Unser Freiwilligen-Trip nach Costa Rica

„Wie gefährlich!“ - überall, wo wir hinkommen, bekommen wir die gleiche Antwort, wenn wir von Limon 2000 erzählen. Jeder, der dort lebt, scheint schon einmal im Gefängnis gewesen zu sein oder krumme Dinger gedreht zu haben. Unser Gruppenleiter vor Ort, Carlos, schärft uns von Anfang an ein, nicht alleine vor die Tür zu gehen, keine Wertsachen mit uns rum zu tragen und niemandem über den Weg zu trauen. Wir machen uns jetzt ein paar Sorgen, was unseren Einsatz vor Ort betrifft und haben ein wenig Angst davor, was uns erwarten wird. Aber es nützt ja nichts, wir haben uns dazu entschieden, am Projekt teilzunehmen. Gestern sind wir in Costa Rica eingetroffen und wir werden so gut wie möglich von Carlos auf das Projekt sowie auf Land und Leute vorbereitet. Mit einem etwas mulmigen Gefühl und vielen Unsicherheiten machen wir uns auf den Weg nach Limon 2000, einem kleinen Ort in der Nähe der Küstenstadt Limon.

Wir kommen am Samstagnachmittag zusammen mit Carlos am Einsatzort an und sind für einen Moment sprachlos. Nicht vor Angst oder beim Anblick des Dorfes, nein, wir sind überwältigt von den Menschen, die uns empfangen. Wir werden begrüßt, als wären wir alte Bekannte. Jeder freut sich, uns zu sehen und umarmt uns herzlich. Wir scheinen für den Pastor sowie seine Gemeinde, eine enorme Bedeutung zu haben, was uns zum ersten Mal richtig bewusst wird. Unsere Sorgen sind auf einmal verschwunden. Die Herzlichkeit, Wärme und Zuversicht, die uns entgegengebracht werden, lassen alles, was wir über den Ort gehört haben, auf einmal ganz unwichtig werden. Niemals hätten wir damit gerechnet, dass wir so positiv empfangen werden, Wahnsinn! Nachdem wir uns einen Eindruck von der Baustelle gemacht haben, begrüßt uns der Pastor in der Kirche und wir stellen uns kurz der Gemeinde vor. Im Anschluss daran nehmen uns unsere Gastfamilien, bei denen wir für die nächste Woche untergebracht sind, in Empfang.

Die nächste Woche stellen wir uns alle als sehr anstrengend vor, da wir jeden Tag auf der Baustelle arbeiten wollen. Für den Sonntag hat der Pastor die Gemeinde zur Hilfe aufgerufen, die restlichen Tage sollen wir mehr oder weniger alleine arbeiten und den Boden begradigen, Beton gießen und das Dach vorbereiten. In Deutschland benutzt man für sowas moderne Maschinen wie einen Kran, Bagger, oder Ähnliches. Die modernste Technik, die wir hatten: ein Zementmischer, Schaufeln, Hacken, Eimer mit Löchern und ein Stromgenerator, den wir lieber nur aus der Ferne betrachtet haben.

Klingt also nach viel harter Arbeit und wir fragen uns, ob wir das wirklich hinbekommen. Es ist tierisch heiß und außer Jonas hat noch keiner von uns große Erfahrung auf dem Bau. Als wir dann am ersten Arbeitstag beginnen, läuft alles ein wenig schleppend, wir sind vielleicht zehn Leute, wissen nicht genau, was zu tun ist und warten darauf, klare Anweisungen zu bekommen. Im Laufe des Tages kommen aber immer mehr Menschen dazu, um uns zu helfen und das Projekt zu unterstützen, sei es auf der Baustelle direkt oder bei der Zubereitung vom Essen und Erfrischungsgetränken (welche bei 42°C in der Mittagssonne echt nötig sind).

Durch die Unterstützung von professionellen Arbeitern wird schnell klar, was zu tun ist. Wir sind überwältigt von so viel Tatendrang und wissen zum Teil gar nicht mehr, wo wir anfassen können, da so viele Einheimische gekommen sind, um mit anzupacken. Der Pastor bezieht uns immer wieder in seine Gebete mit ein und äußert oft, dass durch unsere Ankunft und unsere Unterstützung eine neue Motivation aufgekommen sei, das Projekt weiter zu führen.

In der ganzen Woche sind so viele Menschen an dem Projekt beteiligt, sodass wir nie alleine sind und unser Wochenziel, den Boden zu betonieren, schon nach 3 ½ Tagen geschafft haben. Wir sind überwältigt und überglücklich. Da uns durch die gute und schnelle Arbeit noch Zeit zur Verfügung steht, halten wir noch Vorträge am College, um über unsere Bildungswege zu erzählen und den Schülern zu erklären, wie wichtig es ist, in die Schule zu gehen und eine Ausbildung zu machen.

Außerdem laden wir die Kids aus dem Dorf ein, mit uns auf dem Kirchplatz Fußball zu spielen. Ihre Begeisterung ist unbeschreiblich und die Neugier und Offenheit, die uns von den Kindern entgegengebracht wird, ist beeindruckend („Wie groß ist Deutschland? Mit was zahlt man da?“…und das wichtigste: „Was kostet eine Playstation?“).

Es war uns allen von Anfang an wichtig, nicht als Truppe Freiwilliger irgendwo hin zu kommen und dort unser Ding zu machen, sondern gemeinsam mit den Einheimischen etwas zu schaffen und Spaß zu haben. Für uns war es deshalb von vorneherein klar, dass wir nicht bevorzugt werden wollten und alle gleich behandelt werden sollten. Man muss vielleicht dazu sagen, dass das nicht ganz der Kultur der Ticos (der Costa Ricaner) entsprach, da bei ihnen der Gast in der Regel besser behandelt wird. Außerdem war es uns wichtig, jeden so anzunehmen, wie er war und als Mensch zu betrachten und unvoreingenommen zu sein, auch wenn wir zum Teil von den erschreckenden Vergangenheiten wussten. Wir begegneten jedem ohne Vorurteile und schenkten jedem ein Lächeln, teilten Essen und Getränke und machten viele Erinnerungsfotos. Wir wechselten uns bei der Arbeit ab und luden die Helfer ein, uns zum Strand zu begleiten, um nach dem Arbeitstag noch ein wenig zu entspannen.

Klar, unser Hauptziel war es, den Bau der Weiterbildungsstätte voran zu treiben und tatkräftig auf der Baustelle mitanzupacken. Es zeigt sich jedoch schnell, dass unser Aufenthalt in Limon 2000 mit erheblich mehr verbunden war: offensichtlich spendeten wir Hoffnung, schenkten Zuversicht und motivierten die Einheimischen, sich mehr für das Projekt zu engagieren. Wir sind unendlich dankbar für die enorme Gastfreundschaft und die umsorgende Art und Weise, die uns von allen und insbesondere von den Gastfamilien entgegengebracht wurden. Auch wenn die Unterkünfte sich deutlich in ihrem Standard unterschieden und jeder Familie unterschiedliche Mittel zur Verfügung standen, so kümmerten sich alle rührend um uns und versuchten, uns jeden Wunsch zu erfüllen. Wir hatten Glück und durften die Zeit bei einer tollen Familie mit Kindern verbringen, mit denen wir uns schnell anfreundeten und die uns jeden Abend zum Spielen in Beschlag nahmen.

Außerdem sind wir für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch unseren Organisator Carlos dankbar, der uns mit seiner abenteuerlichen Fahrweise, seiner Arbeitskraft und Ausdauer, seiner musikalischen Ader sowie seiner andauernden Art und Weise, uns zum Lachen zu bringen, beeindruckte.

Wir lachten viel und machten Späße, wir arbeiteten und kamen als Team gut voran. Wir alberten rum, freuten uns über das gute Essen (Reis und Bohnen und Reis mit Bohnen, mal getrennt, mal gemischt, morgens, mittags und abends) und viel zu süße Erfrischungsgetränke. Wir entspannten am Strand und gingen lachend durch den gefährlichsten Ort des Landes. Wir schlossen Freundschaften, wurden Teil einer Familie und weinten beim Abschied.

Wir bekamen letztendlich mehr, als wir geben konnten.

Hoffnung. Freunde. Don’t worry, be happy. Pura Vida. Amen.

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