ständig von diversen Menschen gewarnt wird, alleine raus zugehen, vor allem im Dunkeln. Und, dass man des Öfteren von Schießereien erzählt bekommt, die an der Bushaltestelle, in der Mall oder unter der Brücke, Orte an denen ich mich durchaus aufhalte, stattgefunden haben. Beruhigt wird man aber immer damit, dass das alles Personen aus dem, hier unterschwellig herrschenden, Narcos-Krieg sind und ich deshalb davon nicht betroffen sein werde.
(Hannes’ Baby-Katze „Lucky“ – Laura und (Meine Gastmutter Natalia und ich
ich fanden den Namen Mathio besser) auf dem Weg zur „Isla Tortuga“)
Naja, Lieben Gruß!