Pfade ab von der Hauptstraße

Eigentlich probiere ich oft, dass die Blogeinträge nicht zu lang werden, damit man sie bei einer Tasse Kaffee auf jeden Fall schafft zu lesen. Jedoch wird dieser Eintrag etwas anders werden, weil ich über etwas schreibe, was mich schon die gesamte Zeit hier in Costa Rica begleitet und mich sehr berührt.

Es geht um eine Frau aus Transforma (meinem Projekt), die ich aus Datenschutzgründen einfach mal Sofia nenne. Sofia ist 29 Jahre alt, alleinerziehend und hat vier Kinder. Eine 10- und eine 7-jährige Tochter, einen 4-jährigen Sohn und ein 1 Jahr altes Baby. Sie sind seit ca. 4 Monaten in Transforma. Zu Beginn wusste ich nicht viel über diese Familie, nur dass es immer in einer Katastrophe endete, wenn Sofia mit ihren Kindern kam, denn vor allem bei dem kleinen Sohn, wusste keiner, wie man mit ihm umgehen sollte. Er schlug die Kinder, spuckte, verhielt sich generell aggressiv und gleichzeitig unfassbar intelligent für ein vier Jahre altes Kind. Auch das Baby schrie viel, war unruhig und nicht grade pflegeleicht. Die älteren Töchter erzählten, dass sie zu Hause nichts wirklich zu Essen hätten, was die Unmengen an Essen, die sie in Transforma aßen, erklärte.


Als ich ca. 3 Wochen im Projekt war, hieß es, dass Sofia wohl umziehen sollte. Also fuhren Katharina und ich mit unserer Chefin und ihrem Mann in das Armenviertel, wo Sofia lebte. Es war das erste Mal, dass ich in einem Armenviertel war und ich wusste nicht wirklich was mich erwartet. Dennoch war ich unglaublich dankbar für diese Chance eine „andere Welt“ zu sehen, denn ich wollte unbedingt wissen, wo die Frauen, die täglich ins Projekt kommen, leben. Wir fuhren zunächst zu dem neuen Haus von Sofia, dass sich zwar auch in einem Armenviertel befand, aber deutlich sicherer sein sollte. Aus dem Fenster schauend sah ich unzählige zottelige Straßenhunde, spielende Kinder, Nachbarn, die redend und lachend vor den Häusern standen. Nach ein paar Minuten parkten wir dann das Auto und klingelten an einer Tür, die scheinbar zu Sofias neuem Haus gehörte. Obwohl es neun Uhr morgens und unter der Woche war, öffnete Sofia uns verschlafen die Tür und vier kleine Kinder lugten hinter ihrem Rücken hervor. Sie waren geweckt worden von der Klingel. Dass die beiden Mädchen in der Schule sein müssten und der kleine Junge im Kindergarten, war allen Beteiligten klar.


Wir traten ins Haus ein, dass aus drei Räumen bestand. Ein Kinderzimmer, ein Badezimmer und ein etwas größerer Raum, der gleichzeitig Wohnzimmer, Küche, Esszimmer und ein kleinen Schlafbereich für die Mutter und das Baby darstellte. Das Haus hatte richtige Wände und einen Fußboden, was ein wesentlicher Fortschritt zum alten Haus war. Dennoch sah man eine Schimmelschicht, die sämtliche Türen überzog und auch die Möbel hatten definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Was mich jedoch am meisten beunruhigte, war Sofias Zustand. Sie wirkte abgekämpft, überfordert und vielleicht sogar teilweise gleichgültig (dazu muss man erklären, dass sie Probleme mit Depressionen hat und es schon Schwierigkeiten in der Vergangenheit gab, da sie sich aufgrund dieser Krankheit nicht mehr um die Kinder gekümmert hat).



Nach einem kurzen Gespräch mit Sofia, fuhren wir mit ihr zu ihrem alten Haus, das in einem anderen Armenviertel liegt. Dies heißt Sinaí und sehr viele Frauen aus Transforma kommen aus diesem Armenviertel, das nur 200 Meter von unserem Arbeitsplatz entfernt liegt. Als wir durch die Straßen von Sinaí liefen, war ich zugegebenermaßen verblüfft, denn so hatte ich mir das Armenviertel nicht vorgestellt: Es schienen auf den ersten Blick normale costa-ricanische Häuser zu sein, Menschen verkauften, wie überall, Essen auf der Straße, dass sie grade auf dem Grill daneben zubereiteten. Jedoch wurde mir schnell klar, dass der Schein trog. Denn von der Hauptstraße führten unzählige kleine Wege ab, die zu Wellblech-„Häusern“ führten. Diese Blechhütten sind oft nicht mehr als ein Zimmer für eine Großfamilie. Das heißt, dass auf 4 Quadratmetern schon einmal gut 9 Leute leben können, die dafür auch noch viel Geld bezahlen. Denn das Armenviertel befindet sich nahe San Josés, wo man am ehesten Arbeit finden kann, und deswegen ist es sehr begehrt.


Wir gingen also einen dieser Pfade hinunter, der sich durch den Regen in Schlamm verwandelt hatte. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie es war, dort täglich mit vier kleinen Kindern runter zu stolpern. Am Ende des Pfades angekommen, erreichten wir Sofias Haus und was uns dort erwartete, war unbeschreiblich. Es herrschte ein Riesenchaos: Überall lagen Essensreste, dreckige Klamotten, tausende Kakerlaken kreuzten deine Wege und eine Maus hauste im Badezimmer. Sofia hatte hier nur einen Monat gewohnt, wie war dies geschehen? Für viele Fragen blieb jedoch keine Zeit, denn es war notwendig, dass wir es an einem Tag schafften, das ganze Haus auszuräumen. Denn wenn der Vermieter dieses Chaos sehen sollte, wären Sofias Kinder am nächsten Tag im Waisenhaus. Jedoch befanden wir uns auch im Zwiespalt, denn sollten die Kinder in so einem Umfeld aufwachsen?


Die Zweifel beiseitegeschoben, begannen wir mit der Arbeit. Wir schmissen sehr viele Sachen weg, die nicht mehr zu gebrauchen waren und unmöglich alle in das neue Haus mitkonnten. Es schien so, als ob Sofia nie Wäsche gewaschen hätte, sondern einfach den Kindern immer neue Kleidung angezogen hätte, die sie durch Spenden bekommen hat. Das ist oft ein Zeichen von Armut, dass Anhäufen von Dingen. Denn die Menschen sammeln Unmengen von allem Möglichen an, damit sie sich nicht arm fühlen, da sie ja dann etwas haben, womit sie sich schützen können. Dies zeigt, dass es nichts bringt, einfach Ressourcen an in Armut lebende Menschen zu geben, um Armut zu bekämpfen. Viel entscheidender ist es, Fähigkeiten (wie beispielsweise, dass Organisieren des Haushaltes) beizubringen um nachhaltig einen Unterschied zu bewirken (über das Thema Armut werde ich wahrscheinlich auch nochmal irgendwann ein paar Gedanken aufschreiben).


Es wurde schon dunkel, als wir endlich fertig waren und nach Hause fuhren. Sehr müde fielen wir ins Bett, gleichzeitig aber auch gespannt, was sich wohl für Änderungen in den nächsten Wochen zeigen würden. Denn diese waren nun wichtig, denn der „Kinderservice“ von der Regierung war aufmerksam auf Sofias Situation geworden und die Gefahr, dass die Kinder von Sofia getrennt werden könnten, war allgegenwärtig.



Dies ist nun schon einen Monat her, und eine Menge hat sich verändert. Es ist noch immer unklar, wie sich die Situation nun wirklich entwickeln wird, aber man spürt deutliche Verbesserungen. Die zwei Mädchen gehen nun in die Schule und tragen weitgehend saubere Kleidung. Das neue Haus ist sehr viel organisierter (wir haben in den letzten Wochen sämtliche Kleidung der Kinder gewaschen und sortiert). Doch der deutlichste Unterschied ist am Verhalten der ganzen Familie wahrzunehmen. Sofia wirkt nicht mehr so gefangen in ihren Depressionen, die beiden Mädels kommen jedes Mal freudestrahlend auf mich zugelaufen und umarmen mich. Sogar der kleine vier-jährige Rabauke hat sich grundlegend verändert. Natürlich gibt es noch ab und zu Schwierigkeiten mit ihm, aber nun bittet er einen sogar, mit ihm zu spielen oder ihm vorzulesen, was früher undenkbar gewesen wäre. Ich glaube, er hat verstanden, dass er nicht nur durch Aggressivität Aufmerksamkeit bekommen kann.


Zwar steht der Familie noch viel Arbeit bevor, jedoch bin ich jeden Tag unfassbar dankbar, Fortschritte zu sehen. Jedes Lächeln der Kinder oder von Sofia, macht mich unbeschreiblich glücklich und vor allem die größte Tochter ist zu meinem Sonnenschein auf der Arbeit geworden. Ich hoffe sehr, dass sich die Situation sich weiterhin so positiv entwickelt und freue mich, Sofia und ihre Kinder dieses Jahr mitbegleiten zu dürfen.


Sofia ist nicht in Armut geboren. Sofias Eltern waren Ingenieure. Sofia kann Englisch sprechen und hat eine gute Schulbildung genossen. Mit 17 wurde sie schwanger, ihre Eltern unterstützten sie. Jedoch starb ihr Vater, als sie 19 Jahre alt war, und ihre Mutter zwei Wochen später. Dies riss sie in tiefe Depressionen und führte sie in die Armut. Armut ist nicht ungreifbar, sondern kann jeden von uns betreffen. Ob in Deutschland oder Costa Rica, wenn wir unsere Augen etwas öffnen, könnten wir sie dann vielleicht sogar sehen?

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