Die blaue Welle

Als ich neulich nachts in der Berliner S-Bahn saß, um nach Hause zu fahren, durfte ich ein Gespräch zwischen drei Personen um die 40 mithören. Alle drei gut angetrunken erzählten zotige Geschichten über ihre Vorgesetzten bzw. Mitarbeiter im Jobcenter. Immer wieder fielen abstoßende Aussagen wie „Zigeunerschlampe“ oder „…noch ein Wort und ich steck‘ die nach Auschwitz, wo sie hingehört.“ Alle drei waren betrunken, aber sichtlich vertraut mit den Begriffen, die sie um sich warfen.

Als ich aussteigen wollte, musste ich an der Gruppe vorbei und unterbrach ihr Gespräch. „Was sie da von sich geben, ist einfach widerlich.“

Der Zug hielt und ich konnte schnell aussteigen. Was blieb war Entsetzen.

Es ist 2019 und solche Aussagen kommen manchen Menschen wieder leicht über die Lippen. Ist es Dummheit? Ist es Ignoranz? Oder die seltsame Annahme, einer Herrenrasse anzugehören, die das natürliche Recht hat, sich über alle anderen Menschen zu stellen?

Ich bin mir nicht sicher, aber die Begegnung hinterließ einen bitteren Beigeschmack. Wenige Tage später bin ich im Stadtzentrum Berlins unterwegs zu einem Termin. Mitten im Treiben läuft eine Gruppe Halbstarker an mir vorbei. Einer brüllt: „Sieg!“ und die anderen „Heil!“. Sie lachen und finden sich super, weil sie etwas tun, was man „nicht tun sollte!“.

Mein Weg kreuzt ihren und ich sage ihnen, dass ich mit den Aussagen vorsichtig wäre – Volkverhetzung. „Tschuldigung..“, stammelt ein blasser Braunhaariger mit einem „The Ramones“ Shirt, „wir kommen nicht aus Berlin!“ Ich bin mir sicher, dass ich keine überzeugten Nationalsozialisten vor mir hatte, sondern eine Horde Jungs, die auf Klassenfahrt war und sich besonders cool fühlen wollte.

Aber warum ist das „cool“? Was finden 15jährige daran „Sieg Heil!“ am Potsdamer Platz in Berlin zu brüllen? Liegt der Schrecken der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts so weit zurück, dass er seine Fangarme nicht mehr um sie packen kann? Zwischen ihrer Generation und der Generation meiner Großmutter, die den Schmerz dieser Zeit mit ins Grab genommen hat, liegen 70 Jahre. Ein Menschenleben. Sind wir Menschen so unfähig zu lernen und uns zu erinnern? Müssen wir den Schmerz selbst erlebt und uns selbst zugefügt haben, um zu verstehen, dass Hass niemals die Antwort ist?

2018 gab es über tausend gemeldete antisemitistische Übergriffe in Berlin. Das sind 14 % mehr als im Vorjahr. Alarmierende Zahlen. Eine Partei, die strahlend blau haushoch Wählerstimmen im Osten Deutschlands sammelt und selbstbewusst und intellektuell daherkommt, zerhackt die deutsche Erinnerungskultur und baut ihre eigene schräge Wahrnehmung als Realität auf.

Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge verschwimmen. Und wir haben als Gesellschaft schon jetzt die Früchte davon zu tragen. Schüler, die nicht mehr verstehen, was „Sieg Heil!“ bedeutet und wie tief die Wunden davon in Deutschland und Europa heute noch sitzen.

Um jungen Menschen dabei zu helfen zu verstehen, dass Menschen, unabhängig von Hautfarbe, religiöser Identität oder Herkunftsland, wertvoll sind; um ihnen zu vermitteln, sich gegenseitig zu verstehen, zu akzeptieren und einander anzunehmen, bieten wir religiöse Workshops an. Diese werden vom LADS, dem Berliner Landesamt für Gleichbehandlung und gegen Diskriminierung, gefördert.

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