Krisenzeit

Seit jetzt fast zwei Wochen bin auch ich wieder in Deutschland und arbeite nun von hier aus weiter für Atiycuy, meine Organisation in Peru. Auch meine Pläne wurden durch Corona ziemlich "über den Haufen geworfen", doch wer hätte zu Beginn dieses Jahres schon damit gerechnet, wie schnell die Welt, wie wir sie kennen, aus den Fugen geraten kann?


Peru in der Krise

Covid-19, ein Virus, der wohl gerade mehr als alles andere all unsere Pläne durchkreuzt, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, mit noch immer steigenden Fallzahlen. So auch in Peru. Bereits nach den ersten Fällen in Lima hielt der peruanische Präsident eine Ansprache an das Volk, rief innerhalb kürzester Zeit den nationalen Notstand aus, schloss die Grenzen und verhängte eine landesweite Quarantäne. Seit Mitte März steht der Alltag still. Lediglich für die nötigsten Einkäufe darf zwischen 7 und 12 Uhr das Haus verlassen werden. Wer nach 6 Uhr abends das Haus verlässt, läuft Gefahr vom Militär verhaftet zu werden. Seit wenigen Wochen dürfen Peruaner und Peruanerinnen nur noch nach Wochentagen getrennt auf die Straße, es herrscht Mundschutzpflicht und wer von einer Stadt in die Nächste fahren will, kommt ohne einen Passierschein und gelegentliche komplett-Desinfektion des Fahrzeugs nicht weit. Auf den ersten Blick wirken diese Maßnahmen extrem, doch Peru steht mit momentan fast 13.500 bestätigten Fällen (RKI, Stand 18.04.2020) noch am Anfang. Diese strikten Maßnahmen gelten nicht ohne Grund, denn ein Virus, das bereits europäische Gesundheitssysteme an seine Grenzen bringt, ist für die Gesundheitsversorgung Perus, vor allem in ländlichen Regionen schwer zu tragen.

Was ich damit meine ist nicht, dass das europäische Gesundheitssystem perfekt ist, auch hier gibt es Schwierigkeiten, Schwachstellen, die uns diese Pandemie gerade aufzeigt. Auch hier werden Fachkräfte nicht angemessen bezahlt, ja zum Teil nicht einmal ausreichend geschützt, doch zumindest hat so gut wie jeder hier die Möglichkeit eine ärztliche Behandlung zu erhalten. In vielen Teilen der Welt ist diese Möglichkeit nicht gegeben. In Villa Rica kämpfen ein paar wenige Ärzte mit kaum ausreichenden Mitteln gegen die Pandemie. Die mehrere Stunden vom Krankenhaus entfernt liegenden indigenen Gemeinschaften haben praktisch keinen Zugang zu einer zeitnahen ärztlichen Versorgung. Was passiert, wenn sich Krankheitsfälle in dieser Region häufen? Gerade in den Provinzen sind Länder wie Peru nicht auf diese Fälle vorbereitet. Der Staat kümmert sich kaum um die so weit abgelegenen Dorfgemeinschaften, die ohne engagierte Ärzte, wie einer der Ärzte in Villa Rica, so gut wie auf sich allein gestellt wären.


Pandemie verschärft die Armut in den Dörfern


Doch was mindestens genauso kritisch ist, wie das Virus selbst, sind die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der, nun bereits über einen Monat andauernden, nationalen Quarantäne. Ich erinnere mich noch, wie bereits am ersten Tag der Quarantäne ein Bekannter mit Tränen in den Augen fragte, wie er denn jetzt Geld verdienen solle, wo es doch offiziell verboten ist zur Arbeit zu gehen. Sowohl in Villa Rica, in den Dörfern um das Naturschutzgebiet, als auch in den indigenen Gemeinschaften leben viele Familien von den paar Soles, die sie sich als Tagelöhner auf den Kaffeefeldern verdienen. Wie sollen sie ihre Familien über Wasser halten, wenn diese Arbeit verboten wird? Bereits jetzt machen sich die Auswirkungen der Quarantäne bemerkbar. Wie lange kann die Bevölkerung noch durchhalten, ohne sich und ihre Familien in Gefahr zu bringen?

Vor zwei Wochen kam der Chef von Machca Bocaz, einer der indigenen Gemeinschaften, mit der wir erst seit kurzem zusammenarbeiten, der "Mashin Wilmer" zu Eli. Sein Gesicht zierten tiefe Sorgenfalten, obwohl er noch ein junger Mann ist, der erst vor kurzem zum Chef gewählt wurde. Er erzählte ihr, wie schwierig die Situation in den Hochlandgemeinschaften jetzt ist: Die Flüsse sind immer noch überlaufen, durch die starken Regenfälle der letzten Monate, und es gibt keinen Fisch. Die intensiven Regenfälle verhindern die Jagd, die sie genauso wie den Fisch brauchen, um ihre Familien ernähren zu können. Doch nicht nur das, durch die Ausgangssperre kann außerdem niemand in der Vorerntezeit des Kaffees arbeiten, weshalb selbst die paar Soles, die sie auf den Kaffeefeldern verdienen, ausbleiben.

Vor ein paar Tagen habe ich mit Eli gesprochen. Ich habe sie oft gestresst erlebt, doch die Tränen in ihren Augen, als sie von den Familien sprach, die noch nicht in das Patenprogramm aufgenommen werden konnten, die sie kaum mit den Mitteln Atiycuys versorgen kann, berührten auch mich sehr, denn auch mir sind diese Familien ans Herz gewachsen. Umso wichtiger ist es, dass Atiycuy trotz allem nicht aufgibt und bereits Grundnahrungsmittel besorgt, um diese so bald wie möglich an die Familien zu verteilen. Das ANNA-Programm (das Kinderpatenprogramm) ist dafür unerlässlich, denn durch das Programm zeigen wir, dass unsere Brüder nicht allein sind, dass es eine Perspektive und Hoffnung gibt, dass wir die notwendigen Informationen, Nahrungsmittel und Hygieneprodukte bereitstellen können, damit sie in den Gemeinden und Dörfern nicht leiden. Leider gibt es vor allem in Pichanaz, Gerónimo und in den Dörfern San Juan de Miraflores, Alto Gran Playa und Pampa de Oso eine Gruppe von Familien, die nicht über den Schutzschild des Kinderpatenprogrammes verfügen, die durch die Krise mehr denn je vor tiefgreifende finanzielle, existenzielle Probleme gestellt werden.


Bevölkerung vor Ort ist auf Hilfe angewiesen


„Jetzt tun wir alles, was wir können, aber wir verfügen nicht über die notwendigen Mittel! Es ist unverzichtbar, dass auch (die restlichen Familien) in das Patenprogramm aufgenommen werden, da uns ansonsten die Hände gebunden sind“, so meine Chefin Eli in einer Email, in der sie uns um Hilfe bat. Wir wissen nicht, wie lange die Krise andauern wird, doch es ist klar, dass sie besonders die treffen wird, die schon zuvor unter den folgen Jahrzehnte langer systematischer Diskriminierung und zum Teil daraus resultierender Armut litten. Wir wissen nicht, was kommen wird, nirgendwo auf der Welt. Doch gerade jetzt dürfen wir nicht aufgeben für das Gute zu kämpfen. Für mehr Gerechtigkeit, mehr Würde, gerade jetzt müssen wir, so schwer es manchmal fällt, auch über unseren eigenen Tellerrand blicken, unsere Welt als eine Welt erkennen. Denn am Ende sind wir alle Menschen, alle gleichwertig, alle Brüder und Schwestern.

„Die Menschen müssen wissen und sehen, dass sie nicht allein sind. Sie brauchen eine Perspektive für ihr Leben, über die Pandemie hinaus. Wir wissen zwar, dass wir nicht jedem in unserer Region helfen können, aber wie die deutsche Regierung wollen wir einen Schutzschirm zumindest auf alle gefährdeten Bevölkerungsgruppen ausdehnen, mit denen wir zusammenarbeiten Sie brauchen jetzt Lebensmittel, um ihre Familien zu versorgen, sie brauchen uns! Und sie brauchen uns jetzt mehr denn je.“ - Eli über die momentane Lage in Peru

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