Das ist ein Auszug aus der zweitwichtigsten Hymne meines geliebten Costa Rica, einer Hymne, die beinahe eine zweite Nationalhymne Costa Ricas ist. Sie wird normalerweise an den Unabhängigkeitsfesten und bei Bürgeraktionen gesungen. Costa-Ricanischer Patriotismus eben.
Nun bin ich seit neun Monaten in Europa, konkreter gesagt in Deutschland.
Ich kann sagen, dass ich diesen Kontinent überhaupt nicht beneide, denn Neid beschreibt das Gefühl voller Bitterkeit, Traurigkeit oder Wut darüber, dass jemand einem anderen dessen Besitz oder Erfolg nicht gönnt und selbst haben möchte.
Ich denke, der Liedauszug spiegelt unsere costa-ricanische Kultur voller Liebe, Frieden, reinem Leben und ohne Neid wider. Jetzt kann ich verstehen, was wir von klein auf in Costa Rica gesungen haben.
Das Leben in Deutschland hat mir einen anderen Blickwinkel auf Kultur, Entwicklung und Bildung gegeben. Wenn ich sehe, wie ein Land wie Deutschland in verschiedenen Bereichen so hohe Qualitätsstandards erreicht, bin ich stolz darauf, während meines Freiwilligendienstes mit weltwärts in diesem Land zu leben.
Wenn ich es nun wirklich nicht hinbekomme, die germanischen Länder (oder Europa im Allgemeinen) zu beneiden, bleibt mir nur, das Gute dieser alten Kultur voller wunderbarer Geschichten mit erstaunlichen Orten voller Magie zu lernen und nachhaltig zu nutzen.Während meiner Zeit in Berlin hatte ich die Gelegenheit, mit vielen Arten von Migranten vieler Nationalitäten zu sprechen:
Einige beschweren sich über das deutsche System, andere über die Menge an Dokumenten, die für ein Verfahren beschafft werden müssen. Andere wiederum haben Schwierigkeiten mit der Sprache.
Ich komme aus Costa Rica und weiß, dass die deutschen Formalitäten manchmal sehr stressig sind. Man muss einfach Geduld mitbringen, damit das Ganze vertrauter und auch ein wenig lustig erscheint.
Ich denke immer noch an diese Frage, die mir ein Deutscher gestellt hat: „Eduardo, was ist deiner Meinung nach das Bizarrste an Deutschland?“
Daraufhin konnte ich nur antworten, dass, wenn man sich in einem anderen Land als dem eigenen befindet, alles schrecklich seltsam sein kann.
Doch wenn man eine Kultur mit Millionen von Unterschieden kennt, halte ich es für das Beste, mehr über Kultur zu erfahren, mehr über jedes Detail zu lernen, welches jede Nation so einzigartig macht.
Details, die eine Umgebung bilden und wiederum eine Welt voller Leben und Kultur ergeben.
Deshalb hat mir die bisherige Zeit in Deutschland die Möglichkeit gegeben, darüber nachzudenken, wie wichtig die Geschichte jeder Nation ist.
Wie wichtig es ist, diese Geschichte nicht zu vergessen, sondern jeden Schritt zu gehen und eine neue Geschichte in dieser Welt zu schreiben.
Die unterschiedlichen Beiträge verschiedener Kulturen sind unheimlich wichtig für unseren Planeten, der unsere Heimat ist. Leben in Toleranz und Brüderlichkeit.
Jetzt sehe ich diese Welt als jene Kachelstücke, die solche einzigartigen Farben und Figuren bilden, ohne etwas zu kopieren und jede Form ihre eigene Botschaft zu haben scheint.
Kultur und Geschichte können nur zur Entwicklung einer besseren Welt für alle führen.
Ich danke jedem Leser und auch allen Menschen, die mich in diesen zehn Monaten immer unterstützen.
Pura Vida!
Seit über einem halben Jahr bin ich nun schon Freiwilliger einer peruanischen NGO in einem Dorf namens Villa Rica, gelegen in den Bergregenwäldern Perus. Nun versuche ich euch einmal näher zu bringen, wie man sich die Arbeit für Atiycuy Perú und das Leben im Projekt vorstellen kann.
Das Projekt selbst werde ich nur noch mal grob erklären, da es ja bereits in der Projektbeschreibung und der Homepage (http://atiycuy-peru.org) vorgestellt wird; diese ist allerdings stark veraltet, letztes Jahr wurde dauernd an einer neuen gearbeitet. Was daraus geworden ist oder ob die neue Homepage noch kommt, keine Ahnung ¯\_(ツ)_/¯.
Das Projekt besteht aus vier Programmen (fünf, wenn man die Freiwilligen mitzählt): ANNA (Acompañamiento de niños, niñas y adolescentes; aka Patenkinderprojekt), CCNN (Comunidades Nativas; Dorfentwicklungsprojekt indigener Gemeinschaften), COBIO (Conservación y Biodiversidad; Naturschutzprogramm welches sich um die 18000 Ha Wald (Concesción) kümmert) und GEA (Gestión y Educación Ambiental; Umweltmanagement und –bildung), welches ich ein wenig genauer erklären kann/werde, da ich zu 90% hierfür arbeite.
Die Arbeit der Freiwilligen ist immer komplett unterschiedlich, je nach dem mit welchem der vier Koordinatoren man halt zusammenarbeitet. Da ich momentan jedoch der einzige Freiwillige bin, helfe ich auch regelmäßig bei den anderen Programmen mit aus. Die Arbeit für CCNN besteht größtenteils aus der Vorbereitung und Durchführung der Versammlungen/Besprechungen in den Comunidades (indigenen Dorfgemeinschaften).
Für COBIO gilt ähnliches, diesmal jedoch in den Dörfern rund um die Concesción (natürlich sind die Themen der Versammlung ganz andere). In näherer Zukunft wird dann auch mit der Arbeit im Wald selbst begonnen (z.B. Kameras aufstellen). Die Arbeit für ANNA gestaltet sich dagegen etwas unterschiedlicher.
Jeden Mittwoch um 16 Uhr kommen die Kinder und Jugendlichen Villa Ricas zu den Talleres (ins Programm eingeschrieben sind derzeit etwa 120, es kommen jedoch meistens zwischen 30 – 50 Kinder und 20 – 25 Jugendliche).
Diese müssen natürlich vorbereitet und durchgeführt werden, wobei man als Freiwilliger auch gerne seine eigenen Ideen einbringen kann/darf/soll. Hierbei gilt allerdings zu erwähnen, dass man peruanische 12 – 16-Jährige nicht mit deutschen vergleichen kann, eher mit deutschen Kindergartenkindern (kein Witz). Regelmäßig müssen auch die Lebensgeschichten kleiner peruanischer Kinder ins Deutsche übersetzt werden, damit diese deutsche Paten finden. Und hin und wieder auch Grüße der Kinder an ihre Paten in Deutschland. Da ANNA aber auch mit den Kindern einiger Comunidades zusammenarbeitet, geht es im Rahmen dessen auch regelmäßig samstags (die Kinder haben ja auch Schule) in die Comunidades, wo man mit den Kindern und Jugendlichen dort (welche wesentlich reifer sind als ihre Altersgenossen in Villa Rica) dann z.B. Pfeil und Bogen schnitzt oder sich Geschichten seiner Kultur erzählt. Nicht selten geht es dann danach auch mal zum Baden in den Fluss.
Jetzt zu meiner Arbeit (und dem Leben. Da man ja im Projekt auch lebt, vermischt sich das ganze auch zwangsläufig etwas). Arbeitsbeginn ist um 8:30 Uhr (natürlich für alle, außer man fährt in eine der Comunidades oder die Concesción, dann geht es um 5 – 6 Uhr los), davor gibt es Frühstück (meistens Haferschleim oder Quinoa, dazu Obst und Fruchtsaft). Zum Essen allgemein sollte man noch sagen, dass auf persönliche Wünsche eigentlich meistens eingegangen wird (solange man diese denn äußert und auch mal dranbleibt, sollte es vergessen werden). Möglichkeiten selbst zu kochen gibt es auch, ab Samstagabend ist die Köchin nicht da, die Küche ist auch ziemlich gut ausgestattet. Mittag ist von 13 – 14:30, Feierabend ist um 18:30, danach gibt es Abendessen.
Samstags wird normalerweise auch gearbeitet, das wird für die kommenden Freiwilligen aber glaube ich abgeschafft. Da ich hauptsächlich für GEA arbeite, bin ich meistens im Garten oder dem kleinen Waldstückchen neben dem Haus unterwegs. Darin befindet sich ein kleiner Rundweg, den wir zu einer Art Waldlehrpfad machen. Letzte Woche war eine Biologin, spezialisiert auf Dendrologie , zu Besuch und hat die vorhandenen Baumarten des Waldes bestimmt (knapp einhundert).
Arbeit die jetzt noch ansteht ist z.B. das Beschriften der Schildchen an den Bäumen mit den wissenschaftlichen Namen. Ich werde Bilder machen und mithilfe von Carlos (welcher mit mir im Garten arbeitet und auch aus einer Yanesha-Gemeinschaft stammt und daher auch alles über die einheimischen Pflanzen und deren Verwendung weiß) eine Liste der Heilpflanzen erstellen.
Weitere Arbeit ist z.B. das Bauen von Nistkästen, Vogelfutterstellen, Blumen pflanzen, Hunde füttern und rauslassen (ja, es gibt auch zwei Hunde, Orran (Yanesha für Bär) und Mayar (Tiger)), Hochbeete oder Kräuterspiralen bauen, Pflanzen gießen etc. Hier kann man natürlich auch gerne seine eigenen Ideen einbringen, was man denn so machen will. Das alles hat zum Ziel, den Kindern (nicht nur, aber vor allem) die Vielfalt und Schönheit der Natur ihrer Heimat zu zeigen, damit sie lernen diese zu schätzen und zu bewahren, denn der gemeine Peruaner geht mit seiner Umwelt in der Regel absolut respektlos um.
Soviel zur Arbeit, jetzt noch kurz zum Leben im Hause Atiycuy:
Fast alle Mitarbeiter leben gemeinsam hier im Projekt. Einige fahren an den Wochenenden nach Hause zu ihren Familien, manche öfter manche seltener. Es gibt insgesamt zwei Häuser, Block A (in dem sich fast alles befindet, also Esszimmer, Büros, Auditorium und einige Schlafzimmer) und Block B (frisch fertiggestellt, hier gibt es Schlafzimmer und einen Aufenthaltsraum, wie genau der jetzt allerdings gestaltet wird ist noch fragwürdig, da sich Pläne hier alle zehn Minuten ändern). In den Schlafzimmern sind zwei bis drei Betten, in Block A hat jeder sein eigenes Bad, Block B hat nur ein Bad. Jedoch wird auch immer gebaut und etwas geändert, deswegen kann ich nicht sagen, wie es in Zukunft aussieht.
Privatsphäre (ist hier in Peru aber auch eher ein Fremdwort) gibt es nur im eigenen Zimmer, zum Ausruhen gibt es ein Sofa und einen Sitzsack im Esszimmer, ich hab mir noch eine Hängematte für den Garten gemacht (die nehme ich aber mit, ihr müsst euch schon eure eigene machen – wie das geht, zeigt euch Carlos).
Die Mitarbeiter bleiben eigentlich bis sie ins Bett gehen im Büro. Wlan gibt es auch, mal schneller, mal gar nicht.
Ansonsten gibt es nicht viel zu sagen, eigentlich sind alle im Projekt sehr entspannt und freundlich. Villa Rica an sich ist ein recht kleines Dorf, es gibt ein paar (Karaoke-)Bars und Discos, einen Mirador (Aussichtspunkt), zwei Wasserfälle in der Nähe und einen recht großen See. Zur Freizeitgestaltung kann man an den Wochenenden auch die Städte in der Nähe besuchen oder mal nach Lima fahren (10 Stunden Bus über Nacht). Oder ihr fragt einfach eure Mitarbeiter, die kennen in jedem Teil Perus irgendwen, der euch etwas zeigen kann.
Genau wie die Frauen im Projekt, mache auch ich einen Wandlungsprozess durch. Die ersten Monate wurde in mich investiert. Ich brauchte Zeit anzukommen, zu lernen und Verantwortung zu übernehmen.
Doch nun kann ich endlich zurückgeben, Arbeit abnehmen und ein wenig meinen Fingerabdruck hinterlassen. Seit Januar bin ich die offizielle Verantwortliche für die Kinderbetreuung. Und es macht tatsächlich viel Spaß.
Da ich nun selber entscheiden muss, wie wir den Tag gestalten und mit bestimmten Situationen umgehen, bin ich auch mit mehr Herzblut dabei und freue mich zu sehen, wie viel die Kinder lernen und begeistert den Geschichten lauschen, aber auch freudeschreiend im Hof fangen spielen und mich laut „Profe, Profe!“ rufen, wenn es etwas zu bestaunen gibt. (Profe ist eine Abkürzung von Profesora und bedeutet Lehrerin).
Ich hatte anfangs nicht gedacht, dass ich mit Kindern arbeiten würde und hatte mich bewusst auf ein Frauenprojekt beworben. Doch man tut eben was man kann und nun verzaubert mich das Lächeln und die vor Freude strahlenden Augen jeden Tag aufs Neue.
Seit fast zwei Monaten wohne ich nun auch im Projekt. Ich hatte ein wenig Angst, dass ich damit allzu sehr zum Workaholic werden würde, und vermisste die Annehmlichkeiten einer Familie um mich herum.
Aber es lässt sich tatsächlich ganz gut trennen und ich fühle mich sehr wohl, nur bin ich nun eben selbst verantwortlich für meine sozialen Aktivitäten und muss mich selbst aufraffen, jeden Tag einmal das Haus zu verlassen. Doch dank des Unichores, einer Jungen Gemeinde und neuerdings sogar Zumba, klappt das alles ganz gut.
Die neue Wohnsituation bedeutet aber auch eine Art Hausmeistertätigkeit. Und jedes Mal, wenn etwas fehlt oder kaputt ist, ist es an mir zu überlegen, wie wir es am besten wiederbeschaffen, ob wir es selber irgendwie improvisieren können oder doch ein Handwerker kommen muss.
Meine liebste Aufgabe ist allerdings der „Taller“. Die Frauen des Nähkurses stellen nämlich für Transforma Produkte her. So gibt es verschiedene Modelle von Taschen und kleinen Beuteln, aber auch Seifen und Schlüsselanhänger. Bisher lief der Verkauf schleppend. Keiner hat sich groß darum gekümmert und die Produktion war ein riesiges Chaos und so hat meine Chefin mich kurzerhand, gemeinsam mit einer anderen Mitarbeiterin, angestellt das zu ändern.
Nun gibt es ein neues System und wir versuchen alles ein wenig effektiver zu gestalten. Denn sollte es am Ende gut funktionieren, können wir durch den Verkauf von den Produkten viele weitere Frauen in den Kursen aufnehmen.
So ist es an mir den Frauen die neuen Designs und deren Ausführung zu erklären, sie später zu kontrollieren und Verbesserungsvorschläge anzubringen. Endlich arbeite ich so direkt mit den Frauen zusammen und noch dazu kann ich bei zum Thema Nähen tatsächlich viel betragen. Denn schließlich bin ich nicht umsonst Tochter einer Kostümbildnerin.
Trotz des abgeschlossenen Nähkurses der Frauen hier,
geht es nämlich immer noch um einfachste Grundkenntnisse und da kann ich gut mithalten.
Gleichzeitig machen wir aber immer auch Empowerment und versuchen die Frauen darin zu bestärken ein wenig wirtschaftlicher zu denken und ihnen zu helfen, wie sie am besten arbeiten. So nach und nach weiß ich immer besser, wie ich die Dinge erkläre, dass sie mich verstehen und dass am Ende tatsächlich das Produkt so aussieht, wie wir uns das vorgestellt haben. Es fordert mich heraus, von Stoffqualitäten und Nähtechniken in Spanisch zu reden, aber es übt natürlich ungemein. Und es macht Spaß meine Stärken zu nutzen und kreativ Ideen einzubringen.
Die Fotos sind in einem der Armenviertel, während einer Geschenkeaktion zum Kindertag entstanden. Wer mehr erfahren will, schaue gerne bei www.12gradnord.wordpress.com vorbei.
Die kleine Stadt Turrialba liegt in der Provinz Cartago. Es wohnen rund 35.618 Ticos in Turrialba. Zu den Hauptindustrien gehören Textilien, Landwirtschaft und Tourismus.
Bis vor etwa 30 Jahren war Turrialba eine florierende kleine Handelsstadt, denn die Eisenbahnstrecke für die Verschiffung des Kaffees von San José an die Pazifikküste führte hier entlang. Seit aber die Strecke zwecks weniger kurvenreicherer Routen eingestellt wurde, hat die Stadt wohl ziemlich mit Alternativen zu kämpfen und arbeitet am Ausbau des Tourismus.
Mit einem aktiven Vulkan um die Ecke, einer verwunschenen Aztekenstadt, bei den Ticos berühmten Käse und zum Wildwasser-Rafting bestens geeignete Stromschnellen in den Flüssen Reventazón sowie Pacuare, gibt es da gute Voraussetzungen.
Das Angebot an Sportmöglichkeiten ist recht groß und inkludiert mitunter Reiten, Biking um das sogenannte CATIE (Tropical Agricultural Research and Higher Education) sowie Kanufahren und Ziplining zwischen Wasserfall und Hängebrücke.
Auch Kaffeetouren oder ein Besuch des La Marta Wildlife Refuges werden angeboten. Zudem kann man das Nationalmonument Guayabo besichtigen. An sowohl kulturellen als auch aktiven Freizeitmöglichkeiten fehlt es dort also bestimmt nicht. Auch die Einheimischen besuchen tolle Kurse, um diverse Aktivitäten auszuführen. Beispielsweise haben wir nach dem Spanischkurs nachmittags mit unserer Gastfamilie Badminton gespielt oder Wassergymnastik gemacht.
Ein weiterer Pluspunkt Turrialbas ist außerdem die nahgelegene Universität. Somit kann man auch langfristig tolle soziale Kontakte mit Studenten und Gleichaltrigen knüpfen.
Mehr Informationen über Turrialba sowie weitere spannende Blogeinträge findest Du hier, auf dem Blog von meiner lieben Freundin Helena.
Habitat for Humanity hat es 2017 auf Platz #6 der Forbes Liste der größten Hilfsorganisationen in den USA geschafft. Mit Fokus auf Obdach und Wohnen ist die NGO in Sachen Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit in mehr als 70 Läändern aktiv. Das Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe.
Seit nunmehr drei Monaten bin ich als weltwärts Freiwillige in Costa Rica im Regionalbüro tätig. Hier überschauen wir Habitat’s Mission in ganz Lateinamerika und der Karibik. Doch wie ist es so als Freiwillige inmitten der Strukturen einer international agierenden NGO?
Was kann man sich unter Entwicklungszusammenarbeit vorstellen? Und was solltet ihr mitbringen, falls ihr 2019 Freiwillige*r bei Habitat werden wollt? In diesem Blogpost findet ihr die Antworten auf diese Fragen sowie ein paar Eindrücke aus
San José.
Als weltwärts Freiwillige*r in einer internationalen NGO
Zu Beginn ein paar generelle Infos zu meinem aktuellen Arbeitsplatz, denn dieser unterscheidet sich durchaus ein wenig von den anderen Platzierungen, die Visioneers euch anbietet. Anders als bei den eher sozialpraktisch orientierten Projekten halte ich mich vermehrt im Büro auf.
Das liegt vor allem daran, dass das Regionalbüro eine Art Mini-Headquarter für Lateinamerika und die Karibik darstellt und in Costa Rica selbst seit einiger Zeit keine praktischen Projekte (im Sinne von Hausbau, Workshops und Co) durchgeführt werden, bei denen man anderweitig aushelfen kann.
Wenn der Büroalltag überhaupt gar nichts für euch ist, ist dieses vielleicht nicht das perfekte Projekt für euch.
Andererseits bietet dies natürlich auch einige Vorteile: Geregelte Arbeitszeiten, klare Ansprechpartner*innen, kurzer Weg zum Büro, eigener Arbeitsplatz und rundherum eine gut durchorganisierte Arbeitsatmosphäre.
Ich erwähne das an dieser Stelle nur so genau (und als klaren Pluspunkt), weil ihr euch sicher vorstellen könnt, dass die Arbeit in einem internationalen Team manchmal etwas herausfordernd sein kann. Da hilft es, wenn die Gastgeberorganisation selbst international aufgestellt ist und das Team Erfahrungen mit transkultureller Kommunikation hat.
Mit knapp 40 MitarbeiterInnen (überwiegend aus Lateinamerika, ein paar wenige aus den USA) ist das Team familiär und die Aufgabenbereiche sind divers.
Gleich zu Anfang hat man sich mit mir hingesetzt und gemeinsam anhand meines Lebenslaufes und meiner Vorlieben definiert, welchem Team ich zuarbeite – und so helfe ich jetzt, eine Strategie zu definieren, um Projekte in Lateinamerika gezielt auf Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zu zu schneiden. Das ermöglicht mir einen Einblick in viele verschiedene Habitat Initiativen und mit Arbeitskolleg*innen in der ganzen Welt zu kommunizieren/ kollaborieren. Amtssprache ist dabei meistens Spanglish, mein aktueller Schwerpunkt jedoch liegt derzeit auf einem Projekt in Jamaika.
Entwicklungszusammenarbeit à la Habitat?
Habitat for Humanity hat es sich zur Mission gemacht allen Menschen die Möglichkeit auf ein sicheres und bezahlbares Zuhause zu geben. Eine der Leitideen ist, dass ein Zuhause ein wichtiger Schritt aus dem Armutskreislauf heraus ist.
Zu diesem Zwecke werden zum einen Häuser gebaut oder Strukturen verbessert, zum anderen Mikrokredite zur Verfügung gestellt, Workshops und Seminare zu Haushaltsführung und den unterschiedlichsten anderen Skills gegeben, über die Folgen von Naturkatastrophen aufgeklärt sowie bei der Ergreifung von resilienzstärkender Maßnahmen unterstützt.
Dabei wird auf Augenhöhe mit Communities, Partnerorganisationen und Regierungen zusammengearbeitet.
Ein Beispiel: Ich bin gerade sehr in das BRACED (Building Resilience and Capacities Against Emerging Disasters) Projekt in Jamaika eingebunden, welches jährlich von immer stärker werdenden Naturkatastrophen heimgesucht wird.
Am vulnerablesten sind hierbei Menschen und Familien, die zum Bevölkerungsteil der Urban Poor gezählt werden und in informellen Siedlungen wohnen.
Dies bringt einige Probleme hinsichtlich der Landrechte mit sich: Häufig sind diese nicht vorhanden oder nicht aktuell, was nicht nur zu Zwangsenteignungen führen kann, sondern auch verhindert, dass sich die Menschen optimal gegen Naturkatastrophen wappnen können – denn wer investiert in Hausstrukturen, wenn unklar ist wem das Land gehört auf dem man wohnt?
Habitat hat vor Ort und in Zusammenarbeit mit Mitgliedern aus den betroffenen Gegenden, dem Stadtrat und Regierungsvertretern den Landregistrierungsprozess beschleunigt und kosteneffizienter gestaltet, Häuser gestärkt, Workshops inkl. Zertifizierung angeboten, in denen Anwohner praktisch ausgebildet wurden.
Habitat hat bei der Einrichtung von community based Organisationen und deren Plänen für die Nachbarschaftsentwicklung geholfen und einiges an Aufklärungsarbeit betrieben, die sich häufig auch speziell den besonderen Bedürfnissen und Potentialen von Frauen und jungen Menschen gewidmet hat.
Ihr seht, alles sehr komplex und mit großem Bemühen, Probleme holistisch und nachhaltig anzugehen.
Ihr wollt mitmachen?
Neben den generellen weltwärts Anforderungen sind alles was ihr formell braucht mindestens ein Bachelorabschluss, Grundlagen der spanischen Sprache die ihr bereit seid (schnell) auszubauen und bestenfalls erste relevante Erfahrungen – wobei letzteres absolut kein Muss ist. Grundlegendes Interesse an internationaler Entwicklungszusammenarbeit und keine Scheu vor fordernden Aufgaben sollte aber gegeben sein!
Ich bin überaus glücklich, hier bei Habitat eine vorläufige Heimat gefunden zu haben. Das Team ist klasse, das Leben in der Gastfamilie wundervoll, die Stadt zugegebenermaßen nicht super ansehnlich, dafür gibt es aber viele Events und Veranstaltungen und ihr seid gut angebunden um Costa Rica zu erkunden.
Subjektiv (!) würde ich sagen, dass San José vergleichsweise liberal ist. Auf Grund der vielen Universitäten gibt es hier viele Studierende und Unterhaltung und je nachdem wie erkundungsfreudig ihr seid, findet ihr hier auch kleine private gesellschaftskritische Kunstausstellungen. Wenn ihr offen seid, findet ihr schnell Freunde. Ihr merkt, ich fühle mich pudelwohl und bin mir sicher, dass ihr hier eine gute Zeit haben könnt!
Das Erste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an all diese Monate in Berlin denke, ist das Wort Dankbarkeit. Dankbar in erster Linie für die Menschen, für die neuen Freunde und die alten, die für mich da waren, für meine Familie, für jede Erfahrung die mich wachsen ließ, für all die Möglichkeiten und für die neuen Wege, die sich dank meiner Zeit hier auftun werden.Ich hatte nie geplant ein ganzes Jahr so weit weg von zu Hause zu verbringen, aber dennoch: ich habe immer geglaubt, dass Gott uns an bestimmte Orte führt, um Seinem Zweck zu dienen. Letztendlich ging es nicht um mich, sondern um Ihn.Ich werde euch hier in Stichpunkten einiges über dieses Jahr in Deutschland erzählen, und wenn ihr jemanden kennt, der/die an einem Freiwilligendienst interessiert ist, könnt ihr gerne diesen Artikel mit ihnen teilen.
Wie und wo habe ich gelebt?
Dieses Jahr hatte ich die Möglichkeit in Schöneberg, Berlin, zu leben, bei einer sehr netten und hilfsbereiten deutschen Familie. In ihrem Heim zu leben bedeutete auch, mich an ihre Lebensweise anzupassen, und die kleinsten Dinge im Haushalt zu lernen, zum Beispiel das Geschirr in die Spülmaschine einzuräumen, die Heizung richtig zu benutzen (in Costa Rica brauchen wir keine), den Müll kleinlich zu trennen und so weiter. Natürlich gab es auch Momente des Kulturschocks, aber das ist nun mal Bestandteil davon, mit Personen mit einer anderen Lebensweise zusammenzuwohnen.
Was war das Beste an dieser Erfahrung?
Eine der besten Erfahrungen während dieser Zeit es, Personen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen kennenzulernen, ihre Geschichten zu hören und zu erfahren, was sie dazu gebracht hat, in dieser großartigen Stadt zu leben. Neue Freundschaften zu schließen und Verbindungen zu knüpfen.Ich hatte die Chance, unglaubliche Personen kennenzulernen, großherzig und bescheiden, solche Menschen, die dich umarmen sogar ohne dich zu berühren, ich habe auch Personen kennengelernt, die mir beigebracht haben, geduldig zu sein und zu verstehen, dass unsere Unterschiede uns wertvoll machen.Ich danke ihnen, denn sie waren eine große Unterstützung, haben mir zugehört und mich motiviert.In diesem Jahr bekam ich eine neue Perspektive darauf, wie in einer Organisation gearbeitet wird, die ihren Schwerpunkt auf die Personen und ihr persönliches Wachstum legt.Diese Zeit hat auch meine Leidenschaft und das, worin ich die nächsten Jahre arbeiten möchte, bestätigt.Alle Lektionen des Lebens, die am Anfang hart waren, die mich am Ende dieser Reise aber zu einem besseren Menschen gemacht haben.
Andere Dinge wie…Die Sicherheit auf der Straße, tagsüber, nachts und sogar im Morgengrauen.Ich habe es bereits in einem anderen Artikel erwähnt, der öffentliche Nahverkehr ist schnell, pünktlich und du kannst ohne Probleme zu jedem Ort in der Stadt gelangen.Das asiatische Essen, wenn es schon hier so gut ist, kann ich mir gar nicht vorstellen, wie die Originalgerichte in jedem Land wohl sind.
Was wirst du vermissen?
Was ich definitiv am meisten vermissen werde sind meine Freunde, sie haben sich zu einem Schatz für mich entwickelt, ich werde ihr Gelächter vermissen, unsere Lieblingsspiele wie Kicker oder UNO, die Gespräche, und natürlich die Scherze und gemeinsamen Mahlzeiten.Ich hätte mir nie träumen lassen, was ich alles während dieser Zeit erleben würde, aber es ist nun letztendlich eine Phase, die zu Ende geht. Es ist Zeit, nach Hause zurückzukehren und mir bleibt nur zu sagen: DANKE!
Es weihnachtet sehr! Auch in unseren Visioneers-Räumlichkeiten. Und in diesem Jahr haben wir einen ganz besonderen Adventskalender, der gemeinsam mit den Jugendlichen in unserem Projekt „FairNähen und Verstehen“ entstanden ist.
Das durch Engagement Global, die Stiftung Nord-Süd-Brücken und Brot für die Welt geförderte Projekt soll das Verständnis der Jugendlichen für nachhaltigen Konsum im Sinne des SDG 12 der UN fördern.
Mehr davon haben wir euch bereits hier berichtet.
Und da unter nachhaltigem Konsum auch das Wiederverwerten von Produkten zu verstehen ist, haben wir uns in einem Workshop auch mit dem Thema Upcycling beschäftigt.
Wen interessiert schon unser Müll?
In unserer Wegwerfgesellschaft landet vieles schnell, manches auch viel zu schnell auf dem Müll. Die Farbe gefällt nicht mehr, der Pullover entspricht nicht den aktuellen Trends, und Reparieren ist meist sowieso viel teurer als Neukaufen. Aber was passiert mit den Dingen, die wir wegwerfen?
Was passiert generell mit den immensen Müllbergen, die wir produzieren – regional, aber auch global? Mit diesen Fragen haben wir uns beschäftigt und dazu unterschiedlichstes Filmmaterial angeschaut, vorwiegend kurze Spots, die in sozialen Netzwerken auf unser Müllproblem aufmerksam machen.
Hier stellte sich heraus, dass vielen Jugendlichen diese Problematik nicht bewusst ist. Besonders geflüchtete Jugendliche, die in ihren Heimatländern Angst um ihr Leben haben mussten, hatten bisher keine Möglichkeit, sich mit diesem Themenbereich zu beschäftigen. Aber auch in Deutschland aufgewachsene Jugendliche wurden, insbesondere durch visuelle Veranschaulichung des durch unser Konsumverhalten bedingen Umweltproblems, in diesem Bereich sensibilisiert.
Nach der theoretischen Erarbeitung des Themas beschäftigten wir uns mit Upcycling. Dieser Trendbegriff bezeichnet das Verarbeiten von alten Materialien zu Neuem. Dabei kann mit alten Paletten gearbeitet werden, die sich in Sitzmöbel verwandeln, aus Tetra Paks entstehen Portemonnaies, aus dem alten Hoodie werden zwei neue Mützen oder wir nähen aus unseren Einkaufstüten meterlange Wimpelketten für die nächste Party. Zusätzlich entstand als besonderes Projekt zur Weihnachtszeit ein Adventskalender.
Die Jugendlichen waren dabei komplett frei in der Materialwahl. Dem Basteln mit „Müll“ brachten die meisten zuerst eine gewisse Skepsis entgegen, aber kaum hatte der kreative Prozess begonnen, waren sie schnell vertieft in ihre Werke. Schön ist dabei, dass durch das verwendete Material das Gruppengespräch von ganz alleine sich wieder nachhaltigen Themen zuwandte und aus der individuellen Erfahrung heraus über Konsumverhalten diskutiert wurde.
So entstanden aus alten Pappkartons, Verpackungsmüll aus der Küche, Teeschachteln, Klorollen, dem kaputten Wasserkocher und vielen anderen Objekten mit viel Liebe und Geduld 24 einzigartige Türchen, die für die Adventszeit mit süßen Kleinigkeiten aufwarten. Der Visioneers-Upcycling-Adventskalender ist ein gemeinsames, ganz besonderes Projekt, an dem die Jugendlichen viel Freude hatten und das sich im Rahmen des SDG 12 für ein Umdenken und nachhaltigen Konsum, auch im Sinne von Wiederverwertbarkeit und Müllvermeidung, einsetzt.
Woran denken die Leute als erstes, wenn man von Deutschland spricht? Manche denken an die berühmten Würstchen, andere an die große Vielfalt von Biersorten, wieder andere denken an Bauwerke und große Unternehmen und natürlich an die bekannte Vorstellung, dass die Deutschen wegen ihres Tonfalls immer schlecht gelaunt wirken.
Ich lebe seit vier Monaten in diesem Land und zwar in der Hauptstadt Berlin, einer multikulturellen Gegend voller Menschen, Kirchen und Züge. In dieser kurzen Zeit habe ich vieles gesehen, was für diese Gegend typisch ist, zum Beispiel, dass Arbeit einer der Mittelpunkte des Lebens ist, dass Pünktlichkeit extrem wichtig ist und dass um den heißen Brei herumzureden nicht der Stil der Deutschen ist. Wenn ihnen etwas nicht gefällt, dann sagen sie es dir und damit hat es sich erledigt. Sie sind sehr direkt, wenn sie eine Aufgabe erledigen oder sie jemandem zuweisen. Und manche Dinge, die für mich ganz normal sind, wie ein Kuss auf die Wange zur Begrüßung oder Umarmungen, sind hier gar nicht so weit verbreitet.
Manchen erscheinen diese Eigenschaften vielleicht etwas unhöflich, ich weiß, ich erfinde hier
auch nicht gerade das Rad neu. Aber in gewisser Weise ist es etwas Neues, was ich erlebe. Manche Situationen waren für mich ein Kulturschock, andere sehr schön. Der Prozess ist nicht einfach, aber wenn er es wäre, dann wäre es auch keine so große Herausforderung.
Es geht mir nicht darum, Regionen oder Lebensstile zu vergleichen, denn es sind gerade die Unterschiede, die einen Ort, ein Land und seine Leute interessant machen. Die Geschichte eines Landes, seine Vergangenheit, seine Entwicklungen und seine großen Ereignisse lassen das Verhalten der Menschen, ihre Politik und sogar ihren Glauben viel klarer werden. Die Unterschiede zwischen kulturell ‚warmen‘ und ‚kalten‘ Ländern spiegeln sich in fast allen Bereichen des Lebens wider, von familiären Beziehungen bis zu Arbeitsabläufen in einem Betrieb.
Von dem Moment an, in dem ich zugesagt habe, in dieses Land zu kommen, wusste ich, dass ein neuer Abschnitt meines Lebens beginnt, an dem ich wachsen würde. Ich musste aus meiner Komfortzone heraus und mein Land und meine Leute verlassen. Am Anfang gibt es zu viele Veränderungen und neue Regeln, aber Zeit, Geduld und Lernbereitschaft helfen bei der Eingewöhnung.
Es war eine Erfahrung mit Höhen und Tiefen, definitiv eine Achterbahn der Gefühle. Manches war befremdlich, aber anderes habe ich auch genossen; ich habe geweint, aber auch viel gelacht. Trotz allem waren es gute Monate und eine Vorbereitung für das, was kommt, nun mit mehr Verstand, Aufmerksamkeit und Wissen.
Fern von meiner Familie und meinen Freunden zu leben ist trotzdem schwierig. Das hat mir geholfen mich daran zu erinnern, woher ich komme, und hilft mir, mich selbst besser kennenzulernen und wertzuschätzen, was ich hinter mir gelassen habe, aber auch, was noch vor mir liegt. Noch gibt es viel mehr zu lernen; hier zu sein stellt eine tägliche Herausforderung dar, aber ich bin mir sicher, dass diese Zeit mich wachsen lassen wird und mir eine andere Sicht auf die Welt ermöglicht.
Hier noch eine kurze Liste von Dingen, die mich hier begeistert haben:
* Die öffentlichen Verkehrsmittel sind schnell, effizient und pünktlich, außerdem ist es nicht schwierig, weiter entfernt liegende Orte zu erreichen.
* Der Herbst ist wunderschön und gibt der Stadt einen magischen Anstrich, wenn man die Farben der Blätter sieht und wie sich die Bäume von Tag zu Tag verändern.
* Das Brot ist lecker und man isst es meistens jeden Tag.
* Der Stil mancher Gebäude, die alt, aber immer noch elegant sind.
Ich danke den Menschen, die mich auf meinem Weg unterstützt haben, und auch denen, die sich ein bisschen Zeit genommen haben, um diesen Artikel zu lesen.
Danke schön!
Ich muss ehrlich gestehen, gewusst habe ich das vor Beginn meines Freiwilligendienstes auch nicht. In Deutschland bin ich vorher nie mit dieser „Seite“ des Sozialsystems in Kontakt gekommen und so habe ich das alles auf mich zu kommen lassen.
Von den Menschen vor Ort hörte ich vor Arbeitsbeginn Kommentare wie „Wenn ich dort aushelfe komme ich manchmal weinend nach Hause“ oder „Du darfst auf keinen Fall eine enge Beziehung zu den Kindern aufbauen“. Ich muss gestehen, dass ich an meinen ersten Arbeitstagen dementsprechend ziemliche Angst hatte – denn Arbeit mit Kindern ohne eine Beziehung aufzubauen?! Für mich undenkbar…
Mittlerweile arbeite ich schon etwas mehr als einen Monat in Hogar de Vida und jetzt stellt sich natürlich die Frage: Hatten die Einheimischen mit ihren Ankündigungen recht?Teilweise…Nach und nach bekomme ich immer mehr Details der teilweise schrecklichen Schicksale der Kinder mit. Es zerreißt einen innerlich wirklich, wenn wieder ein 10 Tage altes Baby als jüngster Bewohner des Heims hinzukommt oder wenn ein drei Jahre altes Kind sich so innig um seinen einjährigen Bruder kümmert, sodass er eigentlich die Elternrolle übernimmt. Der größte Traum eines jeden Kindes hier ist eine Familie und vor allem liebende Eltern zu haben.Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich deswegen noch keine Tränen vergossen hätte. Einerseits waren und sind es Tränen der Traurigkeit, weil einfach jedes dieser Kinder es verdient hätte mit liebenden Eltern aufzuwachsen. Weiterhin sind es aber auch Freudentränen oder Tränen der Bewunderung für die Kinder, die trotz ihrer Erlebnisse den Glauben an das Gute in Menschen und die Hoffnung auf Eltern nicht aufgeben haben. Andererseits sind es aber auch Tränen der Dankbarkeit für meine eigene glückliche und sorglose Kindheit, sowie meine liebende Familie.
Wie ich es schon vermutet hatte, wäre es für mich persönlich unmöglich dort zu arbeiten, ohne irgendeine Beziehung zu den Kindern aufzubauen. Ich war unglaublich froh als ich mitbekommen habe, dass es in meiner Arbeitsstelle selbstverständlich ist, den Kindern zu zeigen, dass es in Form der Mitarbeiter Menschen gibt, die sie lieben und für sie da sind!Allerdings wird hier auch deutlich kommuniziert, dass Hogar de Vida nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu ihrer „Herzensfamilie“ ist. Umso mehr freut man sich deshalb als Mitarbeiter, wenn ein Kind solch eine Familie gefunden hat. Es bleibt natürlich trotzdem ein Platz der Leere, wenn ein Kind dann verabschiedet wird und nicht mehr da ist…Nichtsdestotrotz ist das Lachen und der freudige Ausdruck in den Augen der Kinder jeden Tag wieder ein Zeichen dafür, dass sie sich in unserer Obhut geborgen fühlen und wir unseren Job gut machen. Und an dieser Stelle darf gesagt werden, – wenn man auch besonders auf die kleinen Momente achtet, eine Umarmung, ein Lächeln… – dass es eindeutig mehr positive als negative Momente gibt.
Die Arbeit in einem Kinderheim ist hart und teilweise auch emotional belastend.Man soll die Rolle und die Aufgaben der Mutter übernehmen, darf aber nicht die Mama ersetzen.
Trotzdem ist die Arbeit hier unglaublich erfüllend, weil man dazu beitragen darf, den Kindern eine möglichst sorglose Kindheit zu schenken. Erste Worte, erste Schritte, Geburtstage etc. sind Momente, an denen ich teilhaben darf und ich bin mir sicher, dass ich daran noch häufig zurückdenken werde.
Es war der 2. Juni 2018 und ich befand mich am Flughafen Juan Santamaría in Costa Rica. Für viele, die schon Erfahrung im Fliegen hatten, schien alles normal, für mich aber war das Gefühl ein anderes. Es war mein erster Flug, und was für eine Reise mich erwartete! Ich würde den Atlantik überqueren, und
davon war ich begeistert, aber es war meine erste Reise im Flugzeug. Sobald ich im Flugzeug war, wurde alles dunkel um mich und ich war voller widersprüchlicher Gefühle, da ich mein Land verließ und mich in das Unbekannte aufmachte, das ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte.
Nach Stunden unterwegs landeten wir in Frankfurt und gingen schnell an Bord des Fliegers nach Berlin. Erneut erlebte ich das Gefühl zu fliegen, aber dieses Mal war ich viel glücklicher. Natürlich war ich nach der vorhergehenden Erfahrung einer Reise von zwölf Stunden müde. Sobald ich in Berlin war, machte ich meine erste Schritte in dieser gigantischen Stadt, wo es so viel zun tun gibt.
In den ersten Wochen machte ich eine Unmenge von Erfahrungen, mit Höhen und Tiefen und auch Momenten der Unsicherheit, da ich nun in einem Land war, da so völlig anders ist als das, an das ich mich in fünfundzwanzig Jahren gewöhnt hatte. Es war eine sehr positive Erfahrung, da ich in verschiedenen Teilen von Berlin leben konnte und sehr nette Menschen kennenlernte, auch wenn es auf meinem Weg auch weniger nette Menschen gab.
In den ersten Wochen lebte ich bei einer großartigen Famile, den Batkes, die unglaublich waren und mich wunderbar aufgenommen haben. Teil dieser Familie zu sein hat mir geholfen zu verstehen, wie manche Dinge hier in Deutschland funktionieren, so einfache Dinge wie die Spülmaschine zu bedienen oder die medizinische Versorgung zu nutzen.
Alles war eine neue Welt für mich; jede Situation, jeder Moment ist neu. Ich genieße es und versuche so viel zu lernen, wie ich kann. Manchmal verschlingt mich die große Stadt und die Nächte werden lang und ermüdend. Dann sind die Morgen ein bisschen anstrengender und die Bahnen füllen sich mit Gefühlen wie mit Menschen für einen neuen Tag, und ich glaube, dass im Winter eine Bahnfahrt mit so vielen Personen eine sehr angenehme Erfahrung sein wird, da wir einer näher am anderen sein werden und dadurch jeder ein bisschen wärmer, eine Sache, die mich nicht stört, auch wenn das hier in Deutschland nicht so üblich ist.
Dann zog ich nach Neukölln um, an einen wirklich sehr unruhigen und lauten Ort. Dort wurde mir bewusst, dass die Straßen wirklich tausend Sprachen sprechen. Hier kannst du eine Unmenge an Sprachen hören, wenn du durch die Straßen gehst. Kurz, es hat mich erstaunt, wie viel Leben es in den Straßen in diesem Teil von Berlin gibt. Immer ist hier etwas los und meine Nachbarn erzählten mir, dass sich viele Banden herumtreiben, die Drogen verkaufen und manche andere Dinge tun, die nicht so gut sind.
Momentan lebe ich im Wedding in einer WG, die dreißig Minuten vom Büro entfernt ist, und es ist ein guter Ort zum Leben. Mir gefällt, dass ich die Wohnung mit einem Jungen aus dem Irak und drei Deutschen teile. Ich glaube, dass ich hier eine gute Zeit verbringen und viel lernen werde. Immer mehr Erfahrungen treten in mein Leben und ich werde jede Chance nutzen, als Person zu wachsen.
Vorerst geht das Leben hier weiter mit meinem Voluntariat im Büro von VISIONEERS e.V., wo ich versucht habe mein Bestes zu geben, während ich noch dabei bin, mich einzugewöhnen. Das ist nicht so einfach für einen jungen Menschen, der sein ganzes Leben lang in einer sehr kleinen Stadt am Zentralpazifik in Costa Rica gelebt hat und sich noch nicht ganz daran gewöhnt hat, was eine Stadt wie Berlin wirklich ist.
Mit den jungen Geflüchteten bin ich gut zurechtgekommen, obwohl ich mich nicht gut auf Deutsch verständigen kann. Wir verstehen uns durch die Zuneigung, die wir zeigen, und durch die Einfachheit und Bescheidenheit, die ich ihnen vermittle. So konnte ich in nur drei Monaten etwas tiefere Beziehungen aufbauen. Ich bin glücklich, dass ich auf die eine oder andere Art etwas geben konnte, obwohl ich weiß, dass meine Situation der der Geflüchteten ein wenig ähnelt. Viele von ihnen haben ihre Familie nicht hier und leben allein inmitten dieses Asphaltdschungels, wie ich Berlin oft nenne.
Ich gewöhne mich weiter an das tägliche Leben in einer Stadt, wo Kunst und Kultur sich auf ewig verliebt haben, wo die Straßen tausend Sprachen sprechen, wo jedes Lächeln viel wert ist. Hier kann ein Lächeln den Tag verändern, die Stimmung verwandeln und sogar Chaos bewirken, da es so ungewohnt ist, all dies in einem Rahmen von gegenseitigem Respekt, Liebe und Mitleid.
Auf dem Wege dieses vierteljährlichen Berichts danke ich den Leuten, die ihn lesen werden, und bitte sie sehr, mitzumachen bei der Veränderung dieser Welt, die so belastet von Ehrgeiz ist, in der es egal ist, was dem anderen passiert, weil nur das eigene Leben zählt, und in der man nichts im Gegenzug gibt. Lasst uns ein weiterer Teil des buntesten Puzzles der Welt sein, von außergewöhnlicher Form, von denen jedes wichtig ist, um einen besseren Planeten zu gestalten.