Ich steige aus dem Bus aus, welcher mich von Turrialba – einem Städtchen im wunderschönen Costa Rica – in ein kleines Nachbardorf gebracht hat. Ich biege in einen Kiesweg ein, welcher einen kleinen Hügel hinauf zu einem Haus führt. Einem Haus, in welchem viel Leben steckt. Das Waisenhaus „Hogar Infantil Turrialba“. Schon von weitem hat mich ein Kind entdeckt, schreit ganz laut: „Vanee“, und noch bevor ich das kaputte Tor geöffnet habe, kommen einige Kinder mit strahlenden Gesichtern angestürmt. Nach vielen Umarmungen, Küsschen und High Fives schaffe ich es dann auch meinen Weg fortzusetzen, durch die Küche, in welcher ich die Tias (so heißen die Mitarbeiter hier) begrüße, bis zu einem kleinen Nebenraum um meinen Rucksack abzustellen.
So beginnen die meisten meiner Arbeitstage hier im Waisenhaus „Hogar Infantil Turrialba“, in welchem zurzeit 15 Kinder von 0-12 Jahren wohnen. Kinder, welche entweder keine Eltern mehr haben, oder -und das kommt viel häufiger vor- misshandelt wurden. Zum Schutz der Kinder werden keine Informationen über ihre Vergangenheit weitergegeben und so wird auch mir, obwohl es mich sehr interessieren würde, wo manche Gewohnheiten der Kinder herkommen, wenig erzählt.
Der Alltag im Waisenhaus
Einige der Kinder gehen entweder in die Schule oder den Kindergarten. Am Nachmittag haben sie dann viel Zeit um zu spielen und sich auszutoben, ja, wie alle Kinder haben auch diese unglaublich viel Energie. Meine Zeit dort fängt meistens mit Haushaltsarbeiten an: Wäsche aufhängen, Fegen, Putzen und was eben sonst noch so alles anfällt. Damit bin ich dann oft auch den ganzen Vormittag beschäftigt. Nach dem Mittagessen, bei welchem manche der Kinder noch gefüttert werden müssen, bleibt mir aber noch sehr viel Zeit um mit den Kindern zu spielen, zu reden oder auch Hausaufgaben mit ihnen zu machen. Dadurch, dass im Waisenhaus relativ wenige Kinder leben, ist es leicht zu jedem eine gute Beziehung aufzubauen und ich habe alle schon sehr ins Herz geschlossen. Noch ein Vorteil ist, dass durch die geringe Anzahl alle (sehr gequetscht) in einen Kleinbus passen und Ausflüge gemacht werden können. Etwa alle zwei bis drei Wochen ist die Freude dann immer groß, wenn Kinder, Tias und Mittagessen in den Kleinbus gepackt werden und einen Ausflug ansteht.
Wenn die leiblichen Eltern der Kinder sich nicht bessern und keine pflegefähigen Verwandten gefunden werden, wird eine Pflegefamilie für die Kinder gesucht. Auch ich habe schon miterlebt, dass Kinder gegangen sind, da eine Familie für sie gefunden wurde. Das ist zwar einerseits traurig, da man nie weiß, ob man die Kinder wiedersehen wird, aber natürlich überwiegt die Freude. Zu sehen, dass die Kinder an liebevolle Eltern übergeben werden, ist einfach überwältigend schön. Auch wenn die Arbeit mit den Kindern sehr anstrengend sein kann, habe ich schon sehr viel gelernt und es gibt sowieso nichts, was eine Umarmung und ein „Du bist toll“ der Kinder nicht wieder gut machen kann.
Eure
Vanessa Einsiedler
Diesen Monat ist es so weit, die Hälfte meines Jahres in Costa Rica ist schon um. Wie schnell vergingen diese 6 Monate…
Was am Anfang noch ungewohnt für mich war, ist nun zum Alltag geworden. Ich habe viel erlebt in den letzten Monaten und viele neue Dinge gelernt. Wenn mir jemand am Anfang des Jahres gesagt hätte, dass ich diese Kinder so sehr lieben werde, hätte ich ihn vermutlich erst mal komisch angeschaut. Mittlerweile schmiede ich allerdings Pläne, wie ich meine Kids, meine Frauen und tonnenweise Pinto mit nach Deutschland schmuggeln kann. Diese Menschen werden mir sehr fehlen! Gerade nach der kurzen Ruhepause, die sich Transforma zu Beginn des Jahres gegönnt hat, sind die Beziehungen zu vielen costa-ricanischen Freiwilligen im Projekt noch enger geworden.
Nähkurse
Jeder von uns hat seine Aufgaben, und durch meine kann ich glücklicherweise sehr eng mit den Schülerinnen des Nähkurses zusammenarbeiten. Was man da alles so an Klatsch und Tratsch mitbekommt, selbst wenn man im Raum nebenan ist, ist echt erstaunlich! Ich bin nun bestens über die Geschehnisse im Barrio informiert und weiß wie es den Mamas, Kindern, Enkeln, Cousins und eigentlich der ganzen Bevölkerung Costa Ricas geht.
Wir haben nun auch viele neue Produkte, die in den nächsten Monaten fleißig verkauft werden können. Ich musste deshalb auch lernen, wie man Naturseifen behandelt, bevor man sie verkaufen kann. Und obwohl ich die Mädels immer streng zum Nähte auftrennen verdonnere, weil wieder irgendetwas falsch zusammengenäht wurde, nehmen die Frauen mich liebevoll in ihre Gruppe auf.
Neues Semester, neue Kurse und neue Frauen und Kinder
Bald startet das neue Semester im Projekt und alle sind schon sehr gespannt. Die neuen Frauen und Kinder werden zwar einiges an Arbeit bedeuten, aber ich freue mich schon sehr. Zwei Kurzzeitkurse haben schon vor Beginn des Semesters gestartet, es wurde aber trotzdem fast ein bisschen langweilig ohne Kindergeschrei im Haus, laut lachende Frauen in der Küche und hektisches Gewusel der Freiwilligen. Die wochenlange Büroarbeit zur Vorbereitung auf die Kurse musste zwar sein, aber trotzdem ist das ganze Team froh, wenn es bald wieder losgeht. Ich bin schon gespannt, welche Frauen vom letzten Semester zurückkommen werden. Am liebsten hätte ich sie alle wieder im Haus.
Mein Highlight des Monats? Definitiv Zabeti. Diese Frau ist mir die letzten Monate sehr wichtig geworden und ans Herz gewachsen. Als sie letzte Woche in einer kleinen Feedbackrunde mit der Projektleiterin auch noch erzählt hat, dass sie Pauline und mich ins Herz geschlossen hat und bei uns spürt, dass sie uns wichtig ist, sind mir fast die Tränen gekommen. Sie erzählte, wir behandeln sie nicht von oben herab, wie das bei einer älteren Dame, die keine Mittel zur Verfügung hat, häufig passiert.
Wie käme jemand bloß auf die Idee, sich über Andere zu stellen, noch dazu aus so banalen Gründen? Mir fällt immer wieder auf, wie wichtig es für diese Frauen und Kinder ist, an einem Ort zu sein, an dem sie geschätzt und gehört werden, an dem sie wichtig sind. Ich freue mich jeden Tag aufs Neue, zu sehen, wie diese Frauen einen Prozess durchlaufen und man zusehen kann, wie sie aktiv ihr Leben verändern und verbessern.
Wenn man hier im Dorf ein bisschen herumläuft, grüßt man JEDEN, auch wenn es nur ein kurzes Hallo oder Tschüss ist und wenn man es dann mal nicht macht, hinterlässt es direkt ein etwas komisches Gefühl. Selbst ich find es schon ein bisschen unhöflich, wenn mich mal jemand nicht grüßt.
Wie es in einem so kleinen Dorf typisch ist, kennt hier jeder jeden. (Wie auch in Deutschland auf dem Land).
Kirchengemeinschaft
Außerdem ist die Gemeinschaft der evangelischen Kirche hier sehr wichtig und der Großteil der Leute hier ist Teil davon. Der Gottesdienst findet in der Turnhalle der Schule statt und besteht zum Großteil aus Singen. Zum Glück wird der Text an die Wand gestrahlt, dann kann man auch gut mitsingen.
Außerdem gibt es hier eine Organisation „TheWay“, die ich persönlich echt klasse finde, da die immer mal Veranstaltungen für Jungendliche/ junge Erwachsene machen. Am Dienstag zum Beispiel gabs Lagerfeuer, die Woche davor eine Gesprächsrunde, die dann aber zur Spielrunde überging, da die Themen leider zu tiefgründig waren. Das Ganze gehört auch zu der „Pura Vida Church“, wie die Kirche hier heißt.
Es gibt auch einige Sportangebote, wie zum Beispiel Boxen, Zumba oder Joggen. Fußball gibts auch, letztens gab es sogar ein recht „großes“ Fußballturnier. Auch Volleyball gibt es manchmal, wo ich aber bis jetzt leider noch nicht war.
„Die Deutschen“
Carlotta und ich versuchen immer sehr viel mit zu machen, damit wir uns irgendwie integrieren können. Aber es ist sehr schwer. Weil kleines Dorf heißt auch sehr fester Kreis und enge Gemeinschaft. Und das heißt nicht, dass sie nicht höflich und nett zu uns sind. Das hat uns einer der Ticos dann mal erklärt, nachdem wir meinten, er solle doch bitte Spanisch mit uns sprechen. Er meinte, wenn ein Tico Gringas oder Europäer sieht, spricht er immer auf Englisch mit ihnen um freundlich zu sein oder einen gewissen Respekt zu zeigen. Vielleicht. Ich kann es nicht genau sagen. Dass wir aber hier sind, um Spanisch zu lernen, mussten wir deutlich erklären.
Da unser beider Spanisch noch nicht ausreicht, um tiefgründige Gespräche zu führen, ist es sehr schwer, neue Freundschaften zu knüpfen. Manchmal frag ich mich aber auch, worüber die Leute hier überhaupt reden. Ich glaube, dass fast nur der Glaube hier Gesprächsthema ist und es für uns beide oft sehr schwierig ist, an diesen Gesprächen teilzuhaben. Wenn wir jemand Neuen kennenlernen, ist die Religion immer eine der ersten Fragen an uns.
Was die Ticos aber auch gut können, ist über ihr Land schwärmen. Das hör ich mir dann aber auch immer sehr gerne an, um vielleicht ein paar gute Ausflugsorte dabei mitzunehmen.
Und das frühe Aufstehen natürlich. Ich wache hier immer spätestens gegen 7 Uhr auf, auch am Wochenende, da man erst von den Hähnen und dann von dem Schreien auf dem Hof geweckt wird. Mich würd wirklich gerne mal interessieren, worüber die da so streiten. Vielleicht sollte ich mal noch früher aufstehen und zuhören?
Esterillos Oeste
Da Esterillos Oeste ja an einem traumhaften Strand liegt, zieht es auch einige Amerikaner an. Hier leben nämlich ziemlich viele Gringos und deswegen wird die Predigt im Gottesdienst z.B. auch immer auf Englisch übersetzt.
Kommen wir mal zu der Sache mit der Pünktlichkeit. Das find ich hier nämlich gar nicht so schlimm, weil an sich sind die Leute hier sogar ziemlich pünktlich. Bei Terminen, die eine feste Uhrzeit haben, ist man hier schon auch zu der Uhrzeit da. Nur wen man sich locker verabredet, ja dann kann es auch mal zwei Stunden später werden.
Nur der Bus, der kommt immer nur dann, wann er will. Pura Vida.
Pura Vida als Lebensmotto
Pura Vida ist ja in ganz Costa Rica das Lebensmotto und man merkt es den Menschen wirklich an.
Bei manchen ist es einfach die ruhige, entspannte und positive Aura, die von Ihnen ausgeht, bei anderen merkt man einfach, wie sie den ganzen Tag eigentlich nur auf der Terasse sitzen und dabei essen.
Aber wenn ich mir das so überlege, mache ich irgendwie nicht viel mehr hier. Nur, dass ich hier natürlich zur Arbeit muss. Aber hätte ich die nicht…
Zusammenfassend gesagt sind Pura Vida und Gott eigentlich hier die Antwort auf alles. Bus verpasst? Pura Vida
Job verloren? Gott wollte es so und hat was besseres für mich geplant. Achso und natürlich auch Pura Vida.
Aber das ist schön und die Leute sind hier glücklich. Ma merkt das auch sehr. Nur wir Deutschen müssen erstmal mit dieser Art von Glücklichsein klarkommen. Denn es ist anders. Um hier glücklich zu sein, braucht es nicht viel, die Menschen haben keine großen Ansprüche
Es sind schon 8 Monate vergangen, seitdem ich angekommen bin und inzwischen hat sich alles so sehr verändert und ist viel einfacher und angenehmer geworden.
Meine Fortschritte in der deutschen Sprache haben eine wichtige Rolle dabei gespielt, dass ich mich jetzt hier in Deutschland besser wohlfühlen kann. Die Kommunikation ist jetzt um einiges leichter. Ich kann an einfachen und etwas komplexeren Konversationen teilhaben und auch das Zuhören und Verstehen ist viel besser geworden.
Sprachlicher Lernprozes
Nach vier Monaten habe ich mich mehr aufgemuntert, deutsch zu sprechen. Zuerst nur mit meiner Gastfamilie, die ein sehr wichtiger Teil dieses Prozesses war, und danach Schritt für Schritt auch bei der Arbeit. Manchmal aber ist Druck nicht gut und geht nicht Hand in Hand mit der Lernpädagogik. Das verstehe ich auch sehr gut und deswegen habe ich jetzt aufgehört, mir Sorgen darum zu machen, den Erwartungen anderer nicht gerecht zu werden; Auch, damit ich meine eigenen Erwartungen besser erfüllen kann. Ich habe mir kleine Ziele gesetzt, die ich Schritt für Schritt erfüllen kann. Manchmal sorgt das stille Arbeiten für mehr Lärm. Das bedeutet, wenn ich etwas im Stillen erlerne und niemandem davon erzähle, dass die Reaktionen anderer viel besser und beeindruckender sind. Kommentare wie: ,,Seit wann lernst du das?“ und ,,Du sprichst schon viel besser!“ höre ich immer wieder in dieser Zeit. Aber nur mit Durchhaltevermögen und Ausdauer kann man diese Ergebnisse bekommen. Ich bin natürlich immer noch im Lernprozess und mache Fehler, durch die ich mich aber nur verbessern kann, aber ich bin glücklich meine eigenen Fortschritte zu sehen, dich bis jetzt gemacht habe.
Zwei Leben in Costa Rica und Deutschland
Klar, es ist auch schwierig ein deutsches Leben und gleichzeitig auch ein costa-ricanisches Leben zu haben, auch weil in den zurückliegenden Monaten einiges in Costa Rica passiert ist, was mich sehr getroffen hat. Zum Beispiel ist meine Urgroßmutter mütterlicherseits im Dezember erkrankt und gestorben. Das war sehr schwer für mich wahrzuhaben. Außerdem war es sehr hart in dieser Zeit der Trauer, nicht bei meiner Familie sein zu können. Natürlich war die Unterstützung meiner Gastfamilie und Freunde hier trotzdem sehr wichtig und hat mir geholfen, alles gut zu überstehen.
Während das alles in Costa Rica passiert ist, war meine Zeit in Deutschland vom Gegenteil geprägt. Alles lief gut und ich hatte eine gute Zeit auf der Arbeit, mit der Familie und mit Freunden. Es war ehrlich gesagt eine sehr komische zeit, aber ich sollte an dieser Stelle meiner deutschen Mutter danken. Dafür, dass sie immer in allen Momenten für mich da war und mich unterstützt hat. Sie ist für mich zu einem Engel auf meinem Weg geworden, sie ist immer liebenswürdig und hat mir die besten Ratschläge gegeben.
Das Wetter in Deutschland
Wie jeder, werde auch ich über das kalte Klima reden, welches schon zu einem Klischee geworden ist. Ich glaube, wenn man es nicht tun würde, würde man nicht alles über Deutschland erzählen. Ich muss aber sagen, dass meine Erwartungen in Bezug auf die Kälte viel schlimmer waren, auch wenn man bedenkt, dass sich das Klima hier ändert. Aber auch wenn es nicht allzu kalt ist, ist es trotzdem nicht so, dass ich den ganzen Tag draußen sein will. In dieser Jahreszeit ist warme Kleidung sehr wichtig, auch weil man sich so vor Krankheiten schützen muss. Trotzdem ist das Tragen von Mütze und Schal nicht mein Wille, sondern ein Muss.
Was ich außerdem noch erzählen will, ist, dass im Winter hier die Weihnachtszeit war. Ich war auf den typischen Weihnachtsmärkten, habe Glühwein getrunken, bin durch die beleuchteten Straßen gelaufen und habe viele Menschen gesehen, wie sie Freude und Glück verbreitet haben. Das hat mich gerührt.
Nachhaltigkeitskonferenz in Köln
Ich habe außerdem an einer Konferenz in Köln teilgenommen, welche sehr angenehm war. Wir konnten über Themen wie Recycling, Nachhaltigkeit und nachhaltiges Essen diskutieren. Es gab die Möglichkeit die Agenda 2030/60 mit Fokus auf Afrika kennenzulernen. Das war sehr interessant und ich glaube, dass man einen ähnlichen Plan auch für Amerika bzw. speziell Lateinamerika machen könnte, da es in letzter Zeit ziemlich betroffen von Katastrophen war. Zumindest hatten wir das in einer kleinen Gruppe überlegt, mit uns Latinos, die wir da vor Ort waren. Dieser kulturelle Austausch, der dort stattgefunden hat, war erstaunlich! Wir waren viele Menschen und jeden Tag hat man neue Menschen kennengelernt, Freundschafts-beziehungen wurden stärker und dabei war die Kultur, Sprache oder Nation nicht wichtig, wir haben uns alle gut verstanden und uns gegenseitig respektiert.
Weihnachtstraditionen
Ich nahm an verschiedenen Weihnachtstraditionen teil wie z.B. die Adventssonntage. Davon gibt es 4 und jedes Mal wird sonntags eine Kerze angezündet. Am 6. Dezember wird Nikolaus gefeiert und die Kinder bekommen Schokolade und Geschenke. Ich fühlte mich erneut wie ein kleines Mädchen, weil meine Gasteltern mir am Nikolaus ein Geschenk gegeben hatten, was sehr aufmerksam und liebevoll war. Außerdem schenkte mir meine Freundin Karla meinen ersten Adventskalender, der für 24 Tage je ein kleines Türchen hatte. Jeden Tag im Dezember durfte ich ein Türchen öffnen, um ein leckeres Schokoladenstückchen zu essen. Dies ist eine sehr deutsche Tradition.
Weihnachten an der Seite meiner deutschen Familie in Berlin war sehr angenehm und unterhaltsam. Wir hatten ein kleines Abendessen und öffneten gemeinsam Geschenke. Es war eine schöne Erfahrung, diese Zeit in mit lieb gewonnenen Personen zu teilen. Am 25. Dezember hatten wir ein sehr elegantes Abendessen. Nach dem Essen hatten wir viel Spaß beim gemeinsamen Spiele spielen und Tanzen – einer der besten Tage, die ich in Deutschland erlebt habe. Das neue Jahr rückte immer näher. Ich machte mich auf die Reise nach Dresden, um Zeit mit meinen costa-ricanischen Freunden zu verbringen. Könnt ihr es glauben – ich habe Tamales gegessen (ein typisches costa-ricanisches Gericht) mit Kaffee! Ich setzte mich zufrieden zu Hause hin; die Zeit mit meinen Freunden in Dresden hatte mich sehr glücklich gemacht. Die Wahrheit ist, dass mir diese Zeit half, mich weniger weit weg meines geliebten Costa Ricas zu fühlen. Durch die Videonachrichten und Fotos meiner Familie hatte ich das Gefühl, als wäre ich dort bei ihnen. Ehrlich gesagt hatte ich erwartet, dass ich viel weinen werde und ich mich schlecht und traurig fühlen würde. Aber ich habe verstanden, dass jeder dort ist wo er sein muss und sein will. Was mich betrifft, ich will hier in Deutschland sein und möchte jede Sekunde genießen.
So beendete ich das Jahr mit meiner Familie hinter dem Bildschirm und mit einer Familie, die mich aufgenommen als wäre ich Teil der Familie. Ich fühlte mich glücklich und glaube, dass ich mich nicht besser hätte fühlen können in diesem Zeitraum. Und hier sind wir, neues Jahr, neue Ziele, neue Herausforderungen, aber immer standhaft und positiv.
Lust auf eine Fahrt mit der Achterbahn?
Ja. Das habe ich!! Jeden Tag. Manchmal mehr – manchmal weniger. Doch jeden Tag stelle ich mich freiwillig in die Schlange und freue mich darauf, in die Achterbahn einzusteigen. In der Schlange stehend und mit Blick auf die Achterbahn, weiß ich, dass ich mich auf ganz Unterschiedliches einlasse. Nervenkitzel. Adrenalin. Großer Respekt und kurze Momente, in denen man denkt: Was mache ich hier?? In der Achterbahn, die ich täglich hier fahre, begegnen mir Höhen und Tiefen. Phasen, in denen die Gefühle in Sekundenschnelle ein paar Meter hinunterstürzen und im nächsten Moment eine Strecke, auf der man wieder etwas Stabilität und Ruhe gewinnt. Plötzlich geht es dann wieder ganz hoch hinaus, bin beschwingt von der Fahrt, genieße den Ausblick, die Achterbahn und denke: hier will ich bleiben. Zeit bleibe stehen. – Doch im Hinterkopf weiß man, dass die Höhen nicht existieren können, wenn es keine Tiefen gibt. Wenn es keine Steigung, kein Gefälle, keinen Tiefpunkt und vielleicht auch keine Stagnation gibt. Das Schönste dabei ist, dass ich jeden Tag in eine neue Achterbahn steige. Unwissend, was mich heute erwartet. Nichtsahnend, wie die Fahrt verlaufen wird. Trotz der kurzen Panikattacken, wenn man das Gefühl hat, dass man gerade irgendwie doch nicht hier in dieser Achterbahn sitzen möchte, da es einfach nur 180 Grad abwärts geht. Oder wenn man gerade den schnellen Wechsel der Höhen satt hat und man sich einfach nur nach Boden unter den Füßen – einer Ruheoase – sehnt. Oder wenn man merkt – sich im Looping befindend- wie spannend ist, die Welt auch mal aus einem anderen Winkel zu sehen. Oder dann auch, wenn man sich wünscht, dass sich diese eine Kurve noch einmal wiederholt oder wenn man darum betet, dass der Wagen etwas langsamer fährt, damit ja dieser Moment nicht vorüber geht oder auch, damit einem ja nicht zu schwindelig von allem wird. Wenn ich dann aufgewühlt, total begeistert oder auch erschöpft aus der Achterbahn steige, bin ich jedes Mal sehr froh, die Fahrt mit allen Facetten erlebt zu haben. Den Mut gehabt zu haben, da einzusteigen. Und die Herausforderung angenommen zu haben.– Gemerkt habe ich, dass es das Beste ist, wenn ich mich offen für Überraschungen und Neues und ohne hohe Erwartungen in die Achterbahn hineinbegebe.
„Wie geht es dir?“ Diese Frage wird mir oft gestellt. Darauf antworte ich manchmal mit dieser metaphorischen Beschreibung meiner Achterbahnfahrten hier in Costa Rica oder dann auch, wie es mir genau in diesem Moment geht.
Ein neuer Alltag in Costa Rica
Nun nach fast vier Monaten voller neuer Eindrücken und Erfahrungen, kann ich auf alle Fälle sagen, dass ich ein Leben hier – mit Gewohnheiten, Hobbys, neuen Freunden und Bekannten, und einem Arbeitsplan – aufgebaut habe. Dieses Leben habe ich inzwischen wirklich als meine Realität angenommen (Momente des Staunens und des Gefühls der Surrealität erlebe ich natürlich weiterhin)- kurz gesagt: ein Alltag hat sich für mich etabliert.
Bevor ich Euch einen Einblick in mein Leben und das meiner Mitmenschen hier gebe und auf die Weihnachtszeit in Costa Rica eingehe, möchte ich kurze meine Einsatzstelle erläutern – Inzwischen habe ich (unter anderem mithilfe eines Fragebogens) einen guten Überblick über meine Einsatzstelle – Denn es nicht leicht, zu überblicken, was das Centro Cívico por la Paz alles bietet.
Einsatzstelle ,,Centro Cívico por la Paz“
Im Centro Cívico por la Paz in Guarari/Heredia arbeiten verschiedene Organisationen und Ministerien. Jede hat ihren eigenen Raum, aber sie arbeiten auch an gemeinsamen Projekten. Hinzu kommt, dass das Centro Cívico por la Paz Raum für Veranstaltungen anderer Organisationen bietet.Alles in allem haben alle beteiligten Organisationen das Ziel, die Menschen aus dem Viertel zu fördern, ihre Talente und Interessen zu stärken und einen Raum für Gemeinschaft und Begegnung zu schaffen. So sind Bildung, Pädagogik und Beratung bei Konflikten Grundbausteine des Zentrums.Letztendlich möchte man so die Leute von der Straße, Kriminalität, Drogen, Diskriminierung und Gewalt wegführen.
Es gibt ein breites Angebot: Kunstunterricht, Musikunterricht (Gitarren- und Klavierunterricht, Chor), PANI (eine Organisation, welche Kindern bis etwa 10 Jahren unterstützt und Bildung und Freizeitangebote im Bereich Spiel und Spaß (Kunst, Sport,..) bietet), Sportkurse wie Fitness/Ausdauer und Zumba, LigaFEM (Fußball für Mädchen und Frauen), einen für die Öffentlichkeit ständig zugänglicher Skaterpark und zwei Fußballplätze, Tischkicker, Tanzunterricht, Spielplatz, Theaterunterricht, eine Bibliothek mit der „club de la lectura“ (Lektüreverein zu deutsch), rechtliche Beratung für Geflüchtete und vieles mehr. Ein wichtiger Teil des Zentrums ist „la casa de la justicia“ (Haus der Gerechtigkeit). welches den Menschen aus dem Viertel Beratung bei Konflikten anbietet. Das bedeutet, dass beispielsweise im Falle eines Streites zwischen Nachbarn oder in der Ehe, die Beteiligten in einem Dialog mit professioneller Beratung versuchen, friedlich den Konflikt zu lösen. Andere Events wie den Friedensmarsch und die Eröffnung der Ausstellung in einem Kulturzentrum in Heredia Centro „¿Quién soy Guarari?“ (Wer bin ich Guararí? – Guararí ist das Viertel, in dem ich wohne und arbeite) habe ich bereits miterlebt – und auch vorbereitet: indem ich unter anderem bestimmt etwa hundert Plakate gemalt habe oder auch beim Aufbau der Ausstellung (mit Kunstprojekten der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen des Zentrums) und bei der Eröffnung mitgeholfen habe. Auch gibt es einmal pro Monat eine Veranstaltung für Jugendliche und junge Erwachsene, welche sich „Juventud hablan“ (Jugend spricht) nennt. In diesem Rahmen findet monatlich eine Veranstaltung zu einem Thema mit Bezug auf Menschenrechte und anderen sozialen und gesellschaftlichen Themen, statt. Zum Beispiel habe ich die Veranstaltung erlebt, bei der die Jugendlichen untereinander und mit Begleitung einer Frau des Kulturministeriums über das Thema Suizid gesprochen haben.
Als Freiwillige bin ich in vielen verschiedenen Bereichen tätig. Ich gebe Nachhilfe, gebe Bastelworkshops, unterstütze den Kunst – und Sportunterricht und bei Events. Auch helfe ich wöchentlich einmal einer Arbeitskollegin im Büro bei anstehenden Projekten. Ich freue mich bereits im nächsten Jahr auch einen Tanz- und Gymnastikkurs anzubieten.
Da sich das Centro Cívico por la Paz in einem Viertel befindet, wo Gewalt, Diskriminierung, Drogen und Kriminalität sehr präsent sind, ist das Centro Cívico por la Paz von Security bewacht und von einem hohen Zaun umrandet…
Mein Arbeitstag
20 Meter von meinem costa ricanischen Zuhause entfernt, trete ich durch das hohe Tor meiner Einsatzstelle hindurch. Werfe ein kurzes „buenos días“ oder „buenos tardes“ den Wärtern zu, einigen bekannten Gesichtern ein „hola“, begrüße die Putzfrauen mit einem „Cómo está?“, die dabei sind, die zu Gänge putzen und hole meine Sachen aus dem Schrank. Schlüssel bei den Wärtern abgeholt, begebe ich mich in das Zimmer, in dem ich normalerweise sechsmal pro Woche Nachhilfe gebe.
Heute sitze ich aber nicht vor einem Tisch mit Arbeitsblättern, von mir vorbereiteten Spielen und hinter der mit einem „Willkommen“ beschrifteten Tafel – sondern breite Bastelsachen auf den Tischen aus. Seit letzter Woche haben die Ticos, so nennen sich die Einheimischen, Sommerferien. – Nicht durcheinander kommen – hier heißen die Weihnachtsferien aufgrund der heißeren Trockenzeit Sommerferien, welche auch das Ende des Schuljahres markieren. Für die Ticos bedeuten Ferien: Ausschlafen – Entspannen – Faul sein.– Für mich und das Projekt bedeutet es: weniger Besucher und Schüler, die den Unterricht und die Angebote des Projektes wahrnehmen. Heute habe ich aber Glück. Nach nur ein paar Minuten trudeln einige Kinder ein. Diese „paar“ Minuten dehnen sich des Öfteren hier auf eine halbe Stunde aus – Pünktlichkeit nehmen die Ticos nicht so ernst – ganz nach dem Lebensmotto „pura vida“ der Ticos. In den nächsten drei Stunden werden Bäume mit Papierkugeln geschmückt. Ein Seufzer ausgestoßen, wenn der Kleber auf der falschen Seite der Zacke des Papiersternes gelandet ist und mit der Zunge zwischen den Zähnen konzentriert ein Weihnachtsgruß an Mamá und Papá geschrieben. Schließlich verabschiede ich die Kinder, welche glücklich und bepackt mit ihren 3D-Papiersternen, ihren buntbemalten Weihnachtsbäumen und ihren Weihnachtskarten den Raum verlassen. Hier und da habe ich auch eine Umarmung von den Kleinen bekommen. Ein wohliges Gefühl breitet sich bei mir aus, wenn ich gedrückt werde und beobachte wie die Kinder stolz ihren Eltern ihre Basteleien zeigen.
Neben den Bastelstunden mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, ist die Weihnachtszeit hier geprägt von blickenden Lichterketten, die die Häuser schmücken und von lauter Weihnachtsmusik, die aus den Läden schallt. Anstatt dem Geruch von frisch gebackenen Keksen, erschnuppert man den Geruch von Tamales, wenn man die Häuser betritt. Tamales sind – mit einer Masse aus Fleisch, Reis, Kartoffeln, Getreidemischung und Gewürzen – gefüllte Bananenblätter. Von Haus zu Haus, von Land zu Land (in Guatemala, woher meine Gastmama kommt, gehören Tamales auch zu den Weihnachtstraditionen) variieren die Zutaten. Überall werden sie verkauft, hergestellt und verspeist.
Weihnachten in Costa Rica
Heiligabend werde ich mit meiner Gastfamilie verbringen. Gemeinsam mit meinen vier bereits erwachsenen Gastgeschwistern, werden wir eine costa ricanische Weihnachtstradition zelebrieren: „amigos secretos“ – letztendlich vergleichbar mit dem in Deutschland bekannten Wichteln.
Was mir sicherlich ein wenig fehlen wird, ist der weihnachtliche Gottesdienst an Heilig Abend. Dieser findet nicht am 24. statt, sondern in der Kirche (in welcher meine Gasteltern Pastoren sind) bereits am Sonntag vor Heilig Abend. Das liegt daran, dass der Großteil der Kirchenmitglieder aus Nicaragua stammen, und so über Weihnachten ihr Familie in ihrem Heimatland besuchen. Am letzten Sonntag wurde ein Fest für die Kinder der Kirche und anderen aus dem Viertel veranstaltet. Dabei wurden neben Essen auch Geschenke und Süßigkeiten an die Kinder verteilt, welche davor gesammelt wurden. An die Kinder wird in der Kirche jeden Sonntag Mittagsessen ausgegeben, da sich die Familien dieses oft nicht leisten können.
Geschweige von Weihnachtsgeschenken, weshalb sich die Kinder sehr über die Geschenke gefreut haben. Diese Realitäten der Menschen hier in dem Viertel von Heredia, bringt einen sehr zum Nachdenken über das Konsumverhalten vieler Menschen, den Wert von materiellen Dingen, über Wertschätzung, Dankbarkeit und viele andere Themen.Im Gegensatz zu dem „Weihnachtsdekorationswahnsinns“ vieler Ticos, der bereits ab Ende Oktober beginnt, hat meine Gastmama erst am 3. Advent, begonnen das Haus zu schmücken – ohne Weihnachtsbaum.
Weihnachtsbäume und Schneeflocken
Grundsätzlich gibt es in vielen costa ricanischen Haushalten Weihnachtsbäume in der Weihnachtszeit. Neben aus Kanada importierten echten Tannen werden hier des Öfteren Weihnachtsbäume aus Plastik aufgestellt.Und übrigens: Schnee gibt es auch!! – Überall sieht man Schneeflocken glitzern: schneebedeckte Tannebäume, Schneeflockengirlanden in den Häusern, Weihnachtskarten mit eingeschneiten Dörfern – anscheinend wurde der Schnee aus anderen kälteren Ländern importiert…
Letztendlich würde auch ein Weihnachtsbaum nicht unbedingt ein weihnachtliches Gefühl bei mir hervorrufen – was mir hier bei kurzen Hosen, exotischen Früchten, Sommertemperaturen und ohne traditionellen Weihnachtsmarktbesuch mit heißem Glühwein und dampfenden Maronen, sehr schwerfällt.
Auch wenn mir in der Weihnachtszeit die Nähe meiner Familie und meiner Verwandten fehlt, kann ich letztendlich auf die Frage: … „Und jetzt? Wie geht es dir?“ antworten: – Jetzt geht es mir in diesem Moment wirklich sehr gut. – Sicher ist, dass ich hier erstmal noch länger bleiben und noch viele weitere Achterbahnfahrten erleben möchte! Lust habe ich immer auf die Achterbahnfahrt.
Und die Lust wird mir erstmal auch nicht vergehen.
Liebe Grüße aus dem weihnachtlichwarmen Costa Rica!
Eure Sophia
Mach’s gut, 2019, du warst gut zu uns…
Das Jahr neigt sich dem Ende und dankbar blicken wir uns nochmal um, damit wir uns erinnern können, was eigentlich alles genau bei Visioneers passiert ist. Wir haben so viele tolle Menschen kennengelernt und unglaublich viele Dinge erlebt – wir sind überwältigt von 2019! Anfang des Jahres sind wir direkt eingestiegen mit unseren ersten Religionsworkshops, die sich über das gesamte Jahr erstreckten. In 2019 haben wir das erste Mal eine Berliner Ferienschule angeboten und uns an das Thema Illusionen für 14 Tage gewagt.
Zwischen Deutschunterricht, Hausaufgabenhilfe und Ausflügen, wurden neue Freundschaften geknüpft, alte vertieft und vor allen Dingen viel gelacht. Die Ferienschule hat allen so viel Spaß gemacht, dass wir uns Ende des Jahres schon als „Ferienschul-Veteranen“ bezeichnen können, denn wir haben sowohl im Sommer, als auch im Herbst eine weitere angeboten, die stets gut besucht wurden. Wir haben neue Kooperationen und Partnerschaften zu Schulen und Vereinen geknüpft. Hier seien besonders die „Schildkröte“ und „Life e.V.“ zu erwähnen mit denen wir in 2020 auf jeden Fall ein Stück des Weges zusammen gehen wollen – stay tuned! Im Mai kam Anja mit an Board, die die Geschäftsleitung übernahm und seither unser Team tatkräftig unterstützt und managed.
Englisch CampAbsolutes Jahreshighlight war unser Englisch Camp. Dazu sind wir bis nach Fleth in Mecklenburg-Vorpommern gefahren, wo wir in einem Haus am See total intensive, schöne und spannende Tage miteinander verbracht haben. Unterstützt wurden wir hierbei von einem Team aus den USA, die dort den Englisch Unterricht für unsere 23 Jugendlichen gerockt haben. Es gab Kanutouren, Filmabende, Ping – Pong Turniere, Geländespiele und Party auf nahöstlich… Die Abende verbrachten wir am Lagerfeuer, wo wir uns intensiv über verschiedenste Religionen und das Leben austauschten – die Gespräche dauerten oft bis tief in die Nacht. Jetzt schon werden wir dauernd auf das nächste Camp im Sommer 2020 angesprochen. Pünktlich zum Camp kam unsere „weltwärts“-Süd-Nord Freiwillige Cristel aus Costa Rica, um unser Team zu erweitern. Leider gehörten auch Abschiede zu unserem Jahr und wir mussten Ester wieder nach Costa Rica gehen lassen, nachdem sie uns ein Jahr lang vor allem im Jugendbereich unterstützt hat. Wir blicken zurück auf einen Sommer voller Erinnerungen. Während der Ferienschule übernachteten wir einmal im Abenteuerzentrum Grunewald, lernten Bogenschießen und genossen den Sommer in vollen Zügen.
weltwärts Freiwillige
Aber wir empfingen auch unseren „weltwärts“ Jahrgang 2018/19 zurück und entsendeten unseren neuen Jahrgang mit 25 Freiwilligen aus ganz Deutschland nach Costa Rica, Peru und erstmalig Südafrika. Die Vorbereitungsseminare fanden alle bei uns in Berlin statt.
Der Herbst war geprägt von unserer dritten Ferienschule, die ganz unter dem Motto „Berliner Großstadtdschungel“ stand und auch hier lernten wir viele neue Leute kennen, die seitdem unseren Verein bereichern. Im Winter packten wir Päckchen für „Weihnachten im Schuhkarton“, bastelten einen Adventskalender und feierten die Feste, wie sie fielen.
Wir sind so dankbar für unsere Partnerschaften, die all das möglich gemacht haben. Vielen Dank für euer Vertrauen und eure Unterstützung. Wir sehen uns in 2020 – es wird NOCH besser!
Eigentlich probiere ich oft, dass die Blogeinträge nicht zu lang werden, damit man sie bei einer Tasse Kaffee auf jeden Fall schafft zu lesen. Jedoch wird dieser Eintrag etwas anders werden, weil ich über etwas schreibe, was mich schon die gesamte Zeit hier in Costa Rica begleitet und mich sehr berührt.
Es geht um eine Frau aus Transforma (meinem Projekt), die ich aus Datenschutzgründen einfach mal Sofia nenne. Sofia ist 29 Jahre alt, alleinerziehend und hat vier Kinder. Eine 10- und eine 7-jährige Tochter, einen 4-jährigen Sohn und ein 1 Jahr altes Baby. Sie sind seit ca. 4 Monaten in Transforma. Zu Beginn wusste ich nicht viel über diese Familie, nur dass es immer in einer Katastrophe endete, wenn Sofia mit ihren Kindern kam, denn vor allem bei dem kleinen Sohn, wusste keiner, wie man mit ihm umgehen sollte. Er schlug die Kinder, spuckte, verhielt sich generell aggressiv und gleichzeitig unfassbar intelligent für ein vier Jahre altes Kind. Auch das Baby schrie viel, war unruhig und nicht grade pflegeleicht. Die älteren Töchter erzählten, dass sie zu Hause nichts wirklich zu Essen hätten, was die Unmengen an Essen, die sie in Transforma aßen, erklärte.
Als ich ca. 3 Wochen im Projekt war, hieß es, dass Sofia wohl umziehen sollte. Also fuhren Katharina und ich mit unserer Chefin und ihrem Mann in das Armenviertel, wo Sofia lebte. Es war das erste Mal, dass ich in einem Armenviertel war und ich wusste nicht wirklich was mich erwartet. Dennoch war ich unglaublich dankbar für diese Chance eine „andere Welt“ zu sehen, denn ich wollte unbedingt wissen, wo die Frauen, die täglich ins Projekt kommen, leben. Wir fuhren zunächst zu dem neuen Haus von Sofia, dass sich zwar auch in einem Armenviertel befand, aber deutlich sicherer sein sollte. Aus dem Fenster schauend sah ich unzählige zottelige Straßenhunde, spielende Kinder, Nachbarn, die redend und lachend vor den Häusern standen. Nach ein paar Minuten parkten wir dann das Auto und klingelten an einer Tür, die scheinbar zu Sofias neuem Haus gehörte. Obwohl es neun Uhr morgens und unter der Woche war, öffnete Sofia uns verschlafen die Tür und vier kleine Kinder lugten hinter ihrem Rücken hervor. Sie waren geweckt worden von der Klingel. Dass die beiden Mädchen in der Schule sein müssten und der kleine Junge im Kindergarten, war allen Beteiligten klar.
Wir traten ins Haus ein, dass aus drei Räumen bestand. Ein Kinderzimmer, ein Badezimmer und ein etwas größerer Raum, der gleichzeitig Wohnzimmer, Küche, Esszimmer und ein kleinen Schlafbereich für die Mutter und das Baby darstellte. Das Haus hatte richtige Wände und einen Fußboden, was ein wesentlicher Fortschritt zum alten Haus war. Dennoch sah man eine Schimmelschicht, die sämtliche Türen überzog und auch die Möbel hatten definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Was mich jedoch am meisten beunruhigte, war Sofias Zustand. Sie wirkte abgekämpft, überfordert und vielleicht sogar teilweise gleichgültig (dazu muss man erklären, dass sie Probleme mit Depressionen hat und es schon Schwierigkeiten in der Vergangenheit gab, da sie sich aufgrund dieser Krankheit nicht mehr um die Kinder gekümmert hat).
Nach einem kurzen Gespräch mit Sofia, fuhren wir mit ihr zu ihrem alten Haus, das in einem anderen Armenviertel liegt. Dies heißt Sinaí und sehr viele Frauen aus Transforma kommen aus diesem Armenviertel, das nur 200 Meter von unserem Arbeitsplatz entfernt liegt. Als wir durch die Straßen von Sinaí liefen, war ich zugegebenermaßen verblüfft, denn so hatte ich mir das Armenviertel nicht vorgestellt: Es schienen auf den ersten Blick normale costa-ricanische Häuser zu sein, Menschen verkauften, wie überall, Essen auf der Straße, dass sie grade auf dem Grill daneben zubereiteten. Jedoch wurde mir schnell klar, dass der Schein trog. Denn von der Hauptstraße führten unzählige kleine Wege ab, die zu Wellblech-„Häusern“ führten. Diese Blechhütten sind oft nicht mehr als ein Zimmer für eine Großfamilie. Das heißt, dass auf 4 Quadratmetern schon einmal gut 9 Leute leben können, die dafür auch noch viel Geld bezahlen. Denn das Armenviertel befindet sich nahe San Josés, wo man am ehesten Arbeit finden kann, und deswegen ist es sehr begehrt.
Wir gingen also einen dieser Pfade hinunter, der sich durch den Regen in Schlamm verwandelt hatte. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie es war, dort täglich mit vier kleinen Kindern runter zu stolpern. Am Ende des Pfades angekommen, erreichten wir Sofias Haus und was uns dort erwartete, war unbeschreiblich. Es herrschte ein Riesenchaos: Überall lagen Essensreste, dreckige Klamotten, tausende Kakerlaken kreuzten deine Wege und eine Maus hauste im Badezimmer. Sofia hatte hier nur einen Monat gewohnt, wie war dies geschehen? Für viele Fragen blieb jedoch keine Zeit, denn es war notwendig, dass wir es an einem Tag schafften, das ganze Haus auszuräumen. Denn wenn der Vermieter dieses Chaos sehen sollte, wären Sofias Kinder am nächsten Tag im Waisenhaus. Jedoch befanden wir uns auch im Zwiespalt, denn sollten die Kinder in so einem Umfeld aufwachsen?
Die Zweifel beiseitegeschoben, begannen wir mit der Arbeit. Wir schmissen sehr viele Sachen weg, die nicht mehr zu gebrauchen waren und unmöglich alle in das neue Haus mitkonnten. Es schien so, als ob Sofia nie Wäsche gewaschen hätte, sondern einfach den Kindern immer neue Kleidung angezogen hätte, die sie durch Spenden bekommen hat. Das ist oft ein Zeichen von Armut, dass Anhäufen von Dingen. Denn die Menschen sammeln Unmengen von allem Möglichen an, damit sie sich nicht arm fühlen, da sie ja dann etwas haben, womit sie sich schützen können. Dies zeigt, dass es nichts bringt, einfach Ressourcen an in Armut lebende Menschen zu geben, um Armut zu bekämpfen. Viel entscheidender ist es, Fähigkeiten (wie beispielsweise, dass Organisieren des Haushaltes) beizubringen um nachhaltig einen Unterschied zu bewirken (über das Thema Armut werde ich wahrscheinlich auch nochmal irgendwann ein paar Gedanken aufschreiben).
Es wurde schon dunkel, als wir endlich fertig waren und nach Hause fuhren. Sehr müde fielen wir ins Bett, gleichzeitig aber auch gespannt, was sich wohl für Änderungen in den nächsten Wochen zeigen würden. Denn diese waren nun wichtig, denn der „Kinderservice“ von der Regierung war aufmerksam auf Sofias Situation geworden und die Gefahr, dass die Kinder von Sofia getrennt werden könnten, war allgegenwärtig.
Dies ist nun schon einen Monat her, und eine Menge hat sich verändert. Es ist noch immer unklar, wie sich die Situation nun wirklich entwickeln wird, aber man spürt deutliche Verbesserungen. Die zwei Mädchen gehen nun in die Schule und tragen weitgehend saubere Kleidung. Das neue Haus ist sehr viel organisierter (wir haben in den letzten Wochen sämtliche Kleidung der Kinder gewaschen und sortiert). Doch der deutlichste Unterschied ist am Verhalten der ganzen Familie wahrzunehmen. Sofia wirkt nicht mehr so gefangen in ihren Depressionen, die beiden Mädels kommen jedes Mal freudestrahlend auf mich zugelaufen und umarmen mich. Sogar der kleine vier-jährige Rabauke hat sich grundlegend verändert. Natürlich gibt es noch ab und zu Schwierigkeiten mit ihm, aber nun bittet er einen sogar, mit ihm zu spielen oder ihm vorzulesen, was früher undenkbar gewesen wäre. Ich glaube, er hat verstanden, dass er nicht nur durch Aggressivität Aufmerksamkeit bekommen kann.
Zwar steht der Familie noch viel Arbeit bevor, jedoch bin ich jeden Tag unfassbar dankbar, Fortschritte zu sehen. Jedes Lächeln der Kinder oder von Sofia, macht mich unbeschreiblich glücklich und vor allem die größte Tochter ist zu meinem Sonnenschein auf der Arbeit geworden. Ich hoffe sehr, dass sich die Situation sich weiterhin so positiv entwickelt und freue mich, Sofia und ihre Kinder dieses Jahr mitbegleiten zu dürfen.
Sofia ist nicht in Armut geboren. Sofias Eltern waren Ingenieure. Sofia kann Englisch sprechen und hat eine gute Schulbildung genossen. Mit 17 wurde sie schwanger, ihre Eltern unterstützten sie. Jedoch starb ihr Vater, als sie 19 Jahre alt war, und ihre Mutter zwei Wochen später. Dies riss sie in tiefe Depressionen und führte sie in die Armut. Armut ist nicht ungreifbar, sondern kann jeden von uns betreffen. Ob in Deutschland oder Costa Rica, wenn wir unsere Augen etwas öffnen, könnten wir sie dann vielleicht sogar sehen?
Ankunft in der Dorfgemeinschaft
Ein kleines Dorf, bestehend aus einigen Holzhäusern, einem kleinen Laden und einer Schule. Als wir ankommen, ist niemand zu sehen. Kein Wunder – denn es regnet. Wir halten vor dem kleinem Laden, steigen aus und werden von zwei Männern begrüßt, einer von ihnen ist der Dorfvorsteher, Juan*. Ich bin mit Mundi, meinem Kollegen, und Richard, unserem Fahrer, unterwegs. Wir betreten den kleinen Laden und begrüßen eine ältere Frau, um die 60, die typische bunt gewebte Kleidung trägt und eine junge, schwangere Frau, die ein kleines Mädchen bei sich hat. Sie ist vielleicht 2 Jahre alt. Das kleine Mädchen trägt eine kleine Tüte mit Knabberzeug bei sich und isst immer mal wieder ein Stück daraus. Als sie mich sieht, kreischt sie kurz auf, eilt in die andere Ecke des Raumes und versteckt sich. Sie hat in ihrem Leben wahrscheinlich noch nicht sehr viele Gringos (Bez. für Menschen mit weißer Haut) gesehen. Es muss für sie schon sehr komisch, sogar etwas beängstigend sein, eine junge Frau wie mich mit heller Haut, hellbraunen Haaren und blauen Augen zu sehen.
Wir betreten das Gemeinschaftshaus, ein einfaches Holzhaus mit Wellblechdach, der Boden besteht aus einfachem Erdboden. Es riecht nach altem Holz und Erde. Vorne befindet sich eine Tafel und zwei alte Pulte aus einfachem Holz, an einem von ihnen sitzt Juan*.
Workshops zum Thema Bienenzucht
Im hinteren Teil des Gebäudes werden Holzbretter gelagert. In der Mitte des Raumes sitzen schon einige Leute aus dem Dorf auf teilweise kaputten Plastikstühlen. Heute hält Mundi hier einen Taller (Workshop) über Bienenzucht. Meine Aufgabe dabei ist, Fotos vom Taller zu machen.
Während die Leute darauf warten, dass der Taller beginnt, diskutiert eine Frau laut mit Juan*. Ich verstehe nicht so viel, höre nur immer mal wieder das Wort Gringos.
Der Taller beginnt und Mundi fängt an mit einem Vergleich der Volk Israels aus der Bibel und den Inkas. Viele der Dorfbewohner bzw. deren Vorfahren kommen aus der Gegend um Cusco, einer früheren Hochburg der Inkas. Mit dem Vergleich will Mundi zum einen einen Bezug zu ihren Wurzeln herstellen, sie zum anderen auch auf ihrer Ebene abholen, denn sie sind sehr gläubig. Nachdem Mundi so eine Verbindung zu den Menschen aufgebaut hat, fängt er mit dem eigentlichen Taller an. Er macht ihnen deutlich, was für faszinierende Tiere die Bienen sind, schließlich sind sie die einzigen Tiere, durch deren Bestäubung eine Pflanze wachsen kann. Somit sind eigentlich alle Lebewesen auf die Bienen angewiesen. Denn durch ihre Arbeit schaffen sie Leben.
Außerdem erklärt er einige Dinge über die Bienenzucht an sich und welche Möglichkeiten sich dadurch für die Menschen im Dorf erschließen. Zum Beispiel, dass nur das „Gelee Royal“ eine Königin heranwachsen lässt. Deshalb ist es wesentlich wertvoller und kann für mehr Geld verkauft werden, als normaler Bienenhonig. Wenn die Dorfgemeinschaft tatsächlich mit der Bienenzucht anfangen würde, könnte sich diese als guter Nebenverdienst für die Menschen etablieren. Und es hätte auch sehr positive Auswirkungen auf die Natur und die Pflanzen im Dorf und darum herum – unter anderem auch in der Regenwaldkonzession unserer Organisation.
Die Regenwaldkonzession von Atiycuy
Die Regenwaldkonzession ist ein 18.000 Hektar großes Stück Regenwald, welches meiner Organisation Atiycuy von der Forstbehörde zur Verwaltung übertragen wurde. Atiycuy schützt und erhält dieses Stück – das Bienenprojekt wäre somit ein Gewinn für die Dorfbewohner und die Natur.
Mundi erklärt außerdem auch, dass Atiycuy neben der Entwicklung des Dorfes auch das Wohl der Konzession wichtig ist und auch, wie wir arbeiten. Z.B. auch, dass unsere Organisation niemanden unter Vertrag nehmen und zu etwas verpflichten will. So wie ich das bisher mitbekommen habe, ist das in Perú eine Seltenheit. Es gibt hier viele Organisationen, die sich als NGO ausgeben und anscheinend den Leuten helfen wollen, dafür aber im Gegenzug aber auch etwas von den Menschen fordern, denen sie „helfen“, sei es Geld oder irgendetwas anderes.
Zudem wissen die Dorfbewohner auch, dass Atiycuy die deutsche Seite, Chance e.V., hat und das macht sie umso misstrauischer. Hier in Perú und besonders auch in unserer Region haben die Menschen keine besonders guten Erfahrungen mit „Weißen“ gemacht. Die Weißen waren es, die in ihr Land eingefallen sind und es ihnen geraubt haben, die ihnen eine andere Sprache, Religion und Kultur aufgezwungen und ihnen dabei auch ihre eigene genommen haben. Nach der Unabhängigkeit Perús hörte das nicht auf, bis heute kaufen amerikanische und europäische Unternehmen Gold, Kupfer und Früchte zum Spottpreis aus Perú – und tragen somit unter Anderem dazu bei, dass hier in unserer Region Regenwald zerstört wird.
Die Angst vor den Gringos
Als Mundi über Atiycuy erzählt, meldet sich die Frau, die am Anfang schon laut mit Juan* diskutiert hat, zu Wort. Sie erklärt selbstbewusst und mit lauter Stimme, dass sie genau wissen will, was sie mit der Zusammenarbeit mit Atiycuy eingeht und für was sie unterschreibt. Sie sagt, dass Gringos Kleinbauern wie sie früher immer dazu gedrängt haben, etwas zu unterschreiben. Letztendlich war das Papier eine Erklärung, dass diese ihre Chacra (kleine Farm) in den Besitz des Gringos übertrugen. Bei all diesen schlechten Erfahrung mit Gringos erstaunt es mich überhaupt nicht, dass die Leute in diesen Dörfern sehr misstrauisch gegenüber Weißen sind. Dazu kommt noch, dass Mythen über sog. Pishtacos kursieren. Diese stammen aus der Zeit der spanischen Invasion Südamerikas. Laut diesen Erzählungen sind Pishtacos monsterartige Menschen, meist Weiße, die Einheimische töten, um am Ende deren Körperfett zu verkaufen oder zu essen. Eine sehr krasse Vorstellung…
Manche Leute in diesen Dörfern glauben das, weil sie oftmals nicht so gut aufgeklärt sind und nicht so gute Möglichkeiten haben, sich zu bilden und ihr Wissen zu erweitern. Dazu kommt noch, dass sie weit draußen in ihren Dörfern auch keinen oder nur sehr wenigen Gringos begegnen, keine persönlichen Erfahrungen mit diesen machen und ansonsten durch Erzählungen auch weitere negativen Geschichten über Gringos hören. So erhalten sich natürlich die Mythen und Vorurteile gegenüber Weißen aufrecht.
Das erinnert mich ein wenig an die Einstellung mancher Menschen in Deutschland gegenüber Flüchtlingen. Viele haben keine gute Meinung über diese, da sie viele schlechte Geschichten über sie gehört haben. Die mögen teilweise ja stimmen, nur wird dabei vergessen, dass es in jeder Menschengruppe unterschiedliche Menschen gibt, schlechte und gute. Dass nicht alle die schlechten Dinge tun, über die man so hört. Und meistens haben die Menschen, die die schlechteste Meinung über sie haben, keine oder kaum persönliche Erfahrungen mit ihnen gemacht. So etwas ist natürlich nicht gut und deshalb ist es mir umso wichtiger, den Menschen im Dorf mit großem Respekt, sehr viel Verständnis und Vorsicht zu begegnen, da ich gut verstehen kann, dass sie mit ihren Erfahrungen gegenüber Gringos und somit auch gegenüber mir skeptisch sind. Außerdem will ich ihnen zeigen, dass ich keine schlechten Absichten habe, sondern sie zusammen mit Atiycuy begleiten will. Auch über unsere Organisation gibt es Gerüchte, die weniger extrem und schlimm sind, als die Pishtaco Mythen, aber trotzdem unsere Zusammenarbeit mit dem Dorf erschweren, da sie natürlich Misstrauen schüren.
Mundi erklärt der Frau, dass Atiycuy keine Verträge mit den Menschen, denen wir helfen, abschließt. Das Einzige, wo sie ihren Namen eintragen und unterschreiben ist die Teilnehmerliste, die wir in jedem Taller rumgehen lassen. Sie dient alleine zur Dokumentation und zum Nachweis dafür, dass dieser Taller auch wirklich durchgeführt wurde. Mit seiner Erklärung und seiner Art, in der es ihm gelingt, die Sorgen der Menschen wahrzunehmen und auf diese einzugehen, schafft Mundi es auch, die Frau zu besänftigen. Es macht fast den Eindruck, als hätte er sie vom Gegenteil ihrer gerade geäußerten Meinung überzeugt.
Am Ende des Tallers äußert Mundi die Idee, dass eine Gruppe von Dorfbewohnern in einem Kombi für einen Tag nach Villa Rica ins Casa Atiycuy reisen könnte, um unsere Organisation und das Team vor Ort besser kennenzulernen. Eine Maßnahme, die den Dorfbewohnern die Möglichkeit geben soll, sich ein eigenes Bild von unserer Organisation zu machen und somit auch mehr Vertrauen zu schaffen.
Am Ende des Talleres mache ich wie immer ein Gruppenbild von allen Teilnehmern und Mundi. Mundi unterhält sich noch kurz mit Juan*. Ein junger Mann, der auch am Taller teilgenommen hat, fragt mich, ob seine Tochter mit mir ein Bild machen könnte. Ich finde das ein bisschen befremdlich, sage aber ja. Er holt seine Tochter und macht mit seinem Smartphone ein Foto von uns beiden.
Nach einem kurzen Snack in dem kleinen Laden verabschieden wir uns – immerhin müssen wir wieder knapp 4 Stunden im Auto nach Villa Rica fahren. Bei der Verabschiedung fragt mich die ältere Frau: „Gringa, wirst du wieder in unser Dorf kommen?“. Etwas verwundert aufgrund der Anrede, bejahe ich ihre Frage und sie scheint leicht erfreut darüber.
Später, als wir im Auto auf schmalen Straßen, die sich den Berg hinauf- und hinabschlängeln und durch Bäche und kleine Flüsse führen, wieder zurück fahren, erzähle ich Mundi von meinen Begegnungen mit den Dorfbewohnern nach dem Taller. Er scheint zufrieden zu sein und meint, dass diese ein gutes Zeichen sind. Die Menschen scheinen mich zu akzeptieren und langsam etwas Vertrauen zu fassen. Das freut mich wirklich sehr und ich bin sehr gespannt darauf, wie sich die Beziehung zwischen den Dorfbewohnern und mir im Laufe dieses Jahres weiter entwickeln wird.
*Name geändert
Wenn ihr mehr über meine Erfahrungen in Perú lesen wollt, dann schaut doch mal in meinem Blog vorbei!
https://yvonnewehle.wixsite.com/loslassen-wachsen
Eure Yvonne
300 Kinder und 60 Mitarbeiter – das hört sich nach viel an. Aber in Wahrheit ist das Centro Educacion Especial Turrialba eine große Familie und man lernt ganz schnell alle kennen. Von der Chefin Doña Xinia über Professoren und Helfer, Köchinnen und Putzpersonal bis hin zu Don Giovanni, dem Türsteher grüßen sich alle täglich und fragen nach dem Wohlbefinden. Mehrmals am Tag trinken die Angestellten Kaffee zusammen und man kann sich dazusetzen, immer gibt es was zu reden – sei es das Wetter, die Unterschiede zwischen Costa Rica und Deutschland oder warum in Costa Rica alle schon Mitte November die Weihnachtsdekorationen rausholen. Auch im CEET wird nämlich schon fleißig dekoriert.
Auch mit den Professoren kann man sich super unterhalten – jeder erklärt gerne seine Arbeit und die ganzen Unterschiede zu den regulären Schulen in Costa Rica. Im CEET wird zum Beispiel keine Anwesenheit gezählt, und Noten gibt es auch nicht. In fast allen Schulen in Costa Rica kommt in den letzten Wochen keiner mehr, alle haben ihre Noten und bleiben deshalb zuhause. Im CEET, auf freiwilliger Basis, kommen die meisten Schüler bis zum letzten Tag. Das mag daran liegen, dass die Schüler hier mehr machen als nur Zahlen und Buchstaben lernen – im Colegio dürfen sich die 18- bis 22-jährigen praktisch austoben, und sich Fähigkeiten aneignen, mit denen sie später ihre Familie finanziell unterstützen können. Eine Gruppe zum Beispiel baut Salat an, eine Gruppe stellt Armbänder und anderen Schmuck her, eine andere arbeitet mit Holz und verarbeitet es zu verschiedenen Gegenständen. Einmal im Monat stehen dann Salat, Schmuck und Holzkisten oder ähnliche Sachen zum Verkauf.
Zwei der Professoren versuchen auch, ein bisschen Deutsch zu lernen, und zwar mit zwei sehr verschiedenen Ansätzen. Oskar, einer der Sportlehrer, versucht jeden Tag einen weiteren Satz einer Konversation zu lernen “Guten Morgen”, “Wie geht’s?”, “Gut, und dir?”, “Wie hast du geschlafen?” , und so weiter und so fort. Wir schreiben ihm auch immer alles schön auf, er schreibt die Aussprache darunter und dann wird jeden Tag “abgefragt”. David, ein Lehrer im Colegio, der mit den ungefähr 15- bis 18-jährigen arbeitet, kommt auf einen von uns zu, hält seine Hand vor unser Gesicht und sagt “Piña”. Dann erwartet er die deutsche Übersetzung “Ananas” und das nächste mal, wenn man ihn sieht, hält er einem wieder die Hand vor das Gesicht und sagt “Ananas”. So geht das mit ein paar Wörtern, aber Ananas ist definitiv sein Favorit. David ist wie ein Onkel für uns beide, unglaublich lustig und wir haben ihn jetzt schon sehr lieb – mit ihm kann man keine schlechte Laune haben.
Ein typischer Arbeitstag beginnt für uns um 7 Uhr. Der öffentliche Bus “Santa Rosa” hält direkt vor der Schule, Don Giovanni öffnet uns das Tor und fragt wie fast jeden Tag, ob wir denn schon das Guayabo Nationalmonument besucht haben, er hat da nämlich eine Finca, ein Landhaus, in der Nähe. Je nachdem, in welcher Gruppe wir gerade arbeiten (wir dürfen nämlich ganz frei Gruppen wechseln, um alle Bereiche der Schule kennenzulernen) beginnt der Tag fast immer gleich: Zuerst wird klargestellt, welches Datum und welchen Wochentag man hat, wie das Wetter ist und was heute auf dem Plan steht. Das geht von Sport-, Spanisch- und Musikunterricht bis Sprachtherapie. Durch die freie Gruppenwahl haben wir Freiwillige im Projekt viele verschiedene Möglichkeiten, mitzuhelfen. Im Kindergarten die Kleinen hüten und gleichzeitig durch die unzähligen Kinderlieder unseren Spanischwortschatz erweitern, in den “Talleres” im Colegio Tische bemalen, ein Bingo zu organisieren, im Garten neue Salatdünger kennenlernen, in der Küche typisch costa-ricanische Gerichte zubereiten, oder aber auch mit den Grundschülern den ganzen Tag Weihnachtsdeko zu basteln, von der es schließlich nie genug geben kann. Gegen 8:30 gibt es “Merienda”, die erste Pause – hier wird etwas kleines gegessen und Saft oder Milch getrunken. Dann geht der Unterricht weiter bis zum Mittagessen zwischen 11:30 und 12:00 Uhr, wo uns die tägliche Dosis Reis und Bohnen erwarten – dazu gibt es Fleisch, Salat und Als Getränk Wasser. Zum Nachtisch gibt es Früchte. Oft werden die Bohnen auch durch Gemüse ersetzt, ab und zu gibt es Suppe. Danach wird weiter gearbeitet, es gibt eine zweite Merienda und dann gehen die Schüler langsam. Manche treten schon um 13:00 oder 14:20 Uhr den Weg nach Hause an, manche erst um 15:30, so wie wir Freiwilligen.
An bestimmten Tagen, wie zum Beispiel in der “Semana de Educacion Especial”, im Monat September und zum Weihnachtsanfang, gibt es “Acto civicos” – die ganze Schule kommt zusammen, die Direktorin hält eine Rede und die Schüler präsentieren Tänze und Choreographien, die sie wochenlang geübt haben. Zusätzlich wird die Schule passend zum Thema dekoriert und die Schüler kommen in Kostümen zur Schule, meist nur für die 1-2 Stunden, die die Aktivitäten andauern.
An diesen Tagen, wenn dei ganze Familie des CEET zusammen kommt, ist das Gemeinschaftsgefühl besonders groß. Alle sind stolz auf das, was sie zusammen auf die Beine gestellt haben, stolz auf die Kinder und auf die Jugendlichen, stolz auf ihre Institution und atolz auf das, wofür sie steht. Por una Costa Rica más equitativa – Für ein Costa Rica mit mehr Gleichberechtigung.
Seit fast vier Monaten lebe ich jetzt hier in diesem kleinen Städtchen mit den staubigen Sandstraßen und den kleinen halbverfallenen Häusern, zwischen denen auf Kopfhöhe Stromkabel hängen und Hunde vor kleinen Gemüse- und „Krimskrams“- Läden schlummern. Fast vier Monate… Mir kommt es gleichzeitig vor als würde ich wenige Wochen oder aber bereits ein Jahr hier leben und jede Woche über holprige Straßen in die indigenen Gemeinden (Comunidades) fahren, um dort mit den Yaneshagemeinschaften zu arbeiten, in Villa Rica Klimamärsche oder ein interkulturelles Camp mit allen Kindern des Kinderpatenprogramms, aus den Comunidades und aus Villa Rica, organisieren, oder an einem Seminar zur Erarbeitung einer Yaneshaverfassung teilnehmen. Wir vier Freiwilligen, Lisa, Yuki, Yvonne und Ich wurden auf die vier Teilbereiche unseres Projektes verteilt, um schwerpunktmäßig in verschiedenen Bereichen, die aber in einander greifen, zu arbeiten. So ist Yvonne Teil des Programms „COBIO“, dem Programm, das sich dem Schutz des Atiycuy- Naturschutzgebietes widmet, Yuki dagegen arbeitet mit Mundi in der Begleitung der Yaneshagemeinschaften in ihrem Organisationsprozess (dazu gehört unter anderem auch das Entwerfen einer Verfassung oder verschiedene Workshops zu indigenen Rechten) und Lisa arbeitet im Umweltbildungsprogramm, das zum Beispiel Workshops mit den Jugendlichen aus Villa Rica oder mit den Kindern aus den indigenen Gemeinschaften zu einheimischer Flora und Fauna oder zum Naturschutz veranstaltet.
Ich dagegen unterstütze Angelika und Henry im Kinderpatenprogramm, wo wir sowohl mit den Kindern aus Villa Rica, als auch aus den indigenen Gemeinschaften („Comunidades“) arbeiten. Mit den Kindern machen wir verschiedenste Übungen zur Förderung ihrer persönlichen Entwicklung, und zumindest in den Comunidades auch zur Stärkung ihrer kulturellen Identität. So wie letzte Woche, als wir zum Beispiel Yaneshamuster malten, oder die Kinder zum Jahresabschluss traditionelle Tänze aufführten, die sie in der Schule gelernt haben. Ich liebe es nach den Workshops mit den Kindern im Fluss zu schwimmen oder ihnen ein paar Worte Englisch bei zu bringen, nach denen sie mich mit unglaublicher Neugier fragen, fast so sehr wie das Strahlen in ihren Augen zu sehen, wenn sie auf Yanesha ein Lied vorsingen, oder mir versuchen bei zu bringen, wie man Carachamas (Panzerwelse) im kristallklaren Fluss fängt.Beinahe vier Monate leben und arbeiten wir jetzt hier, und langsam habe ich das Gefühl, das dieses Städtchen zwischen Kaffeplantagen und Bergregenwäldern fast zu einem zweiten Zuhause für mich geworden ist.Und dennoch gibt es immer wieder diese kurzen Momente, in denen ich auf einmal bemerke, wie anders doch alles ist. Ich gehe durch die staubigen Sträßchen, vorbei an ausgemergelten Straßenhunden, die vor kleinen Holzschuppen schlafen, vorbei an klappernden Mototaxis und mit Lautsprechern durch die Stadt fahrenden Churrosverkäufern. Am Straßenrand sitzen einige alte Damen in ausgeblichener andiner Tracht, vor ihnen mehrere Töpfe aus denen sie „Masamora“ und Milchreis schöpfen, um irgendwie etwas Geld zu verdienen.
Eine alte Frau spricht mich an, bettelt um ein paar Soles und ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Ich biege ab. Plötzlich bin ich in einer kleinen Seitenstraße. Kinder in löchrigen, dünnen Kleidern spielen im Staub zwischen den kleinen Hütten. Ein paar von Ihnen kenne ich aus den Mittwochsworkshops. Was diese Kinder alles erleben mussten. Der Vater im Gefängnis, weil er die große Schwester vergewaltigt hat, die Mutter krank, kann nicht arbeiten. Eine Großmutter, die ihr Essen den Kleinen gibt, weil das Geld nicht reicht, um Reis zu kaufen. Die Eltern Tagelöhner auf den Feldern. Kinder, die Obst bei den Nachbarn klauen, sich mit Waschmittel waschen, weil das Shampoo zu teuer ist. Wir können uns nicht vorstellen, wie es ist so zu leben. Abends mit knurrenden Mägen ins Bett zu gehen, von anderen diskriminiert zu werden, weil man alte Klamotten trägt oder sich Schulmaterialien nicht leisten kann. Wir können es uns nicht vorstellen und zu oft verschließen wir die Augen, aus Hilflosigkeit, aus Ignoranz, aus Egoismus. Ich weiß es nicht. Ich selbst merke, wie schwer es mir fällt mich in ihre Lage zu versetzen, zu handeln und nicht wie so oft weg zu sehen, die Augen zu verschließen, vor dem Leid der Anderen. Es ist 5.30 und wir fahren in eine der Comunidades. Auf dem Weg dorthin fällt mir immer wieder auf, wie viel Müll hier am Straßenrand liegt. Was für ein Kontrast zu der Lebensweise der Yanesha, die traditionell zusammen mit und in der Natur leben. Nach einer Stunde Wanderung kommen wir komplett verschwitzt in diesem kleinen Dorf an, und ich fühle mich für einen Augenblick wie in der Zeit zurückversetzt, wie in einer anderen Welt. Genauso wie ich mich fühlte, als die Yanesha an ihrem Jubiläum um das Lagerfeuer tanzten begleitet von Panflötenmusik und traditionellen Gesängen oder, wenn die Kinder einem am Fluss versuchen beizubringen, wie man mit den Händen Carachamas (Panzerwelse) fängt. Doch diese Momente sind nur noch Ausnahmen, selbst in den sehr besonderen Gemeinschaften, mit denen wir arbeiten, die im Gegensatz zu vielen ihre Kultur noch nicht aufgegeben haben. Doch auch hier verlieren die Leute immer mehr ihre Traditionen, ihre Sprache, ihre Kultur, die bald auszusterben droht. Mein Blick streift über die kleinen Hütten mit Palm- oder Wellblechdächern, zwischen denen Hühner im Staub scharren und Kinder von den Bäumen Früchte pflücken. Ein kleines Mädchen, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, kommt auf mich zu. Auf ihrem Arm trägt sie ihren gerade mal zwei Jahre alten Bruder. Die Eltern sind Kleinbauern oder arbeiten im nächsten Dorf, um ein paar Soles zu verdienen, während ihre kleinen Kinder zuhause bleiben, um auf ihre kleinen Geschwister aufzupassen. Wie kümmert sich ein sechs jähriges Kind um seinen zwei jährigen Bruder, wenn es doch zur Schule gehen soll? Was passiert mit einer Familie, wenn die alleinerziehende Mutter plötzlich nicht mehr als Tagelöhnerin auf der Plantage arbeiten kann, kein Geld mehr verdient, um Lebensmittel oder Medikamente zu kaufen? Viele Familien ziehen in die Städte, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, irgendwann. Sie leben in der Stadt, um dort Arbeit zu finden, oder, damit ihre Kinder studieren können, doch mit dem Umzug in die Stadt verlieren viele ihre Kultur. Sie kommen nach Lima, Huancayo oder Villa Rica und werden statt mit offenen Armen mit Beleidigungen begrüßt. Sie wären „chunchos“ (das heißt so viel wie „Wilde“), könnten nichts, wären niemand. Kinder, die in Kushmas (die traditionellen Gewänder der Yanesha) zur Schule kommen, werden als Hexe bezeichnet, ausgelacht, ausgegrenzt. Kein Wunder, dass viele Familien ihre Kultur nicht mehr weitergeben.Hier in Villa Rica liegt die Kolonialisierung nicht lange zurück. Die Dorfältesten haben noch miterlebt, wie die deutschen Siedler kamen, um ihnen alles zu nehmen. Doch bis heute sind sie Opfer von Diskriminierung, der Ausbeutung, dem Landraub. Was früher Kautschuk war ist heute Erdöl, das mit großen Tanklasterkarawanen aus dem Regenwald transportiert wird.
Schaut man sich die Situation der Menschen hier an, wird klar warum die Arbeit so vielseitig ist. Es muss nicht nur mit den Kindern gearbeitet, sondern auch mit Behörden verhandelt werden, die Yaneshagemeinschaften müssen aufgeklärt, organisiert und unterstützt werden, um illegalen Landraub zu verhindern, und den Regenwald vor dem Absterben zu bewahren. 3500 Jahre. So lange hat die faszinierende Kultur der Yanesha überlebt, doch wer weiß wie lange es sie noch geben wird. Ich beobachte die Kinder, wie sie ihre Geschwister über die Felder tragen. Denke an die Familien, mit denen wir hier arbeiten, an Familien, die abends kein Essen auf den Tisch bringen können, während wir in Deutschland massenweise Lebensmittel wegwerfen. Wie kann es sein, dass Menschen noch immer aufgrund ihrer ethnischen Herkunft diskriminiert werden, im Krankenhaus heimgeschickt werden, ihre Kultur verleugnen, nur weil sie anders sind? Wie kann es sein, dass Gemeinschaften ihr Land geraubt wird, um Öl aus dem Boden zu holen, Holz zu schlagen oder Ananasfelder zu schaffen, ohne nur einmal die Betroffenen zu fragen? Was ist unsere Rolle in all diesen Dingen? Sind es nicht auch wir, die billige Früchte wollen, die immer mehr Erdöl fordern, um unser Leben im Luxus zu ermöglichen? Viel zu oft verzetteln wir uns in den Problemen unserer kleinen Alltagswelt, unseres Staates, unseres eigenen kleinen Tellerrandes, ohne auch nur ansatzweise zu schätzen zu wissen, wie gut wir es eigentlich haben. Dankbar zu sein, dafür in einem Staat zu leben, ohne Politiker, die reihenweise hinter Gittern sitzen, wegen Korruptionsvorwürfen. Dankbar zu sein, dass wir eine Krankenversicherung haben, durch die wir im Notfall eine ärztliche Behandlung erhalten können, und nicht aus Geldmangel in Lebensgefahr schweben. Dankbar zu sein, für die Möglichkeit entscheiden zu können, was wir essen, sogar so sehr im Überfluss zu leben, dass reihenweise Lebensmittel in der Tonne landen. Haben diese drei Monate meine Sicht auf die Welt geändert? Mich zu einem anderen Menschen gemacht? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht sind es diese Augenblicke, die einen für einen kleinen Moment die Welt durch andere Augen sehen lassen, die uns ermöglichen eine andere Perspektive einzunehmen. Eindrücke, die Fragen aufwerfen, Zweifel, an der Art wie wir leben, was wir tun, oder eben gerade nicht tun. Augenblicke und Erfahrungen, die uns begleiten werden, uns bewusster werden lassen, und hoffentlich auch langfristig unser Handeln beeinflussen. Denn wir leben eben nicht in anderen Welten, so unterschiedlich die Kultur, das Zusammenleben, die Lebenssituation auch sein mag, sondern teilen einen Planeten, eine Welt.